Dietikon/Zürich

Ein Schwitzkasten ist noch kein Würgen: Gericht spricht Chef frei

Das Zürcher Obergericht hat einen Chef freigesprochen, der seine Angestellte in den Schwitzkasten genommen hatte.

Das Zürcher Obergericht hat einen Chef freigesprochen, der seine Angestellte in den Schwitzkasten genommen hatte.

Das Zürcher Obergericht bestätigt ein Urteil des Dietiker Bezirksgerichts vollumfänglich: Ein Limmattaler Unternehmer, der eine Angestellte in den Schwitzkasten genommen hatte, wurde vom Vorwurf der Gefährdung des Lebens freigesprochen.

Im Büro des Limmattaler Unternehmers ist es im November 2015 zu einem Streit gekommen. Er hatte damals einer Angestellten vorgeworfen, bei der Stundenabrechnung geschummelt zu haben. Notiert habe sie 20 wöchentliche Stunden, doch während vier Stunden habe sie gar nicht gearbeitet, sagt er in der Berufungsverhandlung vor dem Zürcher Obergericht.

Die Angestellte reagierte verärgert auf die Anschuldigung: Sie spuckte ihrem Chef mitten ins Gesicht, stiess ihn mit beiden Händen weg und warf das Mäppchen mit ihrer Abrechnung über den Bürotisch. Wegen Tätlichkeiten wurde die Frau per Strafbefehl bereits rechtskräftig verurteilt.

Ein harmloser oder ein fester Griff?

Vor Obergericht musste der Streit nun beurteilt werden, weil umstritten ist, was nach dem Angriff der Frau passiert ist. Der Unternehmer räumt ein, seine Angestellte in den Schwitzkasten genommen zu haben. «Um mich zu schützen», beteuert er vor Gericht. Die Frau sei mit den Fäusten auf ihn losgegangen. Und er habe Angst gehabt, dass sie ihn in die Genitalien trete. Da habe er sie zur Abwehr einfach gepackt. Eine andere Möglichkeit habe er nicht gesehen. Aber fest zugedrückt habe er dabei nicht, sagt der Mann auf eine entsprechende Frage des vorsitzenden Oberrichters.

Dass sie an jenem Nachmittag im November 2015 wütend gewesen sei, stellt die Frau gar nicht in Abrede. Sie habe dazu ja auch allen Grund gehabt, der Chef habe ihr den Lohn nicht zahlen wollen. «Ich brauche das Geld, ich bin nicht so reich wie er.»

Die Angestellte, die beim Erzählen vor Gericht in Tränen ausbricht und nach Luft schnappt, bis ihr Beruhigungsmedikament wieder wirkt, stellt die späteren Ereignisse anders dar als der Chef. Sie habe Todesangst ausgestanden, als sie in den Schwitzkasten genommen und hin und her geworfen worden sei, sagt sie. Sie sei so fest gewürgt worden, dass sie noch heute krank sei. Sie habe Probleme mit dem Kopf, dem Hals, auch Epilepsieanfälle kämen vor, erzählt sie und beginnt zu zittern. Sie sei in Behandlung – dies bei Hausarzt, Neurologe, Psychiater und Psychologe.

Der Rechtsanwalt der Frau weist darauf hin, dass der Chef mit seiner grossen Postur seiner Mandantin körperlich klar überlegen gewesen sei. «Er verharmlost den Vorfall. Das war nicht eben ein sanfter Umgang, um die Frau aus dem Büro zu bewegen.»

Der Verteidiger des Chefs meint in seinem Plädoyer hingegen, dass auch die Angestellte «nicht gerade klein und fein» sei. Sie sei wie eine Furie auf seinen Mandanten losgegangen. Er verweist dabei auf einen Bericht der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Darin heisst es, dass die Frau seit ihrer Adoleszenz unter emotionaler Überreagibilität, inneren Anspannungszuständen, Wutausbrüchen und innerer Leere im Sinne einer emotional-instabilen Persönlichkeitsakzentuierung leide.

In erster Instanz hatte das Bezirksgericht Dietikon den Mann vollumfänglich freigesprochen. Es stützte sich dabei insbesondere auf dessen Aussagen ab. Diese hätten den Eindruck erweckt, «als gebe er frei die Ereignisse wieder, wie er sie tatsächlich erlebt hat», heisst es im schriftlichen Urteil, das der Limmattaler Zeitung vorliegt.

Sich widersprechende Geschichten

Die Aussagen der Frau überzeugten das Bezirksgericht hingegen nicht. So habe sie zunächst ihre eigene Provokation verschwiegen, zudem habe sie teilweise massiv übertrieben. Dass die Frau unbestrittenermassen sprechen konnte, als sie im Schwitzkasten steckte, widerlege ihre Behauptungen, dass sie keine Luft bekommen habe und ein Abwürgen vorliege. Das Bezirksgericht taxierte ihre Aussagen als «ergebnisorientiert, undetailliert und bisweilen lebensfremd».

Der Verteidiger des Chefs spricht denn auch vor Obergericht von einem «unglaublichen Strauss von sich widersprechenden Geschichten». Zudem wertet er zugunsten seines Mandanten den Umstand, dass die Staatsanwaltschaft am Ende von einer Berufung abgesehen hatte. «Sie hat eingesehen, dass der Dietiker Freispruch gut begründet und zurecht erfolgt ist.»

Der Rechtsanwalt der Frau führt hingegen aus, dass sich seine Mandantin doch hätte befreien können, wenn sie, wie vom Chef behauptet, bloss locker gehalten worden wäre. «Der Chef musste mehr Kraft anwenden, damit ist man wieder beim Würgen.»

Und die widersprüchlichen Aussagen der Frau seien zu relativieren. Sie sei, als sie sich nach dem Vorfall direkt auf einem Limmattaler Polizeiposten meldete, nämlich völlig aufgelöst gewesen. «Sie war traumatisiert und stand unter Schock. Da kann man nicht jedes einzelne ihrer Worte auf die Goldwaage legen.»

Frau will Genugtuung, Mann will Freispruch

Der Rechtsanwalt der Frau forderte vor dem Obergericht wie bereits vor dem Bezirksgericht, dass der Mann wegen Gefährdung des Lebens verurteilt werde. Er verlangte zudem für seine Mandantin eine Genugtuung von mindestens 20 000 Franken. Der Verteidiger des Chefs plädierte wiederum auf einen vollumfänglichen Freispruch.

Zu diesem Freispruch gelangte nach einer kurzen Beratung auch das Obergericht, welches das Urteil der Vorinstanz bestätigte. Es hatte sich am Ende einzig und allein auf die Aussagen der beiden Beteiligten abzustützen. Denn verwertbare Beweise, dass die Frau in Lebensgefahr geschwebt hatte, lagen keine vor.

Und wie dem Bezirksgericht erschienen auch dem Obergericht die Darstellungen der Frau «insgesamt deutlich weniger glaubhaft». Es gehe dabei nicht darum, «zweifelsfrei festzulegen, wer die Wahrheit sagt», merkte der Richter in seiner kurzen Urteilsbegründung an. Angeklagt sei, dass der Mann die Frau in Lebensgefahr gebracht habe. Ob dem so war, daran bestanden für das Obergericht zumindest Zweifel, weshalb es zum Freispruch kommen musste.

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