Bezirksgericht Dietikon
Ein untypischer Fall «Carlos»: Worum es vor Gericht geht

Vor dem Prozess um den «Ex-Jugendstraftäter», der als «Carlos» bekannt wurde und nun als Erwachsener vor Gericht steht: Worum es diesmal geht.

Oliver Graf
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Der 17-jährige Carlos, links beim Kampfsporttraining in Reinach BL.

Der 17-jährige Carlos, links beim Kampfsporttraining in Reinach BL.

Keystone

Im TV-Dokumentarfilm «Der Jugendanwalt», der ihn berühmt und berüchtigt machte, hatte er nur eine Nebenrolle gespielt. Seither stand er jedoch im Zentrum unzähliger Berichte. Morgen muss er sich nun vor dem Bezirksgericht Dietikon verantworten. Zum ersten Mal in einer öffentlichen Verhandlung nach dem Erwachsenenstrafrecht.

Und der junge Mann steht wegen Delikten vor dem Richter, die auf den ersten Blick so typisch für den Mann erscheinen, der oft «Ex-Jugendstraftäter» genannt wird, als ob das eine Berufsbezeichnung wäre. Doch vieles ist anders.

Wieder mit dem Messer

Vorgeworfen wird «Carlos», wie das Pseudonym des bald 20-Jährigen lautete, unter anderem ein Streit, der ausgeartet sein soll. Der junge Mann war an einem Dienstagnachmittag im Oktober 2014 an der Zürcher Langstrasse unterwegs – da bedrohte er über die Strasse hinweg einen Mann mit einem 20 Zentimeter langen Messer. In einem Hinterhof soll der muskulöse Thaiboxer dann auf den Mann eingeredet, ja eingeschrieen haben. Der spanisch sprechende Mann hat zwar kaum etwas verstanden, laut Anklageschrift der Staatsanwaltschaft war der Ton «Carlos» aber «laut und aggressiv». Damit, so die Anklage, sei der Tatbestand der «Drohung» erfüllt.»

Als «Carlos» dann die Sirene eines Polizeiwagens vernahm, rannte er über die Bäckeranlage davon und liess sich erst nach mehreren Stopp-Rufen verhaften. «Carlos» habe mit seinem Fluchtversuch den beiden Polizisten die Festnahme «erheblich erschwert», sagt die Staatsanwaltschaft. Das, sagt sie in ihrer Anklageschrift, sei «Hinderung einer Amtshandlung».

Zudem wirft sie dem jungen Mann in verschiedenen Fällen Sachbeschädigungen vor. Im Januar und Februar 2014 hatte «Carlos» im Massnahmenzentrum Uitikon in seiner Wohnzelle sowie in verschiedenen Disziplinarzellen gewütet. Laut Anklage hat er unter anderem «mittels Körpergewalt ein circa 60 mal 60 Zentimeter grosses Loch in die Gipsdecke eingeschlagen». Verschiedentlich hat er auch alle Abflussmöglichkeiten in der Zelle mittels Stofflappen verstopft und den Raum so geflutet, wodurch etwa die Matratze und ein Ventilator unbrauchbar wurden. Der Sachschaden für Reinigung und Reparatur wird für die fünf Vorkommnisse auf insgesamt 8903.60 Franken geschätzt.

Es scheint klarer als es ist

Blinde Zerstörungswut? Mit dem Messer herumgefuchtelt? Vor der Polizei davongerannt?

Auf den ersten Blick erstaunt dies nicht weiter – als typisch «Carlos» erscheinen diese Delikte, wenn man auf dessen Vorgeschichte blickt.

Doch ganz so klar scheint das Bild doch nicht zu sein. Die «Drohung» auf der Langstrasse etwa wird in der Anklageschrift so umschrieben: «Carlos» habe vom linksseitigen Trottoir der Langstrasse seinem Kontrahenten, der sich auf dem Trottoir auf der anderen Strassenseite befand, «unvermittelt mit der rechten Hand ein Messer mit einer Gesamtlänge von circa 20 Zentimeter entgegen gehalten, wobei er den rechten Arm mit dem Messer in der Hand mehr oder weniger gestreckt an seinem Oberkörper entlang nach unten hielt». Entgegenhalten – mit nach unten ausgestrecktem Arm? Umstritten ist zudem, wie «intensiv» die Auseinandersetzung im Hinterhof war. Laut Anklageschrift befanden sich «Carlos» und sein Widersacher in einem «wechselnden Abstand zwischen circa vier bis circa zwölf Metern». Der verbal Angegriffene hatte sich dabei «zu seiner Verteidigung im fraglichen Hinterhof eines armlangen Eisenrohres behändigt» und «hielt zudem einen Pfefferspray bereit».

Der Vorfall dauerte vom ersten Zücken des Messers auf der gegenüberliegenden Strassenseite bis zur Verhaftung etwa zwölf Minuten, wie der Anklageschrift zu entnehmen ist.

Ob nun der Tatbestand der «Drohung» erfüllt ist, dürfte morgen vor Bezirksgericht Dietikon umstritten sein. Laut Strafgesetzbuch muss der Täter in diesem Fall das Opfer «durch schwere Drohung in Angst und Schrecken versetzen». Das Zürcher Obergericht hatte im April festgehalten, dass zumindest die Frage aufkommen könne, ob das Opfer hier wirklich in Angst und Schrecken versetzt worden sei – es sei nämlich ziemlich «mutig aufgetreten».

Die Verteidigung von «Carlos» hatte bereits früher erklärt, dass der Vorfall auf einem Video dokumentiert sei. Dabei werde der Angriff relativiert oder Zeugenaussagen zumindest teilweise widerlegt. Das ist natürlich die Sicht der Verteidigung. Das Obergericht, das das Video gesehen hatte, meinte diesbezüglich aber auch: «Dieser Auffassung kann jedenfalls nicht leichthin widersprochen werden.»

Einen materiellen Entscheid zum Langstrassen-Vorfall hatte das Obergericht im April nicht gefällt. Es ging damals um die Entlassung von «Carlos» aus der Untersuchungs- und Sicherungshaft. Angesichts der Schwere der im Raum stehenden Vorwürfe entschied das Obergericht, den jungen Mann nach sechs Monaten unverzüglich auf freien Fuss zu setzen. Eine längere Haft sei angesichts des morgen anstehenden Verfahrens nicht verhältnismässig, hielt das Obergericht fest.

Eine lange Justizkarriere

Unbestritten dürften die Sachbeschädigungen im Massnahmenzentrum sein – die Verteidigung dürfte diesbezüglich aber auf die Umstände und die Biografie von «Carlos» hinweisen.

Zwar blickt der bald 20-Jährige auf eine lange Justizkarriere zurück. Der Sohn eines Schweizers und einer Afrikanerin, der in einem Pariser Vorort aufwuchs und, um es verkürzt zu sagen, eine schwierige Kindheit hatte, verbrachte mehrere Jahre in Gefängnissen, Anstalten und Heimen. Eine für einen Jugendlichen lange Haftstrafe von neun Monaten fasste «Carlos» als 15-Jähriger – im Streit stach er mit einem Messer auf einen Gegner ein.

Doch als dann dieser Dok-Film über den Jugendanwalt gesendet wurde, hatte «Carlos» alle seine Strafen abgesessen. Und die intensive Sonderbetreuung schien zu funktionieren. Gemäss verschiedenen Berichten hatte sich «Carlos» in diesem Sondersetting, das mehr als ein Jahr lief, positiv entwickelt; die Hoffnung auf eine Thaibox-Karriere schien ihm zum ersten Mal gewisse Perspektiven zu eröffnen.

Doch nach dem Film wurden die monatlichen Kosten von 29 000 Franken als «Sozial-Wahn» kritisiert (ausgeblendet wurde, dass ein Platz in der Psychiatrie teurer gewesen wäre, dass ein Gefängnisplatz in etwa ähnliche Kosten generiert hätte). Wegen des Medienrummels wurde «Carlos» in Haft gesetzt und ins Massnahmenzentrum Uitikon gesteckt; als Begründung wurde angeführt, dass dessen Sicherheit nicht gewährleistet sei. Das Bundesgericht verurteilte dies später scharf – eine Haft sei weder zu erklären noch zu rechtfertigen. Die obersten Richter sprachen gar von Willkür.

In einem Interview mit der «Weltwoche» sagte «Carlos» zu jener Zeit aus dem Gefängnis heraus: «Ich habe vieles falsch gemacht, aber seit ich vor über einem Jahr die Chance bekam, mich zum Thaiboxer ausbilden zu lassen, habe ich immer alles genau so getan, wie man es von mir verlangte. Es gibt keinen Grund, mich einzusperren.» Die Verteidigung dürfte so wohl die Sachbeschädigungen zwar nicht zu entschuldigen, aber zu erklären versuchen – dass sie nicht typisch für «Carlos» waren, sondern aus einer Sondersituation hervorgegangen waren.

Therapie statt Gefängnis

Die Staatsanwaltschaft fordert wegen mehrfacher Sachbeschädigung und der Drohung eine unbedingte Freiheitsstrafe von elf Monaten. Wegen Hinderung einer Amtshandlung verlangt sie eine Geldstrafe von 15 Tagessätzen. Ins Gefängnis soll «Carlos» aber nicht. Die Staatsanwaltschaft verlangt eine «ambulante Massnahme», die laut Strafgesetzbuch für «psychisch schwer gestörte» oder «von Suchtstoffen oder in anderer Weise abhängige» Täter vorgesehen ist. Was die Verteidigung geltend macht und welche Anträge sie bezüglich Strafmass stellen wird, ist noch unklar. Das wird sich im Rahmen des Plädoyers weisen.