Geroldswil
Ein neues Zuhause für den "Limmattaler Exoten"

Ein Passant traut seinen Augen nicht, als ihm eine Rotwangenschmuckschildkröte über den Weg läuft

Anja Mosbeck
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Die Rotwangenschmuckschildkröte rannte Ueli Schmid im Werd bei den Geroldswiler Auen fast unter die Räder. Ueli Schmid

Die Rotwangenschmuckschildkröte rannte Ueli Schmid im Werd bei den Geroldswiler Auen fast unter die Räder. Ueli Schmid

Mit dieser Begegnung hätte er nicht gerechnet. Der Dietiker Ueli Schmid, Schulleiter der Berufswahlschule Limmattal, staunte nicht schlecht, als er am Dienstagabend auf seinem Heimweg im Werd bei den Geroldswiler Auen auf eine exotische Tierart stiess: eine Rotwangenschmuckschildkröte. «Sie ist mir fast vors Velo gelaufen», sagt er. Im Schritttempo sei die Schildkröte unterwegs gewesen und wollte von der Wiese über den Spazierweg in die Auenlandschaft. Ihre Grösse verriet Schmid, dass sie nicht heimisch ist. «Das Tier hätte auf ein A4-Blatt gepasst. Die hiesige, gefährdete Sumpfschildkröte ist einiges kleiner», sagt er.

Ob sich Heimtierhalter ihres Haustiers entledigen wollten, ehe sie in die Sommerferien fuhren, oder die Schildkröte einfach entwischt ist, bleibt unklar. Für Schmid steht fest, dass jemand das Tier mutwillig in der Natur entsorgen wollte. «Schildkröten werden so alt wie Menschen», sagt er. So könne sich der Schulleiter vorstellen, dass das Tier als Souvenir vor Jahren aus den Ferien mitgebracht wurde und nun nicht mehr in den Haushalt passte.

Der Schaden wäre gross

Dass Schmid damit nicht falsch liegt, bestätigt Daniel Fischer, Leiter der Sektion Biosicherheit im Awel (Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft). «In den 80er- bis 90er-Jahren wurden in ganz Europa junge Schildkröten billig an Touristen verkauft», sagt er. Damals sei es noch ein Leichtes gewesen, diese exotischen Tiere in die Schweiz zu bringen. Denn erst seit der Revision der Freisetzungsverordnung im Jahr 2008 dürfen Rotwangenschmuckschildkröten weder importiert, gehalten, noch freigesetzt werden.

Ganz anders als die Terrarien-Tiere, die sich in der Natur nicht zurechtfinden, könnte die Rotwangenschmuckschildkröte in Auengebieten wie im Limmattal problemlos überleben. «Auch um den kalten Winter draussen zu überstehen, wäre sie robust genug», sagt Fischer. Jedoch würde keine Fortpflanzungsgefahr bestehen, denn das Wasser hier sei nicht warm genug. Trotzdem würde die aus dem nordamerikanischen Sumpfgebiet stammende Schildkröte in der hiesigen Flora und Fauna grossen Schaden anrichten. «Zu ihrem Leibgericht gehören Amphibien- und Fischlaiche», erklärt er. Weil die Schildkröte so lange lebe, würde sie die Biodiversität der heimisch aufgewerteten Teiche und Weiher beeinträchtigen.

Passantin setzt sie in die Limmat

Dies war Erna Lauper aus Dietikon nicht bewusst, als sie die vermutlich gleiche Schildkröte bereits am Montag in der Wiese bei der Holzbrücke in den Auen sichtete und in die Limmat setzte: «Andere Passanten und ich diskutierten, was mit dem Tier geschehen soll. Wir setzten die Schildkröte ins Wasser, weil wir dachten, in der Hitze würde sie sich verbrennen. Den Gefahren der Natur ist der exotische Ausreisser aber mittlerweile nicht mehr ausgesetzt. Denn Schmid übergab das Tier an die Kantonspolizei, die dieses in der grössten schweizerischen Schildkrötenauffangstation in Neuchâtel unterbringt.