Schlieren

Ein Künstler der aneckte: Ein Rückblick auf den kreativen Weg von Jürg Altherr

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Jürg Altherr wurde 73 Jahre alt.

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Kürzlich verstarb der bekannte Bildhauer Jürg Altherr (73).

«Kunst hat noch nie demokratisch funktioniert», entgegnete Jürg Altherr dem Besucher eines Informationsanlasses auf dem Gemeinschaftsgrab des Friedhofs Albisrieden. Der Besucher verlangte, dass künftig über solche Skulpturen, wie jene, die Altherr 2010 im Friedhof aufstellte, abgestimmt werde. Die senkrecht in den Himmel ragenden Eisenstangen sorgten bei den Albisriedern für derart grosse Irritation, dass die Verantwortlichen die Bevölkerung zu einem Anlass luden, an dem Altherr sein Werk erklärte. Diese Anekdote dürfte wohl stellvertretend für das Schaffen des Bildhauers sein, der am vergangenen Freitag 73-jährig verstarb. Altherr prägte die Schlieremer Kultur-Szene als ehemaliger Präsident der Arbeitsgruppe Zürcher Bildhauer (AZB) und strahlte weit über das ehemalige Gaswerk-Areal hinaus.

Der 1944 in Zürich geborene Altherr absolvierte ein Studium an der Mailänder Brera und arbeitete ab 1964 als Steinbildhauer. Ab 1976 nahm er eine Lehrtätigkeit am Technikum in Rapperswil auf. Er unterrichtete Terrainmodellieren und Entwurfslehre.

Seine Plastiken, die er in seinem Atelier im Schlieremer Gaswerk anfertigte, sind in der ganzen Schweiz anzutreffen. Etwa auf dem Waffenplatz in Frauenfeld oder im Innenhof der Zürcher Kantonalverwaltung. Zuletzt sorgte seine knapp 12 Tonnen schwere und rund 18 Meter hohe Plastik für Aufsehen. Sie hätte auf dem Gebiet der ehemaligen Weberei Hueb in Wald aufgestellt werden sollen, wurde dann aber an die Stadt Uster verschenkt, nachdem sich Widerstand gegen das «Ungetüm» formierte. Doch auch in Uster liess sich kein passender Ort finden. Im vergangenen März dann äusserte ein Kunstliebhaber Interesse an der Skulptur. Er wolle sie im Kanton Glarus aufstellen.

«Er eckte mit seiner Kunst an», erinnert sich Lilian Hasler. Die langjährige Kollegin Altherrs ist ebenfalls plastische Künstlerin und Mitglied der AZB. Altherr habe nicht nur dominante Werke hergestellt, sondern sei selber eine sehr dominante Figur gewesen, die klare Vorstellungen davon hatte, was sie wollte und was nicht, wie Hasler sagt. Zur Zeit seines AZB-Präsidiums habe er die Gemeinschaft «aus dem Dornröschenschlaf geholt». Davor hätten die Künstler ihre Ateliers genutzt und unterhalten, doch seien sie in der Stadt nicht gross in Erscheinung getreten. «Er wollte, dass wir Bildhauer uns in Schlieren zeigen, und ging mit gutem Beispiel voran», so Hasler.

Wertvolles Vermächtnis

Dieses Ziel erreichte er auf unterschiedliche Weise. 2006 rief er das Projekt «Skulpturen in Schlieren» ins Leben. Dabei stellen Künstlerinnen und Künstler des Gasi-Areals ihre Werke im öffentlichen Raum der Stadt aus. In einem Turnus von zwei bis drei Jahren tun sie dies noch heute. Weiter initiierte Altherr die Kunstkammer, in welcher heute unter dem Namen «Kunsthalle» noch regelmässig Ausstellungen stattfinden.

Der Schlieremer Stadtpräsident Toni Brühlmann-Jecklin (SP) erinnert sich an zahlreiche angenehme Begegnungen mit Altherr. Das Engagement des Bildhauers habe ihn stets beeindruckt und seine Werke hätten zu interessanten Diskussionen in der Stadt angeregt. «Die Skulpturen im öffentlichen Raum, welche im Rahmen von ‹Skulptur in Schlieren› ausgestellt werden, sind für die Stadt eine grosse Bereicherung. Es ist ein wertvolles Vermächtnis», so Brühlmann.

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