Weihnachtsgeschichte
Ein ungewöhliches Fest: Alle lieben Elvira

Elviras Tochter hat sich schon damit abgefunden, dass ihre Mutter etwas anders tickt als andere Mütter. Ausser an Weihnachten. Wie Elvira sich da jeweils benimmt, daran wird sich das Mädchen wohl nie gewöhnen. Doch dieses Jahr kommt alles anders.

Martin von Aesch
Merken
Drucken
Teilen
Wenn die Mutter nicht da ist, hilft halt Nikolaus beim Baumschmücken. Auch wenn dersich dabei mit seinem Bart im Baum verheddert. Illustration: Bernhard Bamert

Wenn die Mutter nicht da ist, hilft halt Nikolaus beim Baumschmücken. Auch wenn dersich dabei mit seinem Bart im Baum verheddert. Illustration: Bernhard Bamert

Was sie auch tut, alle klatschen immer schmunzelnd Beifall und denken wohl: «Diese Elvira. So was kann sich aber wirklich nur sie erlauben.»

Dass sie grundsätzlich mit zwei verschiedenen Socken daherkommt, die sie dann auch noch offen zur Schau trägt, ist wohl ihre kleinste Marotte. Auffälliger ist der Rest ihrer Garderobe, die in erster Linie aus Morgenmänteln aller Art besteht. Und dann diese Zigarren, die sie immer und überall raucht.

Am liebsten, wenn sie auf dem Kickboard durch unser Quartier rauscht. Aber auch ihre furchterregenden Geschichten, die sie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zum Besten gibt, finden bei Gross und Klein Anklang. Und wenn sie dann zum Schluss eines geselligen Abends auch noch die Gitarre vom Haken nimmt und eines dieser schrulligen Lieder singt, dann hat sie auch die Letzten im Sack.

Sie ist halt eben ein echtes Unikum, wie alle sagen, und als solches aus unserem Quartier nicht wegzudenken.

Doch wieso um alles in der Welt muss dieses Unikum meine Mutter sein?

Wie hatte ich mich, als ich noch kleiner war, über Elvira geärgert. Und mich für sie geschämt. Ja, eher geschämt als geärgert. Was aber absolut verständlich ist. Denn welches kleine Mädchen hat es schon gern, wenn es die eigene Mutter Elvira nennen muss. Wobei ich das ja mit Leichtigkeit hingekriegt habe. Wenn da nicht ihre verrückten Auftritte gewesen wären.

So erinnere ich mich noch haargenau, wie sie zum Beispiel das erste Mal auf Schulbesuch kam. Natürlich im Morgenmantel. In einem hellgrünen mit Osterhasenmuster. Heute kann ich lachen, wenn ich daran zurückdenke. Aber damals wäre ich am liebsten im Boden versunken.

Mitten in der Stunde Tür auf, mit einem riesigen Knall wieder zu, drei, vier Schritte ins Klassenzimmer und dann diese Bemerkung: «Hallo Kinder! Ich heisse Elvira. Und wie heisst ihr?»

Nachdem sie alle Kinder, denen der Kiefer vor Staunen herunterhing, persönlich begrüsst hatte, setzte sie sich hinter mich und flüsterte so laut, dass es alle hörten: «Meinst du, es stört jemanden, wenn ich hier eine Zigarre rauche?»

Wie gesagt: Ich schämte mich. Ich schämte mich sogar gewaltig. Deshalb war ich ziemlich überrascht, dass alle meine Freundinnen meine Mutter so unglaublich toll fanden. Von diesem ersten Schulauftritt an bin ich an alle Kindergeburtstage eingeladen worden. Auch an die meiner grössten Feindinnen. Aber nie allein. Sondern immer zusammen mit Elvira. Das war mir damals so was von peinlich.

Aber wie auch schon gesagt, heute, mit meinen elf Jahren, kann ich darüber lachen. Oder mehr noch: Ich finde Elvira mittlerweile eigentlich absolut in Ordnung.

Doch halt! Da gibt es etwas, was mich immer noch stört. Und daran werde ich mich wohl auch nie gewöhnen. Es ist die Art, wie sie sich an Weihnachten benimmt. Natürlich haben wir darüber gesprochen, und sie hat auch versucht, mir alles zu erklären.

Während des ganzen Jahres gehe es ihr wirklich gut, hat sie gesagt, aber an Weihnachten werde sie immer irgendwie traurig, habe das Gefühl, dass sie etwas vermisse, wobei sie mir nicht sagen könne, was ihr denn genau fehle. Die Folge dieses Gefühls sei jedenfalls, dass sie abhauen müsse.

Genau so ist es heute auch wieder passiert. Als ich am Morgen dieses 24. Dezembers aufstand, lag wie jedes Jahr ein Zettel auf dem Küchentisch.

«Bin noch schnell in die Stadt gefahren, um einige letzte Einkäufe zu machen. Komme aber bald zurück. Beginn doch bitte, den Christbaum zu schmücken.»

Wenn ich gesagt habe, dass ich Elvira mittlerweile in Ordnung finde, dann bezieht sich das also auf dreihundertvierundsechzig Tage des Jahres. Aber sicher nicht auf den Heiligen Abend. Wie gerne hätte ich einmal mit Elvira zusammen erst den Christbaum geschmückt, dann gekocht, nachher Lieder gesungen, Geschenke ausgepackt und zum Schluss gemeinsam gegessen.

Aber nein, das war mit ihr nicht
möglich.

Immer muss ich den Baum aufstellen, was ich allein nie schaffe. Deshalb muss ich jeweils Herrn Weibel, der mit seiner Familie ein Stockwerk über uns wohnt, um Hilfe bitten. Dann schmücken. Und anschliessend warten. Lange warten. Nicht einmal kochen ist erlaubt, weil Elvira auf dem Rückweg aus der Stadt immer noch rasch beim Pizzaservice an der Ecke vorbeigeht und dann gegen acht Uhr abends so hundemüde eintrudelt, dass sie bereits eine Viertelstunde später auf dem Sofa schläft.

An diesem Abend machte ich mich ausnahmsweise erst gegen sechs Uhr daran, den Christbaum vom Balkon in die Stube zu schleppen. Ich versuchte aber gar nicht erst, ihn aufzustellen, weil ich das eh nicht geschafft hätte. Ich wollte gleich bei der Familie Weibel klingeln, die wohl schon lange darauf wartete. Als ich auf den Flur trat, hörte ich, wie jemand das Treppenhaus heraufkeuchte. War das etwa schon Elvira?

Ich wartete einen Augenblick. Und staunte dann. Denn es war zwar jemand, der eine Art Morgenmantel trug. Aber es war nicht Elvira. Es war der Nikolaus mit einem riesigen Sack auf dem Rücken.

«Ho, ho!», rief er mir ausser Atem zu, als er mich erblickte.

«Du hast dich wohl im Tag geirrt», warf ich ihm schnippisch an den Kopf. «Heute ist der Heilige Abend und nicht der 6. Dezember.»

«Der Nikolaus irrt sich nie, meine junge Dame», antwortete er mit tiefer Stimme, stellte dabei den Sack ab, weil er, wie es schien, eine kleine Pause einlegen musste, und baute sich vor mir auf.

Eine beeindruckende Erscheinung. Echt wahr. Nur etwas störte das Bild. Aber was? Erst auf den zweiten Blick wusste ich, was es war: die Nase. Dieses riesige Ding mit diesem imposanten Haken, das weit über den wilden Bart herausragte und mit dem man wohl auch eine Konservendose öffnen könnte, hätte wohl eher zu einer Comicfigur gepasst.

«Willst du etwa behaupten, dass es Familien gibt, die dich auf den 24. Dezember bestellen?», fragte ich und grinste ihn dabei breit an.

«Das ist so. Und es geschieht immer häufiger», antwortete er und nickte langsam. «Der Besuch bei der Familie Weibel ist heute bereits der dritte. Aber danach ist zum Glück Schluss.»

«Moment!», wandte ich ein. «Erst muss Herr Weibel mir beim Christbaumaufstellen helfen. Dann kannst du deinen Besuch machen.»

«Vielleicht kann ja ich dir rasch zur Hand gehen. Ich bin sowieso etwas zu früh», sagte der Nikolaus.

Also machten wir zwei uns mit vereinten Kräften ans Werk. Etwas wurde mir dabei gleich klar: Herr Weibel ist um einiges geschickter als dieser Nikolaus, denn er stellte sich ziemlich doof an. Zum Schluss, der Baum stand schon fast gerade, verhedderte er sich sogar noch so mit seinem Bart in den Nadeln, dass er sich allein nicht mehr befreien konnte.

«Um Himmels willen nicht bewegen», schrie ich entsetzt. «Denn sonst fällt der Baum wieder um. Warte einen Moment, ich helfe dir!»

Ich eilte in die Küche und holte die Schere, mit der ich dann Stück für Stück Bart von Baum und Baum von Bart trennte, was gar nicht so einfach war, weil mir seine riesige Hakennase andauernd in die Quere kam.

«Sag mal! Wo sind denn deine Eltern? Eigentlich wäre das Vorbereiten und Schmücken ja ihre Aufgabe.»

«Einen Vater gibt es hier nicht. Nur Elvira. Und die hat mit Weihnachten ein bisschen Mühe. Falls du verstehst, was ich meine.»

Da er nicht verstand, erzählte ich ihm dann halt eben, dass Elvira am 24. Dezember immer frühmorgens verschwindet und jeweils erst gegen acht Uhr mit Geschenken und zwei Pizzas zurückkehrt. Dies aus Gründen, die sie mir zwar erklärt habe, die ich aber nicht verstehen könne.

«Diese Erwachsenen!», murmelte er in seinen gestutzten Bart. «Eigentlich hätte ich am 6. Dezember bei euch vorbeikommen sollen, um deiner Mutter einmal richtig die Leviten zu lesen. Aber vielleicht ...» Er stockte und fügte dann hinzu: «Der Besuch einen Stock höher dauert sicher bis sieben. Vielleicht ... Schauen wir mal. Jetzt muss ich aber los. Dann also: Ein schönes Fest, trotz allem!», sagte er mit fester Stimme, nickte mir zu und war weg.

Eine Stunde später war der Baum geschmückt. So blieb mir nichts, als zu warten. Um Punkt acht Uhr riss Elvira die Wohnungstür auf und betrat gleich die Stube, wo ich gelangweilt in einem Sessel hing.

«Hör zu, mein Mädchen!», sagte sie, strahlte dabei und legte die Schachteln mit den beiden Pizzas auf den Tisch. «Heute ist alles ein bisschen anders. Darum haben wir auch noch sehr viel zu tun. Erst stellst du die beiden Pizzas im Ofen warm und bereitest dann den Tisch vor. Mit allem was dazugehört. Ich meinerseits muss schnell nochmals los, bin aber mit Sicherheit in einer Viertelstunde wieder zurück. Dann begutachten wir zusammen den Baum und schauen, ob wir da vielleicht noch etwas ändern müssen. Um Punkt neun steigt dann unser Fest. Das schaffen wir doch, oder?»

«A... a... aber sicher», stotterte ich. Ich war baff. Vollkommen baff. Was war nur mit Elvira passiert? Doch fragen konnte ich sie nicht. Denn sie war schon wieder weg. Wie versprochen tauchte sie aber genau eine Viertelstunde später wieder auf.

«Was ich zu erwähnen vergessen habe: Du musst noch ein Gedeck auflegen!», rief sie vom Flur her. Einen kurzen Moment später drückte sie mir eine dritte Pizzaschachtel in die Hand. «Stell doch bitte auch diese warm!», lächelte sie, warf einen kurzen Blick auf den Baum, nickte anerkennend und verschwand dann in ihrem Schlafzimmer, wo sie, wie ich von Weitem hören konnte, ihre Morgenmantelsammlung durchwühlte. Genau viermal schwebte sie zu mir in die Stube und wollte wissen, ob ihr Aussehen wohl passe.

«Wozu soll es denn passen, Elvira?», fragte ich verständnislos. «Das wirst du schon sehen», strahlte sie und hetzte gleich zum Kleiderschrank zurück.

Einige Zeit später klingelte es an der Tür. Mit dem älteren Herrn, der eintrat, begann das schönste Weihnachtsfest, das ich je erlebt hatte.

Natürlich wunderte ich mich. Wieso hatte Elvira so plötzlich ihre Einstellung zu Weihnachten geändert? Und vor allem: Wo hatte sie diesen wirklich netten, wenn auch etwas ungeschickten Typen mit dieser riesigen Hakennase aufgelesen?

Doch eigentlich war das alles egal. Wichtig war einzig und allein, dass Weihnachten endlich einmal Weihnachten waren.

Martin von Aesch.

Martin von Aesch.

Limmattaler Zeitung