Es ist wieder heiss. Fast so, wie es bereits im Juli mehrere Wochen heiss war. Damals bereitete die aussergewöhnliche Trockenheit und die zahlreichen Sonnenstunden der Landwirtschaft Sorgen, den Badeanstalten Freude und den Schweizer «Stormchasern» – den Sturmjägern – Langeweile. Ein junger Schlieremer gehört zu den Jägern der Naturgewalten und ist ihnen im Beruf ausgeliefert.

Es ist noch ruhig. Von weitem hört man ein leichtes Grollen. Ein paar Tropfen fallen. Der Wind bewegt die Bäume in der Siedlung an der Lättenstrasse in Schlieren. Plötzlich aus dem Nichts fällt starker Regen. Der Wind peitscht die mächtigen Tropfen mit einer grossen Wucht auf Autos, Dächer und Strassen. Christian Hunkeler steht mit seiner Kamera auf dem Balkon und filmt die Szenerie. Plötzlich knallt es. Ein Blitz hat auf einem benachbarten Gebäude eingeschlagen. «Jaaa!», schreit Christian euphorisch und wirkt ekstatisch, als wäre das Gewitter für ihn eine Droge, die pure Ausschüttung von Dopamin im Mittelhirn.

Versunkene Autos, Trockenheit

«Das war das heftigste Gewitter betreffend Niederschlag und Blitze, das ich je in Schlieren erlebt habe», sagt Christian am 1. August, kurz vor seiner Abreise in die Ferien nach Spanien. Fast zwei Monate sind vergangen seit diesem denkwürdigen Unwetter im Zürcher Limmattal am 7. Juni 2015, aufgrund dessen in der Goldschlägi-Unterführung in Schlieren zwei Autos in den Wassermassen versanken.

Solche Wetterereignisse blieben im Juli im Bezirk Dietikon aus. Das zeigt auch die Monatsbilanz der Wetterstation Zürich Affoltern von Meteo Schweiz, deren geografische Lage mit dem oberen Limmattal am ehesten zu vergleichen ist. Der Juli war 3,5 °C wärmer im Vergleich zur Normperiode 1981–2010 und reihte sich mit einer durchschnittlichen Temperatur von 22,3 °C auf Rang 3 der wärmsten Monate seit Messbeginn 1978 ein. Wärmer war nur der Juli 2006 und der Juni im Jahrhundertsommer 2003. Zudem war es der zweitsonnigste Monat seit Messbeginn und nur knapp 4 Millimeter Niederschlag waren es zu viel, die verhinderten, den Thron auch bei der Trockenheit zu erklimmen.

Selbst für Hitzefan zu heiss

Die Einteilung der Wetterhistorie in kalendarische Einheiten, wie Wochen oder Monate, dient den Menschen als Orientierungshilfe. Sie ist aber nicht immer aussagekräftig. Die Trockenperiode hat nicht am 1. Juli begonnen, sondern bereits Ende Juni seinen Lauf genommen und gipfelte in der ersten Juliwoche in Rekordtemperaturen.

Diese Hitze liess auch Christian nicht kalt, der sonst heisses und sonniges Wetter liebt. Der 29-Jährige ist als Strassenbaupolier den Wetterkapriolen bei der Arbeit voll ausgesetzt. Die extreme Hitzewoche Anfang Juli war für Christian zu viel des Guten. «Es war auch noch feucht, dann wird es schon anstrengend», sagt der junge Stormchaser, der auch weiss, weshalb es trotz der Hitze keine Gewitter gab: «Der Hochdruckeinfluss und trockenere Luftschichten über der feuchten Grundschicht machten es für Gewitter sehr schwierig.»

Dem jungen Sturmjäger, der jährlich gut und gerne mehr als 10 000 Kilometer mit dem Auto auf der Jagd nach Unwetter auf sich nimmt, gefällt das gar nicht: «Das ideale Wetter wäre: tagsüber trocken und heiss, am Abend feucht und gewitterhaft.» Dabei schmunzelt er. Denn er weiss sehr wohl, dass sich das Wetter nicht an Wunschdenken hält.

Jagdferien in Norditalien

Das Zürcher Limmattal gehört in der Regel nicht zu den Regionen, die regelmässig von starken Unwettern heimgesucht werden. Deshalb macht sich Christian auf die Suche nach den Naturgewalten. Als Kind schon hat er nächtelang Gewitter beobachtet und ist als Jugendlicher mit dem Velo zur Limmat geradelt, wenn diese Hochwasser führte. Mit dem Erwerb des Führerscheins folgten immer grössere Touren. Heute fährt Christian mit seinem Subaru auch nach Deutschland, Frankreich oder Italien, um Unwetter zu dokumentieren. Diesen Herbst hat er zwei Wochen Ferien für die Gewitterjagd in Norditalien eingeplant: «Aufgrund der Hitzewelle ist das Mittelmeer überdurchschnittlich warm. Bei allfälligen Kaltluftvorstössen besteht deshalb grosses Unwetterpotenzial.»

Was bei den Sturmjägern Faszination und Begeisterung hervorruft, kann bei anderen Menschen undenkliches Leid verursachen. Jedes Jahr kommen Menschen bei Unwettern ums Leben. «Es ist ein Dilemma zwischen dem Wunsch, heftige Entwicklungen zu beobachten und zu dokumentieren und dem Wunsch, dass keine Personen zu Schaden kommen», sagt Christian und betont: «Die Faszination für mich ist, wenn die Natur die Natur zurücknimmt. Wenn in einem abgelegenen Bergtal Bäume fallen und Bäche über die Ufer treten. Häuser, die weggeschwemmt werden, das möchte ich nicht sehen.» Dass es trotzdem passiert, liegt an der Natur, die nicht zwischen bewohntem und unbewohntem Gebiet unterscheidet.

Ganz ohne Wetter geht nicht

Wie es im August im Limmattal weitergeht, hat für Christian momentan nicht oberste Priorität. Vielmehr interessieren ihn die Gewitter, die in der Umgebung des Feriendomizils in Spanien entstehen könnten. «Vielleicht gibt es noch einen Ausflug mit dem Auto in die Berge dort», sagt Christian, der mit seiner Freundin nach Valencia reist und bereits die Wetterkarten für die Region studiert hat. Primär sollten es Badeferien werden. Aber ganz ohne Wetter wird es wohl nicht gehen. Schliesslich kann Wetter für einen «Stormchaser» wie eine Droge sein. Und Wetter ist überall.

Überflutete Goldschlägi-Unterführung  in Schlieren

Überflutete Goldschlägi-Unterführung in Schlieren