Zwei Schüler stehen vor der versammelten Berufswahlklasse Limmattal in Dietikon. «Als Gipser braucht man eine Kelle, Stuckateurwerkzeug und einen Spachtel», sagt Ryan. Sein Schulkollege erklärt die verschiedenen Voraussetzungen, die man erfüllen muss, um in den Beruf einsteigen zu können. Der Lehrer ergänzt, dass es Gipser auch in gestalterischen Berufen brauche. Die beiden beenden ihren Vortrag unter Applaus der rund 15 Zuhörer. «Ich selber möchte nicht Gipser werden. Es ist mir zu anstrengend», sagt Ryan.

Das sei ein bekanntes Phänomen, sagt der Schulleiter Ueli Schmid. Berufe, bei denen man sich die Hände schmutzig mache, seien bei vielen Jugendlichen unbeliebt. «Dabei sind genau das die Jobs mit Zukunft», sagt er. Mit diesen Jobs meint er insbesondere Handwerker wie Sanitär, Gärtner oder eben Gipser. Büroberufe dagegen würden wegdigitalisiert.

In den zwölf Monaten, die die Jugendlichen in der Berufswahlschule verbringen, werden sie auf den Einstieg in die Berufswelt vorbereitet. «Wir ersetzen das erste Lehrjahr nicht, doch wir machen den Einstieg leichter», sagt ein Lehrer. Er unterrichtet im technischen Atelier. In diesem lernen die Schüler während 16 Lektionen pro Woche Grundlagen der Elektrotechnik und von CNC-Maschinen.

«Ich möchte Optikerin werden», sagt Maulita. Gerade misst sie ein rechteckiges Probestück aus. Sie habe schon einige Male geschnuppert, bislang habe es ihr immer gefallen. «Doch das nächste Mal gehe ich als Elektronikerin schnuppern», sagt sie. Einfach für den Fall, dass sie keine Stelle in ihrem Traumjob findet. Unrealistisch hohe Ziele und fixe Traumberufe: Das sei eine weitere Schwierigkeit der jungen Leute, sagt der Schulleiter. «Manche bekommen keine Stelle, weil sie sich zu hohe Ziele stecken.»

Unbesetzte Lehrstellen

Diesen Herbst blieben im Kanton Zürich 1854 Lehrstellen unbesetzt. Das teilt die Bildungsdirektion des Kantons mit. 1435 Schüler nahmen nach den obligatorischen neun Schuljahren ein Brückenangebot, wie etwa das der Berufswahlschule Limmattal, in Anspruch.

Im letzten Jahr wurden die Anforderungen für den Eintritt in das Berufswahlschuljahr erhöht. Neu müssen die Schüler eine Bestätigung von Lehrern oder der Schulleitung mitbringen, dass sie ein «Bildungsdefizit» haben. Zudem hat der Regierungsrat das Budget der Berufsvorbereitungsschulen letztes Jahr um 1,4 Millionen Franken pro Jahr gekürzt.

Die 165 Berufswahlschüler im Limmattal werden vom Kanton, den Gemeinden und einem Elternbeitrag finanziert. Dieser Beitrag beträgt pro Jahr 2500 Franken.
Der Schulleiter erklärt sich die unbesetzten Lehrstellen mit unterschiedlichen Gründen: «Wenn es nur noch eine weniger begehrte Lehrstelle in Wetzikon hat, ist das zu weit für einen Schüler aus dem Limmattal.» Zudem hätten auch die Anforderungen zugenommen. Für eine Coiffeuselehre brauche es mittlerweile einen Sek-A-Abschluss. Das sei für manche Interessierte nicht zu bewerkstelligen.

Digitalisierung bringt neue Berufe

In der Berufswahlschule bewältigen die Schüler neben Atelierlektionen auch Theorieunterricht. So können sie schulische Lücken schliessen. Die Zeugnisse und Zwischenzeugnisse helfen den Jugendlichen, sich zu bewerben. «95 Prozent unserer Schüler finden nach dem Berufswahlschuljahr eine passende Anschlusslösung», sagt der Schulleiter. Die Schüler seien beliebt, da sie bereits ein Jahr mehr Lebenserfahrung und auch berufsspezifisches Wissen hätten. «Die Lehrer helfen uns beim Bewerben. Doch schreiben müssen wir die Bewerbung selbst und in der Freizeit», sagt Maulita.

Das betont der Schulleiter auch ausdrücklich. «Die Ferien sollten besser ‹unterrichtsfreie Zeit› genannt werden», sagt er. Auch in dieser sollten die Schüler sich bewerben und Schnupperlehren absolvieren. «Die Schule ist anstrengend. Ich finde sie sogar noch anstrengender als die Sekundarschule», sagt Andre. Er will gerne eine ICT-Lehre (Information and Communication Technology) machen. ICT ist einer der 13 Berufslehrgänge, die ab diesem Lehrjahr für Schüler neu offen stehen oder umbenannt wurden.

Um sein Ziel zu erreichen, besuchen Andre sowie Maulita und Ryan die Berufswahlschule. Dabei hoffen sie, dass sie nächstes Jahr ihre Traum-Lehrstelle antreten können. Oder, wenn das nicht klappt, wenigstens einen verwandten Beruf erlernen
können.