Durchstreift man den malerischen Sihlwald, wähnt man sich schnell in einer Fantasiewelt. Es erstaunt daher nicht, dass nun Märchen den Zürcher Wildnispark erobern. Möglich macht dies das Turbine Theater, das dort seit Jahren im Sommer Freilichtinszenierungen mit Klassikern zeigt – heuer die Shakespeare-Komödie «Was ihr wollt». Jetzt wird auch nachmittags gespielt: Das Stück «Em Kaiser sini neue Chleider» nach dem Klassiker von Hans Christian Andersen macht den Sihl- zum Märchenwald.

Federführend bei dieser Produktion ist der Theatermacher Nico Jacomet. Gemeinsam mit Peter Niklaus Steiner vom Turbine Theater und dem Projektbegleiter Dominik Zemp initiierte er das Projekt. «Es ist das erste Mal, dass das Turbine Theater auch ein Märchenstück im Sihlwald zeigt», sagt Jacomet. Das Konzept sei hingegen nicht neu. «Es gibt bereits ähnliche und erfolgreiche Produktionen, bei denen abends ein herkömmliches Theaterstück gezeigt wird und die Bühne tagsüber für ein anderes Stück genutzt wird.»

Ziel ist es, besonders Kinder und Familien anzusprechen. So sei das auch im Sihlwald. «Man darf sich auf einen Besuch im Märchenwald freuen», verspricht Jacomet. Der Aufführungsort biete zudem beste Voraussetzungen: Gespielt wird jeweils nachmittags ab 14 Uhr im Besucherpavillon, der für diese Produktion Platz für 130 Zuschauende bietet. Der reale Wald sowie die vorbeifliessende Sihl dienen dem Stück als willkommene Kulisse.

Der Kaiser und seine unsichtbaren Kleider

Jacomet entschied sich für Andersens Märchen, da es perfekt in die Kulisse des Abendstückes passte – was der Auftrag des Turbine Theaters war. «Beim Stück ‹Was ihr wollt› besteht die Bühnenausstattung aus vielen Tüchern, also führten meine Gedanken zu ‹Des Kaisers neue Kleider›», so Jacomet.

Er erarbeitete eine eigene Dialektfassung und folgte dabei frei der Vorlage: In seiner Version ist es der Kaiser von Latzhosonien, der seiner Garderobe höchste Priorität einräumt. Als dieser eines Tages den treuen Weber entlässt, sinnt dieser auf Vergeltung. Getarnt als neuer Weber verführt er den Kaiser zu feinsten Stoffen, die angeblich nur Menschen sehen, die ihres Amtes würdig sind. Mit dem Resultat, dass der Kaiser bald in Unterhosen vor sein Volk treten wird.

Erschienen ist das Märchen als Kurzgeschichte im Jahr 1837, und sie gilt nicht nur als eines der bekanntesten Werke des dänischen Autors, sondern auch als Gesellschaftssatire, welche bis heute Bestand hat. «Bei der Inszenierung achte ich natürlich darauf, dass sie besonders das junge Publikum ansprechen wird, aber auch Erwachsene werden ihre Freude daran haben», sagt Jacomet.

Der Regisseur spielt in seinem Stück auch gleich selber als Oberhofschneider Rümpfli mit. «Ich bringe meine Aufgaben gut unter einen Hut, nicht zuletzt dank des tollen Ensembles sowie meiner Regieassistentin Ramona Fattini, die mich sehr unterstützt.» Fattini, selbst etablierte Theatermacherin, ist im Märchen ebenfalls auf der Bühne als Prinzessin Sidefädeli zu sehen. Jacomet vertraut bei seinem Projekt generell auf ein professionelles Team, sei es auf oder hinter der Bühne. «Wir fühlen uns dem kulturellen Standard der Region Sihltal verpflichtet», sagt er.

Vom Schreiner zum Theatermacher

Dass «Des Kaisers neue Kleider» sein Debüt als Regisseur beim Turbine Theater markiert, freut Jacomet ganz besonders. «Es war das erste Märchentheater, das ich als Kind gesehen habe.» Schon früh war die Bühne eine Leidenschaft des heute 29-Jährigen, der in Kilchberg aufwuchs. Dennoch absolvierte er zunächst eine Lehre als Schreiner. «Meine Eltern haben mir geraten, einen bodenständigen Beruf zu erlernen», sagt er. Schlimm sei das nicht gewesen, im Gegenteil. «Heute kann ich meine eigenen Kulissen bauen.»

Für seinen Berufswunsch blieb er der Region treu und besuchte zunächst einen Schauspielkurs in der Schauspiel- und Musicalschule Stage-Art in Adliswil. Später absolvierte er dort das entsprechende Studium. 2007 gründete er sein eigenes Theater NI&CO und machte sich darüber hinaus in der Theaterszene einen Namen.

Nicht nur das Turbine Theater bietet ihm willkommene Möglichkeiten, sondern auch für Inszenierungen der Spock-Productions GmbH von Erich Vock und Hubert Spiess wird er engagiert. Beispielsweise bei der Zürcher Märchenbühne und bei der Neuinszenierung der «Kleinen Niederdorfoper» im Herbst, wo er sowohl die Regieassistenz übernimmt als auch mitspielen wird.

Der Sommer gehört aber seinem Märchen im Sihlwald. Und er weiss: «Ein Kindertheater zu inszenieren, gehört zum Schwierigsten überhaupt.» Der Humor müsse genau sitzen, da Kinder ein überaus kritisches Publikum seien. Jacomet will sich ihm mit Leidenschaft stellen. «Es ist wichtig, dass man sich das eigene innere Kind bewahrt», sagt er. So könne man sich im Theater auf Dinge einlassen, die man sonst nie glauben würde.

Turbine Theater: Em Kaiser sini neue Chleider, Besucherpavillon Wildnispark Zürich, Sihlwald. Premiere: Samstag, 13. Juli, 14 Uhr, danach immer am Mittwoch, Samstag und Sonntag, jeweils 14 Uhr bis 4. August.