Spiel des Lebens
Ein Moment wie ein Weltuntergang

Der ehemalige NLA-Torhüter Slaven Matan über einen bittersüssen Einsatz für den FC Basel im letzten Vorrundenspiel der Saison 1998/99.

Raphael Biermayr
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Slaven Matan (auf der Dietiker Dornau) mit einer Abbildung des Matchtelegramms Basel - Lugano im Winter 1998.

Slaven Matan (auf der Dietiker Dornau) mit einer Abbildung des Matchtelegramms Basel - Lugano im Winter 1998.

Bier

In meiner ersten Situation fischte ich einen Schuss aus dem Lattenkreuz – ein Topeinstand. Es kam noch besser: Marco Tschopp traf in der 45. Minute per Penalty zum 1:0 für uns. In der Pause sagte mir Co-Trainer Marco Schällibaum: «Das ist deine Chance. Wenn du jetzt gut spielst, kannst du ein ganz Grosser werden!»

Ich war bis dahin noch nie zum Einsatz gekommen für den FC Basel, sondern war die Nummer zwei hinter Stefan Huber. Auch in diesem letzten Spiel der Vorrunde gegen Lugano rechnete ich nicht mit einem Einsatz. Es herrschte eine lockere Stimmung draussen, trotzdem war es besonders: Es war die letzte Partie im alten Joggeli, fast 35 000 Zuschauer waren da.

Lange stand es 0:0, das Spiel war wenig aufregend. Bis zur 29. Minute: Lugano spielte einen Ball in die Tiefe, Huber kam aus dem Strafraum, rutschte rein, doch der Spieler war etwas schneller am Ball; der prallte gegen Hubers Hand. Der Schiedsrichter entschied sofort auf Rot.

Ich war im ersten Moment baff draussen. Bis ich begriff: Ich musste rein. Die Zuschauer schrien, weil sie mit dem Schiedsrichterentscheid nicht einverstanden waren. Ich war 19 Jahre alt und total nervös. Man sagt zwar, dass man als Ersatzgoalie immer bereit sein muss. Mitspieler Attila Sahin hatte mich gerade zwei, drei Wochen zuvor gefragt, ob ich bereit sein würde, wenn es darauf ankommt. Ich sagte ihm, das wäre überhaupt kein Problem. Es war ganz anders. Lugano hatte die viel bessere Mannschaft als wir, ein absolutes Topteam: Massimo Lombardo, Uwe Wegmann, Gaetano Giallanza, Julio Hernan Rossi und einige mehr. Trotzdem hatten die Tessiner lange keine gute Chance. Dann kriegten sie einen Corner. Ich war mir zu tausend Prozent sicher, dass ich den Ball fangen würde. Das hätte mir sehr gutgetan. Doch Philippe Cravero köpfelte den Ball vor meinen Fingern weg. Aus dieser Situation entwickelte sich eine neue Szene. Wegmann, der aus Kaiserslautern gekommen war, stand in knapp 30 Metern Entfernung zum Tor, hatte etwas Raum – und schoss. Er hatte den Ball nicht richtig getroffen, im letzten Moment drehte sich dieser weg. Ich war trotzdem dran und dachte, ich hätte ihn ins Out gelenkt. Doch es war zu wenig weit – der Ball lag im Netz. Dieser Moment war wie ein Weltuntergang für mich. Ich dachte mir nur: Warum?

Sieben Minuten später holte Linksfuss Wegmann zu einer Flanke aus. Mein Goalietrainer Milan Sarovic hatte mir beigebracht, je nach starkem Fuss des Spielers die Position zu verändern und nicht auf der Linie kleben zu bleiben. Ich dachte, Wegmanns Flanke würde vom Tor wegdrehen, ich stand also auf vier Metern draussen. Doch er hatte den Ball wieder nicht richtig getroffen. Er war ihm über den Rist gerutscht, änderte die Flugbahn und fiel hinter mir ins Tor. Dann war es definitiv passiert. Ich bettelte innerlich, dass der Schiedsrichter das Spiel abpfeift, auch wenn es erst die 79. Minute war.

Lugano erzielte noch ein drittes Tor. Dabei traf mich keine Schuld. Das war kein Trost. Nach Spielschluss pfiffen die Zuschauer, es war brutal für mich. Ich ging direkt in die Kabine, um zu duschen, und dann gleich nach Hause. In diesem Spiel war alles kaputtgegangen.

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