Eigentlich ist er Lastwagenfahrer, doch heute freut sich Nebojsa Micic, dass er überhaupt putzen gehen darf. Ein halbes Jahr arbeitet der Dietiker nun für die soziale Auftragsvermittlung Etcetera. Davor verbrachte er seit 2010 seine Tage meistens zu Hause, lebte von der Sozialhilfe, ohne Aussicht auf eine neue Stelle. Das zog ihn runter. «Ich will unbedingt wieder Vollzeit arbeiten», sagt Micic, während er auf dem Boden die verschiedenen Putzmittel aufstellt.

Nebojsa Micic ist einer der gut 60 Personen, die monatlich für Etcetera im Einsatz stehen. Meistens erledigen sie Aufträge für Privathaushalte: Putzen, Gartenarbeit, Entsorgungen, Umzüge. Das dadurch erwirtschaftete Geld entlastet die Sozialämter oder dann dient es als Zuverdienst zum niedrigen Haupteinkommen sogenannter Working Poors.

Heute steht Micic in einer Wohnung in Urdorf, wo er für eine Kundin die Fenster und die Böden reinigt. Die Putzarbeit macht der Dietiker nicht fürs Geld, sondern, weil er eine Beschäftigung braucht – und vor allem, weil er so schnell wie möglich von der Sozialhilfe wegkommen will.

Nichts zu tun, das liegt nicht im Naturell des 44-jährigen Familienvaters. Bis zum September 2010 hat er immer gearbeitet. Dann aber wurde sein Leben jäh aus der Bahn geworfen: Micic war mit einem voll beladenen Lastwagen unterwegs, 40 Tonnen. Plötzlich platzte der Reifen. Er kam ins Schleudern, verlor in einer Kurve die Kontrolle.

Er kämpfte sich wieder hoch

An Arbeit war nach dem Unfall nicht mehr zu denken. «Ich war ziemlich am Boden», sagt er. Micic trug eine schwere Rückenverletzung davon. Er begann eine Physiotherapie, erhielt Spritzen ins Rückenmark, trainierte viel. Schritt für Schritt kämpfte er sich zurück. Körperlich fühlt er sich heute wieder fit. Und während er das angeschmutzte Fenster mit Glasreiniger besprüht, erzählt Micic, wie gerne er wieder Lastwagen fahren würde. Die Leidenschaft dafür habe er wohl von seinem Vater geerbt. «Wenn ich fahre, fühle ich die Freiheit», sagt er. Nur sei es schwierig, einen Job zu finden. Sein ehemaliger Arbeitgeber brauche derzeit niemanden. Und die Konkurrenz ist gross. Vor allem aus Deutschland kämen immer mehr Fahrer in die Schweiz.

Der in Österreich aufgewachsene Serbe fühlt sich nicht nur als Lastwagenfahrer, er sieht auch so aus: Gross, kräftig, tätowiert – fast klischeehaft. Doch Micic hat auch eine sensible Seite. In Wien fuhr er zeitweilig Krankenwagen. Regelmässig brachte er etwa Dialysepatienten zur Behandlung, doch eines Tages sei der eine oder andere Patient dann nicht mehr aufgetaucht. «Das ging mir sehr nahe», sagt er. Micic stieg wieder um auf Lastwagen.

Es könnte jeden treffen

Maria Schumacher, die Co-Leiterin von Etcetera, sagt, dass einige ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nur zur Überbrückung bei ihnen seien. Bis sie wieder eine Festanstellung fänden. «Bedingt durch eine Krankheit oder einen Unfall, kann es jedem passieren, dass er unverhofft durch den langen Arbeitsausfall Sozialhilfe benötigt», sagt sie. Wichtig sei es, die Leute nach längerer Abwesenheit vom Arbeitsmarkt, da wieder heranzuführen. Dass Micic den Wiedereinstieg packen wird, davon ist Schumacher überzeugt. Er habe Fähigkeiten, die nötigen Sozialkompetenzen und einen beruflichen Hintergrund.

In Urdorf ist das Fenster des Wohnzimmers unterdessen sauber geworden. Doch so richtig ins Schwitzen kommt einer wie Micic bei dieser Arbeit nicht – auch wenn er sie noch so schnell und gründlich erledigt. Micic gehört nicht an einen Staubsauger, sonder hinters Steuer eines grossen Fahrzeugs. Und deshalb ermöglicht ihm Etcetera nun eine Weiterbildung zum Busfahrer. Wenn es mit den Lastwagen nichts mehr werden sollte, dann transportiert er vielleicht schon bald Personen. «Hauptsache ich darf wieder fahren», sagt er. «Das ist, worin ich gut bin.»