Jahresrückblick
Ein verrücktes Jahr: Wie das Coronavirus rasch ins Limmattal kam

Anfang des Jahres war klar, was das Highlight im Limmattal werden sollte: Oberengstringen feiert ein 1150-Jahr-Jubiläum. Doch dann kam, was niemand auf der Rechnung hatte - ein Virus, das alles lahm legte. Ein Rückblick auf die vergangenen Monate.

Oliver Graf
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Eine Massnahme in einem verrückten Jahr: Im April hatte die Stadt Dietikon verschiedene Pärke wie die Allmend Glanzenberg gesperrt.

Eine Massnahme in einem verrückten Jahr: Im April hatte die Stadt Dietikon verschiedene Pärke wie die Allmend Glanzenberg gesperrt.

Bilder: og/zvg

10. Januar: Das neue Virus wird zum ersten Mal erwähnt

Zum ersten Mal berichtet die «Limmattaler Zeitung» auf ihrer Wissensseite in einem kleinen Zweispalter über ein «rätselhaftes Virus in China». Das Virus zeige die typische Morphologie eines Coronavirus, heisst es. Noch deutet wenig darauf hin, dass das Virus das Jahr prägen wird: Bislang sei bei 59 Personen in der zentralchinesischen ­Metropole Wuhan eine Infektion bestätigt, heisst es im Bericht.

7. Februar: Das Limmi kann Corona-Tests vornehmen

Die Zürcher Gesundheitsdirektion teilt mit, dass im Kanton nun sieben Spitäler Corona-Verdachtsfälle abklären können. Das Spital Limmattal gehört zu dieser Gruppe. Das neue Virus schafft es so zum ersten Mal in den Regionalteil der «Limmattaler Zeitung.»

29. Februar: keine Fasnacht, kein Fussballmatch

Für die Narren in der Region ein schwarzer Tag – wegen des noch immer als «neu» bezeichneten Virus werden in Urdorf, Weiningen und Bergdietikon die Fasnachtsumzüge und die weiteren Fasnachtsanlässe abgesagt. Auch das erste Spiel des FC Dietikon im Jahr 2020 findet nicht statt: Nach anfänglichem Zittern hätte zwar der feuchte Boden auf der Dornau die Partie gegen Balzers zugelassen, doch der Anpfiff bleibt wegen des Virus aus. Es ist der Beginn einer Serie von Absagen, die bis Ende Jahr in unterschiedlicher Ausprägung anhalten wird.

3. März: Das Aufrüsten im Virenkampf hat begonnen

Die Gemeinde Oberengstringen teilt mit, dass in den Schulen und im Gemeindehaus Desinfektionsstationen eingerichtet und Merkblätter aufgehängt wurden. «In der Öffentlichkeit stehende Personen verzichten vorerst aufs Händeschütteln», heisst es weiter. Nicht nur die Gemeinden decken sich mit Desinfektionsmitteln ein, auch die Limmattalerinnen und Limmattaler kaufen die Regale leer. Drogerien dürfen gemäss einem Entscheid des Bundesamtes für Gesundheit nun selber Mittel herstellen. Die Nachfrage ist riesig, heisst es etwa bei der Drogerie Locher: «Manchmal kommen wir kaum noch dazu, vor dem Verkauf unsere Etiketten auf die Flaschen zu kleben.»

5. März: Das Parlament tagt ohne Publikum und Apéro

Der Dietiker Gemeinderat trifft sich zu einer trostlosen Sitzung. Denn Gäste dürfen sich im Stadthaus nach einem Entscheid der Gemeindeführungsorganisation nicht mehr einfinden. Und dies gerade an der Sitzung, an der Gabriele Olivieri (CVP) zum Ratspräsidenten gewählt wird. Auch die Feierlichkeiten rund um dessen Wahl, die unter anderem einen feinen Apéro des italienischen Vereins Circolo Culturale umfasst hätten, müssen abgesagt werden. Im weiteren Jahresverlauf fallen in Dietikon und Schlieren einige Parlamentssitzungen aus, in den anderen Gemeinden die Rechnungsversammlungen.

13. März: Altersheime und das Spital schliessen die Türen

Die Schweiz erwartet das Ansteigen der ersten Welle: Die Massnahmen werden auf verschiedenen Ebenen verschärft. In den Limmattaler Pflegezentren und im Spital Limmattal wird an diesem Freitag ein generelles Besuchsverbot eingeführt, das die kantonale Gesundheitsdirektion vorgegeben hat. Das Verbot war nicht vorgängig angekündigt worden: «Andernfalls wären wir überrannt worden, wenn alle ihre Verwandten und Freunde vor der Schliessung noch einmal hätten besuchen wollen», heisst es beim Spital. Dies wäre aus epidemiologischer Sicht falsch gewesen.

16. März: Die Schülerinnen und Schüler bleiben zuhause

An diesem Montag sind die Schulanlagen im Limmattal – wie landesweit – weitgehend verwaist: Der Bundesrat hatte das Verbot des Präsenzunterrichts an den obligatorischen Schulen drei Tage zuvor, am Freitag, dem 13. März, beschlossen und verkündet. Die Schulpflegen in der Region erarbeiteten in der Folge rasch Konzepte, um auf Fernunterricht umzustellen. Nach zwei Monaten des Corona-Lockdowns kehren die Schülerinnen und Schüler am 11. Mai wieder auf die Schulanlagen zurück. Anfänglich bleibt es dann bei Halbklassen-Unterricht, was wieder neue Stundenpläne erfordert.

24. März: Dorfarzt sorgt sich wegen der Notunterkunft

Abstand halten – und in einem Bunker leben? Das geht für Hausarzt Theo Leutenegger nicht auf. Er kritisiert, dass sich in der Urdorfer Notunterkunft für abgewiesene Asylbewerber das Coronavirus schnell verbreiten könnte. Und dieses dann, da einige der Bewohner auch in Urdorf verkehren, ins Limmattal hinausgetragen werden könnte. «Dies ist beunruhigend.» Auch Gruppen, die den Bunker seit Jahren als ungeeignete und unmenschliche Unterkunft bezeichnen, sorgen sich: Der Kanton nehme es in Kauf, dass sich die abgewiesenen Asylbewerber anstecken würden. Dieser weist die Vorwürfe zurück; es seien Gesundheits- und Pandemiekonzepte erarbeitet und die Belegungsdichte reduziert worden.

Am 25. September wird ein Bewohner positiv getestet, am 30. September ein Betreuer. Daraufhin werden in der Unterkunft alle getestet; 16 Bewohner und 2 Betreuer haben sich mit dem ­Coronavirus angesteckt. Die Unterkunft wird vorübergehend geschlossen, alle 36 abgewiesenen Asylbewerber werden in das ehemalige Pflegezentrum Erlenhof in der Stadt Zürich verlegt. Die Ansteckungen sorgen für eine erneute Welle der Kritik. Der Kanton verweist darauf, dass das Restrisiko einer Ansteckung überall bleibe – trotz aller Vorsicht und Massnahmen könne es in Schulklassen, in Pflegezentren und im Rückkehrzentrum Urdorf zu Coronafällen kommen.

27. März: die Feuerwehren und ihre halb leeren Fahrzeuge

Die Feuerwehren in der Region müssen einsatzfähig bleiben. Um Ansteckungen zu vermeiden, verzichten sie vorerst auf grosse Übungen und rücken im Ernstfall mit mehr Fahrzeugen aus – denn die Hälfte der Sitze bleibt leer, um die geforderten Mindestabstände einhalten zu können. Die Feuerwehren bleiben dennoch schnell, ja sind allenfalls noch etwas schneller: Da viele der 85 Dietiker Feuerwehrleute im Homeoffice sind, müssten sie bei einem Alarm nicht von der allenfalls auswärts gelegenen Arbeitsstelle einrücken, sagt Stabsoffizier Roger Wiederkehr.

3. April: Dietikon schliesst Grill- und Spielplätze

Weil sich auf den öffentlichen Anlagen zu viele Personen tummeln und die vorgegebenen maximalen Gruppengrössen nicht eingehalten werden, ergreift die Stadt Dietikon «sehr einschneidende Massnahmen», wie sie diese selber bezeichnet: Sie sperrt Spielplätze und Pärke wie die Allmend Glanzenberg mit Gittern ab. Auch andere Gemeinden im Limmattal schliessen ihre Hotspots wie Spiel- und Grillplätze, andere verzichten auf Absperrungen.

27. April: Anstehen für Werkzeuge und Blumen

Die ersten Geschäfte öffnen nach dem Lockdown wieder. Unter anderem vor dem Bauhaus in Schlieren und beim Gartencenter Hoffmann in Untereng­stringen bilden sich lange Warteschlangen. Gelbe Abstandsmarkierungen haben sich zu diesem Zeitpunkt bereits etabliert, eine Maskenpflicht ist aber noch kein Thema.

13. Juni: Der Scheibenwischer ersetzt den Applaus

Nach dem langen Lockdown, der auch Kulturanlässe verunmöglicht hat, wird in Dietikon endlich wieder gelacht und geslamt: Eine Drive-in-Bühne auf einem Lastwagenparkplatz im Indus­triegebiet Silbern macht es möglich. Die vier vom Duo Lapsus, dem Gleis 21 und der Pestalozzi-Gruppe organisierten Abende, die sich an den Autokinos orientieren, werden zum Erfolg.

1. August: ruhiger und dezentraler Nationalfeiertag

Die 1.-August-Feiern werden vielerorts coronabedingt abgesagt. Teilweise erfolgt dies kurzfristig; so fällt der Absage­entscheid für den Anlass in der Fahrweid erst am Abend des 30. Juli. Dietikon setzt derweil auf eine dezentrale Feier: Stadtpräsident, Redner und (kleine) Musik ziehen durch die Stadt und feiern (kurz) in vier Quartieren.

22. August: Es scheint wieder aufwärtszugehen

Im Gleis 21 in Dietikon findet mit dem Theatertag die Saisoneröffnung statt. Die Fussballer stehen wieder im Meisterschaftsbetrieb. Vor einer Woche sind die Schulen ins neue Schuljahr gestartet, nur 21 Schüler im Limmattal mussten diese ersten Tage nach der Rückkehr aus den Sommerferien in Quarantäne verbringen.

29. August: Die Absagewelle steigt schon wieder an

Die Fallzahlen steigen wieder. Das Oberengstringer Dorfplatzfest wird deshalb nun doch auch abgesagt. Dietikon streicht bis Ende Jahr alle Grossanlässe, Urdorf verzichtet gar schon bis Ende Februar auf alle nicht zwingend durchzuführenden Veranstaltungen. Im Laufe der kommenden Wochen werden weitere Anlässe gestrichen. Auch die Fasnacht 2021 wird im Limmattal nach langem, letztlich vergeblichen Hoffen doch wieder ausfallen.

28. Oktober: Das Limmi vergrössert das Testzentrum

Zu Beginn der Pandemie hatte das Spital Limmattal sein Corona-Testzen­trum in einer Garage bei der Notfallstation eingerichtet. Die steigenden Test- und Fallzahlen führen zu langen Warteschlangen im Freien. Nun nimmt das Limmi an der Spitalstrasse ein grösseres Zentrum in Betrieb.

11. November: Festhalten an Gemeindeversammlungen

Fast alle Budget-Gemeindeversammlungen werden im Limmattal wie geplant stattfinden. Nur die Gemeinde Urdorf macht von der vom Kanton kurzfristig geschaffenen Möglichkeit Gebrauch, die Geschäfte am 31. Januar 2021 an die Urne zu bringen.

9. Dezember: Das Jubiläum wird langfristig geplant

Als Höhepunkt im Jahr 2020 hatte im Limmattal – bevor das Coronavirus auf den Plan trat – die grosse Festreihe zum 1150-Jahr-Jubiläum der Gemeinde Oberengstringen gegolten. Diese fiel wegen der Pandemie jedoch aus. Die Festivitäten werden aber nachgeholt, wie der Gemeinderat an seiner Sitzung im Dezember entscheidet: 2025 dürften coronabedingte Einschränkungen kein Thema mehr sein und Oberengstringen wird dann sein 1155-jähriges Bestehen feiern.

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