Urs Freimann ist aus den Ferien zurückgekehrt und muss einkaufen gehen. Auf dem Weg zum nächsten Laden läuft er auf einen Zebrastreifen zu. Er stellt sich die Frage, ob er überhaupt stehen bleiben muss und schauen soll, ob ein Auto kommt. «Es bringt doch sowieso nichts.» Noch vor wenigen Minuten stellte Freimann die Koffer in seiner Wohnung ab, danach telefonierte er mit seinem Hausarzt. «Herr Freimann, Sie sind HIV positiv. Aber machen Sie sich keine Sorgen, daran sterben nur 20 Prozent», teilte dieser ihm nüchtern mit. Der Schock sitzt tief. Er bleibt am Zebrastreifen stehen. Nicht wegen sich, sondern wegen des Autofahrers, der ihn hätte überfahren können, sagt er. Nie hätte er an diesem Tag, dem 2. September 1985, gedacht, dass er fast dreissig Jahre später mit der unheilbaren Krankheit noch leben würde. «Im Gegenteil. Ich dachte die Diagnose ist mein Todesurteil.»

Heute sitzt der 52-jährige IV-Rentner gerne in seiner Wohnung in Urdorf und hört sich alte Platten an. Rock 'n' Roll oder guter Hip-Hop muss es sein. Der Schock ist überwunden, längst hat er sich an ein Leben mit HIV gewöhnt. Er redet viel und oft über seine Erfahrungen. Im Freundeskreis sei er deswegen eine wichtige Ansprechperson geworden, was ihn stolz macht. Er sitzt da und erzählt. Immer wieder schweift sein Blick zum Fenster. Erinnerungen werden wach. Vieles zeugt von einer bewegten Vergangenheit. Die Krankheit habe ihn verändert. Er öffnet das Fenster, denn manchmal kriege er plötzlich Hitzewallungen und Schweissausbrüche. Hinzu kommt, dass ihn seine Geschichten aufwühlen, weshalb er eine Zigarette nach der anderen anzünden muss, sagt er.

Mit jeder Tablette an Vergangenheit erinnert

An den Wänden hängen Bilder von Gebäuden und Hafen, eine Bierdeckelsammlung – das alles sind Souvenirs von seinen Reisen. Es wirkt so, als ob sich Freimann seine Faszination an der grossen weiten Welt in seine 3,5-Zimmer-Wohnung in Urdorf geholt hätte. Ins Auge sticht auch ein Stop-Schild, das über dem Sofa hängt. «Das habe ich auf einem Flohmarkt ergattert», sagt er und schmunzelt ein bisschen. Das Schild stehe symbolisch für seine Jugend. Es war eine wilde Zeit, erinnert er sich. An viele Demos sei er gegangen, stand immer an vorderster Front. «Ich war halt sehr bewegt», so Freimann. In der «Riviera-Szene» am Limmatquai kannte er sich in den frühen Achtzigern bestens aus. Dort steckte er sich möglicherweise auch mit dem HI-Virus an. «Wir teilten die Spritzen», sagt Freimann mit gesenktem Kopf. Er war eine Zeit lang heroinsüchtig. Ein Kapitel in seiner Vergangenheit, auf das er nicht gerne zurückschaut. Und doch wird er mit jedem Tag, und mit jeder Tablette, die er gegen das Virus einnimmt, daran erinnert.

Damals hätte man keine andere Möglichkeit gehabt, als die Spritzen zu teilen. Ein Fixer kam nur schwer an eine sterile Spritze heran. «Sie dachten, wenn Spritzen für jedermann verfügbar sind, fangen noch mehr Menschen mit Heroin an.» Als er stark abhängig war – im Jahr 1983 – wusste in seiner Szene niemand, was Aids oder HIV ist, geschweige denn, wie es übertragen wird, sagt Freimann. Die Zürcher Fixer wurden lediglich «mal» informiert, dass sie die Spritze nicht teilen sollten, weil sie sich sonst mit Hepatitis B anstecken könnten. «Ab und zu schauten wir sogar, ob jemand eine gelbliche Färbung in den Augen hat. Eine Art Vorsichtsmassnahme.» Aber HIV konnten sie einander nicht ansehen.

Angst um den Job

Kurz vor der Diagnose schaffte Freimann den Entzug. Er arbeitete bei einer Hilfsorganisation in Luzern. Er war ausserdem frisch verliebt, alles lief super. Nur fühlte er sich zunehmend angeschlagen und hatte immer wieder starke Kopfschmerzen. Er ahnte, dass er HIV positiv ist. Als er Freunde und Familie informierte, stiess er auf offene Ohren. Alle wollten ihm helfen, so gut es ging. Für ihn war auch klar, dass er seinen Arbeitgeber informieren will.

«Natürlich befürchtete ich, dass ich meinen Job verliere», so Freimann. Aber er hatte Glück, wie er sagt, und konnte seine Stelle vorerst behalten. Auch sein Karatelehrer schickte ihn nach der Beichte nicht nach Hause, sondern in die Kabine, um sich umzuziehen. «Das Training fängt bald an», habe dieser gesagt, und Freimann habe sich über die Unterstützung seines nahen Umfelds «riesig gefreut».

Trotzdem ist Stigmatisierung kein Fremdwort für den 52-Jährigen. Vielen Diskriminierungen musste er begegnen und sie hinnehmen. «Manche weigerten sich sogar, mir die Hand zu schütteln.» Auch wurden Stimmen laut, HIV-Infizierte mit einer Tätowierung zu kennzeichnen. «Ich hatte Angst. Werden Leute wie ich jetzt auch noch deportiert und eingesperrt?» Freimann spielte mit dem Gedanken, abzutauchen. Dann ab dem Jahr 1990 besserte sich die Lage. Dank Prominenten wie Freddie Mercury und Elisabeth Taylor wusste plötzlich jeder Bescheid. «Die Solidaritätswelle und die Thematisierung in der Öffentlichkeit war eine Erleichterung für uns Betroffene», erinnert sich Freimann.

Frau hat sich nicht angesteckt

Die zunehmende Prominenz von HIV und Aids mobilisierte auch Kräfte, um Medizin gegen die scheinbar unaufhaltbare Pandemie zu finden. Was einerseits positiv für die Betroffenen war – aber es hätte auch seine Schattenseiten gehabt, so Freimann. Er musste vieles ausprobieren und an sich austesten lassen. Zahlreiche Medikamente wurden ihm verabreicht. Auch jene, die ihm mehr Schaden zufügten, als dass sie ihm geholfen hätten. «Ich hatte Magenkrämpfe, konnte tagelang nichts essen. Ich hatte auch Halluzinationen.» Wenige Ärzte wussten, wie sie einen HIV-Patienten behandeln sollten. «Dann hiess es jahrelang ich soll meine Tabletten morgens und abends einnehmen. Dabei musste man die exakt jeden Tag in der gleichen Zeitspanne von etwa 5 Minuten einnehmen», ärgert sich Freimann.

Deswegen habe sich damals sein Zustand kontinuierlich verschlechtert, regelmässig hatte er Fieber. Er ist froh, dass er heute seinen Medikamenten-Mix, bestehend aus drei Präparaten, gefunden hat. Nicht nur weil er sich deswegen besser fühlt. «Das Virus ist in meinem Blut nicht mehr nachweisbar», sagt Freimann stolz. Das Risiko jemanden anzustecken, sei äussert gering, wenn nicht gänzlich ausgeschlossen. Elf Jahre war er verheiratet. «Meine Ex-Frau kam negativ in die Ehe und ging negativ aus der Ehe.»

Der Mut, zu sich zu stehen

Aids ist bei Freimann noch nie ausgebrochen. «Aber ich hatte mal eine schwere, doppelseitige Lungenentzündung, die mich dem Tod nahebrachte», sagt er. Man müsse sich halt bewusst sein, dass man als HIV-Betroffener ein schwaches Immunsystem hat. Bei ihm reichte ein wenig Zugluft, und schon schwebe er in Lebensgefahr. Deswegen sei er dankbar, dass er in Urdorf eine warme Wohnung hat. Arbeiten kann Urs Freimann schon seit dem Jahr 1987 nicht mehr, auch wenn er es lange Zeit noch versuchte. Freimann hat durch die Krankheit gelernt, nicht leichtsinnig mit dem Leben umzugehen.

Ihm sei es wichtig, über HIV und seine Geschichte zu sprechen. Denn eines hätte ihm die Krankheit nie weggenommen: Den Mut zu sich zu stehen. So wie er als Jugendlicher immer zu seinen Meinungen in den zahlreichen Demonstrationen stand, so stehe er auch heute ohne Scheu hin und sagt offen: «Ich bin HIV-positiv.» Er sehe es schliesslich nun als seine Aufgabe, die Menschen über diese Krankheit aufzuklären.