Leben vor 100 Jahren (4) Familie und Gesellschaft im Umbruch
Ein Tal und viele Welten

Die Moderne hält nicht überall gleich schnell Einzug. Wie verschieden die Lebenswelten 1914 sind, zeigt der Alltag dreier Frauen

Sophie Rüesch
Merken
Drucken
Teilen
Uitiker Holzfäller in der Schwerzgrueb 1919
13 Bilder
Uitikon im Jahr 1911
Die Zürcherstrasse in Schlieren um 1909
Eine Unterengstringer Küche
Die Sibe Hüsli an der Schulstrasse in Schlieren
Die Ringliker Holzkorporation 1913, Uitikon
Der Untere Dorfplatz in Uitkon im Jahr 1912
Sommerserie 1914: Familie und Gesellschaft im Umbruch
Das Restaurant Freihof in Schlieren um 1909
Der äussere Teil des Schüttsteins führte das Waschwasser zum Fallrohr und wie der Abort rechts davon in die Jauchegrube,Unterengstringen
Der Nassteil der Küche besteht aus Kaltwasserhahn, Schüttstein und Tropfbrett, Unterengstringen
Das Restaurant Ekstein, mit Haltestelle des Lisebethli, Unterengstringen
Das Wagner-Heiri-Haus in Unterengstringen

Uitiker Holzfäller in der Schwerzgrueb 1919

Louis Kägi: «Uitikon. Aus der Vergangenheit eines Zürcher Dorfes»

Wenn die Milch auf dem Fuhrwagen ihren Weg von Uitikon Richtung Stadt Zürich antritt (siehe Box 1), ist Trudi schon längst wieder drinnen am Chrampfen. Denn sobald das Melken erledigt ist, erwartet die ganze Familie, etwas zwischen die Zähne zu kriegen. Wie jeden Morgen tischt Trudi Rösti auf, dazu Milchkaffee. Obwohl, was die Leute 100 Jahre später Milchkaffee nennen sollten, ist das nicht. Wer sich die kostbaren Bohnen überhaupt leisten konnte, vermischte sie mindestens noch mit «Wegluegen» — so nannte man die Wurzelzichorien, die dem Gebräu Farbe und Bitterkeit verliehen.

Die grosse Platte mitten auf dem Stubentisch ist schnell leergefegt; die Stall- und Feldarbeit erfordert schliesslich viel Energie. So viel, dass ein paar Stunden später der Magen schon wieder heftig knurrt. Dann gibts Eier, Speck, Käse, Cervelats oder Rauchwürste. Zum Znacht dann wieder Milchkaffee, manchmal auch eine Flädlisuppe (2). Seit kurzem brennt in der Stube keine Petrollampe mehr, sondern eine elektrische (3). Fast neun Jahre diskutierte man im Dorf die Einführung des künstlichen Lichts, im April hat es endlich geklappt. Obwohl: Das Flackern des Petrollichts fand Trudi eigentlich immer ganz heimelig. Auch dass ihre Familie keinen Telefonanschluss hat, stört sie gar nicht.

Personenanzahl in einem Haushalt

5 Personen leben durchschnittlich in einem Haushalt, wie der Volkszählung aus dem Jahr 1910 zu entnehmen ist: Im heutigen Bezirk schwankt diese Zahl damals zwischen 4,5 (in Unterengstringen) und 5,4 (in Dietikon). Dabei lassen sich keine relevanten Unterschiede zwischen den Dörfern und den heutigen Städten, die damals schon bevölkerungsstärker sind, feststellen. Grössere Differenzen werden jedoch ersichtlich, wenn man die Auslastung der ganzen Häuser unter die Lupe nimmt: Während ein Haus in Schlieren im Schnitt 10,7 Personen Unterschlupf bietet und in Dietikon 9,3, bewohnen etwa in Geroldswil durchschnittlich 5,8 Personen ein Haus.Dort liegt dieser Schnitt auch deutlich näher bei der Kopf-pro-Haushalt-Zahl (4,8), als dies in den heutigen Städten sowie den grösseren Gemeinden Oberengstringen und Urdorf der Fall ist.

Vier Kinder hat der Storch Trudi vom Chindlistein hinter dem Üetliberg ins Haus geflogen — damit liegt sie im guten Durchschnitt (siehe Einschub rechts). Dass eines davon das Dorf nicht lebend erreichte, macht aus Trudi keine Ausnahme, was sie aber nicht minder traurig stimmte. Vielleicht denkt Trudi an den Tagen, an denen sie den Teig für eine Böllen-, Apfel- oder Nidelwähe knetet, manchmal an die aufregenden ersten Tage mit Guschti, während sie sich den Schweiss von der Stirne wischt. Wie er dem Knabenverein ein paar Nötli stecken musste, um dessen Vermittlertätigkeit zu ehren, und wie sie zu zweit hoch oben auf dem feierlich geschmückten Wagen von zwei stattlichen Pferden durchs Dorf gezogen wurden — mitsamt der ganzen Aussteuer, der Brautfuder. Wenn sie dann aber daran denkt, wie Guschti das letzte Mal fast die ganze Wähe allein ass und ihr und den Kindern nur Resten liess, weicht das selbstvergessene Lächeln schnell wieder von ihren Lippen.

Immerhin: Handgreiflich wird Guschti nur selten. Da gibt es auch andere in ihrem und den umliegenden Dörfern: Häufig sind es die, die dem selbst gebrannten Schnaps etwas zu sehr zusagen. Schon seit ein paar Jahrzehnten beschäftigt die Alkoholfrage Politik und Gesellschaft; die Abstinenzbewegung verzeichnet um die Jahrhundertwende Rekordzulauf. Dass diese den Frauen die Schuld am Versumpfen ihrer Männer gibt — sie würden nicht gut genug kochen und haushalten, sodass den Männern gar nichts anderes übrig bleibe als der zu tiefe Blick ins Glas —, findet Trudi im Stillen zwar gar nicht gut.

Politik ist Männersache

Doch sie hat dazu auch gar keine Meinung zu haben. Die dörfliche Mittwochsgesellschaft, die seit 1874 dem Gedankenaustausch und der politischen Information dient, ist Männersache. Überhaupt hält man im Uitikon der Vorkriegszeit nicht viel von politisch interessierten Frauen. Als in England 1913 über das Frauenstimmrecht abgestimmt wurde, taxierte Pfarrer Schwyzer am Treffen der Mittwochsgesellschaft das Auftreten der Frauenrechtlerinnen — der Suffragetten — als «teils kindlich, teils verbrecherisch».

In Dietikon unten packt der Frauenverein, der unter Anführung von Mina Hess im Jahr 1907 von Frauen der dörflichen Oberschicht gegründet wurde, mit ihrem Kochkurs das Problem an der Wurzel an. Die Teilnehmerinnen sollen am Ende «gelernt haben, bei der Küchenarbeit mit den Händen auch stets die Gedanken zu brauchen und darauf zu sehen, dass die Mahlzeiten gut nährend, wohlschmeckend und doch nicht zu teuer werden», wie der Verein seine Ziele vor dem ersten Kurs 1910 definiert.

Lotti, die dem Verein letztes Jahr beigetreten ist, weiss darüber einiges zu berichten. Ihre Mutter hat ihr früh eingebläut, wie ein Haushalt zu führen ist. Doch heute, da sie viel Hilfe vom Dienstmädchen erhält, langweilt sie sich manchmal. Das Engagement im Verein ist ihre einzige Möglichkeit, mal aus dem Haus zu kommen. Das gefällt ihr, sie hat endlich mal das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Obwohl sich Lotti manchmal des Gedankens nicht erwehren kann, dass sie und ihre Vereinskolleginnen nur die sozialen Probleme mildern können, die ihre Männer als Fabrikbetreiber überhaupt erst schaffen. Dass die Frauen dabei vorsichtig agieren müssen, liegt auf der Hand: sie dürfen auf keinen Fall den Eindruck erwecken, dass sie ihren Männern in der öffentlichen Sphäre Boden streitig machen.

So muss sich ihr Engagement auf die Wohltätigkeit beschränken, die zurzeit auch bitter benötigt wird. Die Arbeiterschaft, die teils unter widrigen Verhältnissen schuftet, ist bei Unfall, Krankheit und wirtschaftlichen Krisen in einer Zeit vor Sozialversicherungen auf private Unterstützung angewiesen. Von der macht man jedoch nur Gebrauch, wenn es gar nicht mehr anders geht. Denn armengenössig zu sein, ist eine Schande und wird mit gesellschaftlicher Ausgrenzung bestraft.

Gute Hausfrauen gegen Armut

Das Leben in der Fabrik macht ein Familienleben, wie es die bürgerlichen, aber auch die bäuerlichen Familien kennen, fast unmöglich, wie den Erinnerungen des Dietiker Journalisten Jakob Grau zu entnehmen ist: «Die Fabriklerkinder waren tagsüber völlig sich selbst überlassen, weil Vater und Mutter dem Verdienst nachgehen mussten und die grösseren Kinder, sobald es das Fabrikgesetz zuliess, auch an die Spulmaschine gestellt wurden, um mitzuverdienen.» Zumindest für die kleineren Kinder schafft der Frauenverein Abhilfe, indem er 1909 den ersten Dietiker Kindergarten eröffnet.

Ein paar Jahre früher wurde bereits die Mädchenfortbildungsschule gegründet, in der junge Fabrikarbeiterinnen, Lehrtöchter und Dienstmädchen abends im Nähen, Flicken, Glätten, Kleidernähen und Kochen unterrichtet werden. Die systematische Ausbildung guter Hausfrauen soll in den unteren Schichten die Armut verhindern, sind die Frauen um Mina Hess wie auch immer mehr Politiker überzeugt. Damit wird auch dem Alkoholmissbrauch ein Riegel geschoben, so die Hoffnung.

Der Alkohol ist auch in Schlieren ein Problem. Der Fussweg hinter den neuen «Sibe Hüsli» an der Schulstrasse wird schon spöttisch «Sängerweglein» genannt. Dort, wo sich die «Schläfer» in den 8 bis 12 Quadratmeter kleinen Mietzimmerchen Matratze an Matratze drängen und der Feierabend-Schuhmacher seine tags arbeitende Kundschaft empfängt, führt samstagnachts für viele der Heimweg vorbei. Regelmässig werden hier dorfbekannte Trinker von ihren Gattinnen im Strassengraben aufgelesen, nachdem sie im Restaurant Freisinn ihren Lohn versoffen haben.

Hier haben wir es wieder: Würden die Frauen richtig kochen, müssten die Männer auch nicht saufen gehen. Doch die wachsende – auch weibliche – Arbeiterschaft, die mit den Fabriken in die Gemeinden entlang der Limmat gekommen ist, kommt neben den langen Arbeitszeiten ja kaum zum Rüsten und Kochen. Nicht alle Fabriken duldeten stillschweigend, dass die Arbeiterinnen vor dem regulären Ende der sechsstündigen Morgenschicht um 12 Uhr zum Kochen abschlichen — wie man munkelte, dass es die Dietiker Weberei tat.

Diese Leute, viele von ihnen aus dem Ausland zugewandert, sind nicht Selbstversorger wie Trudi und ihre Nachbauern. Einige von ihnen halten zwar Tiere – Hühner, Chüngel, Schweine — in kleinen, selbst gebauten Gehegen oder Ställen hinter den neuartigen Wohnblöcken, in denen sie zur Miete wohnen. Fleisch können sie im Dorf ja nicht kaufen: Erst 1925 eröffnet Edi Werffeli die erste Metzgerei. So werden die Tiere von Hobbyköchen in der Waschküche geschlachtet.

Konsumvereine

10 Franken kostet ein Anteilschein der «Consumgenossenschaft Schlieren». Diese wird 1898 vom Schlieremer Arbeiterverein gegründet, um den Konsumbedürfnissen der wachsenden Arbeiterschaft nachzukommen. 1912 wird sie in den Verband schweizerischer Konsumvereine aufgenommen, 1969 wird daraus Coop. Ihr Ladenlokal an der Dorfstrasse (heute Uitikonerstrasse) ist in Schlieren der erste Laden im modernen Sinn. 1910 können knapp 80 000, 1913 bereits 135 000 Franken umgesetzt werden. Bescheidener sind die Umsätze des Allgemeinen Konsumvereins Dietikon, der 1909 gegründet wird und 1916 an den Lebensmittelverein Zürich übergeht. Dort gehen 1914 Waren im Wert von knapp 30 000 Franken über den Tresen. Neu an dieser Verkaufsart ist, dass die Anbieter die Ware nicht mehr selber produzierten, sondern sie anderweitig beziehen.

Doch auch sonst schafft es die bäuerliche Wirtschaftsstruktur nicht, den Bedürfnissen der neuen Bevölkerungsschicht, die bald zur Mehrheit heranwächst, gerecht zu werden. Die Lohnarbeiter müssen sich zwischen Fabrik und Wohnblock, zu tiefen Preisen und während der kurzen Zeiten, in denen sie weder arbeiten noch schlafen, mit dem Nötigsten eindecken können. So entstehen mit der Zeit mit Konsumvereinen neuartige Verkaufsformen (siehe Einschub rechts).

Auch in Unterengstringen eröffnet im Postgebäude eine Denner-Filiale, nachdem ein winziger Laden im Haus Schmider den Bedürfnissen der arbeitenden Einwohner jahrelang mehr schlecht als recht nachgekommen ist. Ida, die in einem der neuen Häuschen an der unteren Hönggerstrasse wohnt, ist froh darüber. Anders als die vielen Bauernfamilien im Dorf arbeitet sie nämlich in der Stadt Zürich und hat keine Zeit, ihr eigenes Gemüsegärtchen zu pflegen — und doch erwartet ihr Heiri abends eine warme Mahlzeit. Im Ausserdorf, das vom Rest des Dorfes auch «Rennwegquartier» genannt wird, hat sowieso niemand Zeit für den Haushalt. Viele arbeiten in den Fabriken im Tal; seltener sind Angestellte wie Heiri und sie.

Auch sie ist schon manchmal auf die Strassenbahn gerannt. Als Verkäuferin im neu eröffneten Seiden-Grieder am Paradeplatz muss an ihr jedes Härchen sitzen. Da hat es Heiri schon leichter: Auch er muss zwar früh aufs «Lisebethli», doch den Männern schaut man nur auf Schuhe. Frauen hingegen haben von oben bis unten herausgeputzt zu sein — und stets auf dem neuesten modischen Stand.

Im Sprüngli sind Damen erlaubt

Viel verdient Ida nicht. Doch wenn man an der Bahnhofstrasse arbeiten darf, beschwert man sich auch nicht. Oft spaziert sie nach der Arbeit und sonntags noch durch die Einkaufsmeile, vorbei an den hell erleuchteten Schaufenstern und den Kaffeehäusern. Manchmal, ganz selten, leistet auch sie sich einen Kaffee im Sprüngli, wo sich Frauen im «Erfrischungsraum» auch ohne männliche Begleitung aufhalten dürfen.

Wenn sie dann den langen Heimweg nach Unterengstringen antritt, wird ihr manchmal ganz schwer ums Herz. Auch ihr gefallen zwar die netten Unterengstringer Bauernhäuser mit ihren Zierpflanzen im Vorgärtchen, auch sie schaut dem idyllischen Treiben der Dorfjugend am Brunnen gern zu. Doch noch lieber würde sie in der Stadt wohnen, selbst eine feine Dame sein, und nicht nur solche bedienen. Heiri verdient zwar nicht schlecht in der Bank, doch immer noch viel zu wenig, um ihr je ein Leben in einem der besseren Zürcher Quartiere zu ermöglichen. In den Stadtgebieten, in denen sich die beiden eine Wohnung leisten könnten, kann sich Ida aber beim besten Willen nicht vorstellen, zu wohnen (4).

Ganz aufgeben müsste sie ihren Traum vom Grossstadtleben, wenn sie schwanger würde. Zum Glück zeigt Heiri Verständnis, wenn sie ihn an gewissen Tagen nicht auf ihre Bettseite lässt. Ausgesprochen werden solche Dinge natürlich nicht. Ida weiss sehr wohl, dass es der Herrgott nicht schätzt, wenn ihm ins Werk gepfuscht wird. So hat sie jedes Mal, wenn im Dorf ein neuer Nussbaum gepflanzt wird, auch zumindest ein bisschen ein schlechtes Gewissen — denn damit wird jeweils die Ankunft eines Buben verkündet.

Trudi, Lotti, Ida: Sie hat es so nicht gegeben. Die drei sind frei erfunden, nicht aber die Lebensumstände, in denen Frauen vor 100 Jahren wirklich gelebt haben; in völlig verschiedenen Welten — die sich am Vorabend des Ersten Weltkriegs doch so nah waren.

(1) HANDEL - Mit dem Handkarren in die Stadt

Einige Bauern und Bäuerinnen aus dem Limmattal bringen ihre Ware regelmässig nach Zürich, wo sie sie auf den Hauptmärkten auf der Gemüsebrücke, entlang der oberen Bahnhofstrasse und auf dem Rathausquai feilbieten oder damit hausieren. Die Ware – hauptsächlich Milch, Früchte und Gemüse – bringen sie mit Transportmitteln, die vom Pferdefuhrwerk bis zum handgezogenen Zweiradkarren reichen, in die Stadt. Die Unterengstringer transportieren aber etwa ihre Milch bereits mit der Eisenbahn: Am Abend wird sie an der Milchsammelstelle im Dorf abgegeben und am Morgen in Schlieren und Zürich verkauft. Die Kundinnen sind meist Hausfrauen aus der Altstadt oder feine Damen aus den nobleren Quartieren, die das Schleppen des Eingekauften ihren Dienstmädchen überlassen. Lebensmittel oder Holz werden einer städtische Klientel auch direkt ins Haus geliefert. Dafür transportieren Boten die Ware regelmässig auf grossen Fuhrwerken in die Stadt: aus Gemeinden rechts der Limmat zum Hirschenplatz, von links der Limmat zum Münsterplatz. Dort warten bereits Scharen sogenannter «Eckensteher» und Knaben, die für einen kleinen Lohn zu Fuss in die Gässchen ausströmen. Neben den Naturalien, die sie dafür vom Boten bekommen, liegt manchmal gar noch ein kleines Trinkgeld von der Empfängerin drin.

(2) ESSEN - Anken gibts nur sonntags

Viel Abwechslung gibt es in der bäuerlichen Küche 1914 nicht. Das Essen dient hauptsächlich seinem elementarsten Zweck: der Energiezufuhr. Der in Zürich aufgewachsene und nach dem Tod seiner Mutter in einer Bauernfamilie untergebrachte Hans Meierhofer erinnerte sich an die Ernährung auf dem Land als «eine so einförmige und primitive, dass man schon damals in manchen Arbeiterfamilien nicht damit getauscht hätte». Die Bauern sind Selbstversorger: Auf den Tisch kommt, was dem eigenen Land und Stall zu entnehmen war – gekauft werden nur Salz, Zucker und Gewürze. Sonntags gibt es auch mal Butter und Konfitüre, ab und zu Backwaren. Brot wird in Uitikon vor allem im Winter gebacken. Der erste Bäcker kommt erst 1926 ins Dorf, zuvor hausieren Albisrieder und Birmensdorfer mit Brot. An Feiertagen wird grosszügiger aufgetischt: An Neujahr, wenn die Bauern gerade gemetzget hatten, bereitet die Mutter etwa Schinken oder Anken- und Birnenweggen zu.

(3) TECHNIK - «Ein Werk des Teufels»

Drei Telefonanschlüsse zählt Uitikon 1903; 1914 dürften es schon einige mehr sein. Strom fliesst erstmals am 14. April durch die Leitungen des Dorfes. In Dietikon ging das etwas schneller: Dort nimmt die Weberei Boller & Syz bereits in den 1890er-Jahren eine erste Dynamomaschine zur Stromerzeugung in Betrieb; vorher mussten die Arbeiter bei spärlichem Licht und in rauchverpesteter Luft über ihren Webstühlen brüten. Noch im selben Jahrzehnt werden in Dietikon die 27 Neolinlaternen abgelöst, die jeden Tag mit einem langen Zündstock entzündet werden mussten. Das macht Dietikon zu einer der ersten Gemeinden im Kanton, deren Strassen elektrisch beleuchtet sind. Die Firma Boller-Schinz liefert den Strom für die 60 Lampen unentgeltlich, im Gegenzug muss sich die Gemeinde verpflichten, kein anderes Elektrizitätswerk zu konzessionieren. Gleichzeitig findet der Strom auch seinen Weg in die Dietiker Haushalte: Für die Lampe bezahlt man Boller-Schinz einen Pauschalpreis, ungeachtet der Brenndauer. Doch nicht alle sind von der Neuerung begeistert: Wie sich der Journalist Jakob Grau erinnert, wird das allmählich aufkommende elektrische Licht als «etwas Unglaubliches und Wunderbares, von den Alten als ein Werk des Teufels angesehen.»

(4) LEBEN IM ARBEITERQUARTIER - Schmutz, Geziefer, Krankheiten

Zehn Kubikmeter gilt damals als minimale Luftmenge, die einer Person in einer Wohnung zur Verfügung stehen muss. Im Zürcher Arbeiterquartier Aussersihl (im heutigen Kreis 4) kommen die sogenannten «Inlieger» aber häufig nicht auf dieses Minimum, wie eine Wohnungsenquête, bei der die städtischen Behörden Liegenschaften auf ihre hygienischen Mindestanforderungen untersuchen, ans Licht bringt. In Aussersihl ist die Untermiete aufgrund der hohen Dichte an 3- und 4-Zimmer-Wohnungen besonders verbreitet – nicht selten schlafen da 20 Leute in einer Wohnung. Die Wohnqualität ist vielerorts miserabel: Über die Hälfte der Bevölkerung in den alten und den Arbeiterquartieren leidet an Luft- und Lichtmangel, die Räume sind feucht, das Kloakenwesen primitiv, Ungeziefer und Schmutz überall. Viele Schlafräume werden als Arbeitsräume von in alle Nächte arbeitenden Heimarbeiterinnen benutzt, Tiere in den Wohnungen gehalten. Die Infektionsgefahr für Tuberkulose, Typhus, Pocken, Diphterie oder Scharlach ist gross. Im Industriequartier, in Aussersihl und Wiedikon sterben zwischen 1895 und 1925 bis zu 300 Prozent mehr Menschen an Tuberkulose als etwa in der Enge, in Fluntern oder in Leimbach. Dabei ist glücklich, wer überhaupt in einer Wohnung lebt: Viele Arbeiter, vor allem die italienischen, sind in Massenbaracken einquartiert. Geschlafen wird, wo man tagsüber arbeitet, kocht und isst. Noch schlimmer geht es den «Illegalen» in ihren «Indianerhütten» hinter dem Bahnhof. Dort leben Arbeitslose und solche, «die etwas am Stecken haben». Sie arbeiten als Taglöhner, Hühnerzüchter oder Abfallkrämer.

Verwendete Quellen: Louis Kägi: «Uitikon. Aus der Vergangenheit eines Zürcher Dorfes», Heinz Lüthi: «Die Limmat und das Dorf Dietikon. Die Jugenderinnerungen des Jakob Grau», Jahrhefte von Schlieren 2005 und 2012, Jakob Meier: «Das Dörfchen vor 100 Jahren», Erika Hebeisen, Peter Niederhäuser, Regula Schmid (Hg.): «Dietikon. Stadtluft und Dorfgeist», Hans-Peter Bärtschi: «Die Lebensverhältnisse der Schweizer Arbeiter um 1900», Heidi Witzig: «Einkaufen in der Stadt Zürich vor 100 Jahren»