Weiningen
Ein knallender Brauch mit langer Tradition

Mit 48 Böllerschüssen wurde Daniel Müller von den Weininger Junggesellen in den Ehestand verabschiedet. Wann genau die Tradition des «Hochzeitschiessens» eingeführt wurde, weiss keiner mehr so genau.

christoph merki
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Geschossen wird mit «Barbara» von oberhalb des Dorfs. cm

Geschossen wird mit «Barbara» von oberhalb des Dorfs. cm

«3...2...1», ohrenbetäubend knallt der erste Schuss unmittelbar nach dem Betzeitläuten um 6.03 Uhr in der Früh über das verschlafene Weiningen. Im Abstand von exakt 20 Sekunden folgen noch fünf weitere Schüsse. Was bei einigen Einwohnern in Weiningen immer wieder für rote Köpfe sorgt, gehört zu einer langjährigen Tradition. «Mit den ersten Schüssen soll der Bräutigam geweckt werden», erklärt Junggeselle Thomas Mattle. Und tatsächlich sei am Samstag kurz nach dem sechsten Schuss Daniel Müller vor seine Haustür getreten und habe den Schützen auf der «Hasleren», wohl noch etwas schlaftrunken, zugewunken.

Relikt aus dem Weltkrieg

Wann genau die Tradition des «Hochzeitschiessens» eingeführt wurde, weiss keiner mehr so genau. Doch die sieben aktiven Junggesellen erfüllen ihre Aufgabe mit Herzblut. «Früher hat man mit einem Mörser geschossen, bis die Weininger Schützen 1970 diese Kanone erstehen konnten», gibt sich Robin Haug geschichtskundig. Bei der Beschaffung der wohl noch im 2.Weltkrieg aktiven Artillerie habe sich sogar Bundesrat Nello Celio noch für die Weininger eingesetzt, wie erzählt wird. Insgesamt ertönt «Barbara», wie die Kanone zu Ehren der gleichnamigen Schutzpatronin der Artilleristen getauft wurde, während des ganzen Tages acht Mal. Jedoch ballern die Schützen nicht willkürlich herum. Gemäss Tradition sind die Zeiten genau festgelegt. So folgten die nächsten sechs Schüsse, als sich das Brautpaar Daniel und Martina auf dem Weg fürs zivile Ja-Wort ins Standesamt im Schlössli machten, sechs weitere, als sie es als frisch vermählte Eheleute verliessen.

Genauso wie der Zeitplan für die Schüsse geregelt ist, genauso strikt ist festgelegt, wem zu Ehren «Barbara» Salut schiessen darf. So müsse der Bräutigam noch Junggeselle und Bürger von Weiningen sein. Als Höhepunkt besucht das Brautpaar jeweils die Schützen für die Schüsse nach dem Hochzeitsläuten der Kirchglocken um 12 Uhr. «Ich war fünf Mal als Schütze dabei», erinnert sich Daniel Müller oberhalb des Weininger Rebberges und fügt mit einem Glänzen in den Augen an: «Wenn man mal selber als Junggeselle geschossen hat, will man auch, dass an der eigenen Hochzeit geschossen wird.» Selbstredend, dass er es sich nicht nehmen lässt, den sechsten Schuss gleich selbst abzufeuern – Hochzeitsanzug hin oder her. Vom Stopfmaterial, das aus der Kanone gepfeffert wird, noch berieselt, findet jedoch auch die Braut Martina Müller aus Unterengstringen Gefallen an diesem Brauch: «Ich finde es schön, es ist etwas Persönliches und eine lässige Tradition.» Ein kleiner Apéro – natürlich mit Barbara-Bier – umrandet die kleine Zeremonie, bevor die Brautleute angeführt von Moritz Lüthi und Nicole Stadelmann zur kirchlichen Trauung geleitet werden.

Letzter Salut als Adieu

Während des Mittagessens für die Junggesellen ist sodann auch das Hochzeitsschiessen Thema Nummer eins. Alte Geschichten werden hervorgeholt und es wird gelacht. Am Freitag jedoch, bei der Vorbereitung, herrschte wohl nicht eine solch entspannte Stimmung. «Der Verschluss der Kanone war verhockt und der Zündstift hat auch nicht funktioniert», erzählt Thomas Mattle, dem als ältester Junggeselle die Führung der Truppe obliegt. Doch mithilfe eines Ehrenpräsidenten der Weininger Schützen und seiner Drehbank hätten sie «Barbara» wieder in Schuss bringen können.

Viel Zeit bleibt nicht, schon bald muss die nächste Serie geschossen werden. Früher wurde mit Tafeln angezeigt, wann die Braut in die Kirche ging, heute wird per Handy kommuniziert, damit die Serie auch passend zum Einzug der Braut in die Kirche ertönt. «Als wir vor 40 Jahren nach Weiningen zogen, sind wir beim ersten Hochzeitsschiessen schon heftig erschrocken», erzählen Felix und Gertrud Gloor lachend, als sie über die Hasleren spazieren. «Der Brauch soll aber beibehalten werden, es geht schon viel zu viel verloren.»

Bevor dann die letzten Schüsse den Bräutigam bei der Fahrt aus dem Dorf endgültig vom Junggesellendasein verabschieden, haben die Schützen noch eine letzte traditionelle Aufgabe. Beim Apéro nach der Kirche werden nämlich nebst den aufgestellten Tannen als Zeichen der Fruchtbarkeit einige Junggesellenanekdoten des Bräutigams in Versform vorgetragen.

Sodann wird «Barbara» wieder eingestellt, bis sie im September den Noch-Hochzeitsschützen Thomas Wüthrich mit ihren donnernden Rufen aus dem Junggesellendasein verabschieden darf.