Oberengstringen
Ein halber Milliliter pure Erleichterung: Die ersten Risikopatienten werden geimpft

Katrin Stöckle, Esther Doublali und Walter Schweizer verabreichen in ihrer Gemeinschaftspraxis in Oberengstringen den Moderna-Impfstoff. Trotz Hektik und Aufwand sind die Hausärzte froh, dass sie viele ihrer Risikopatienten schützen können.

Sibylle Egloff
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Albert Locher ist einer von 100 Risikopatienten, die diese und nächste Woche in der medizinischen Gemeinschaftspraxis Engstringen geimpft werden. Hausarzt Walter Schweizer und seine Kolleginnen stehen seit Dienstag sogar 300 Impfdosen zur Verfügung.

Albert Locher ist einer von 100 Risikopatienten, die diese und nächste Woche in der medizinischen Gemeinschaftspraxis Engstringen geimpft werden. Hausarzt Walter Schweizer und seine Kolleginnen stehen seit Dienstag sogar 300 Impfdosen zur Verfügung.

Alex Spichale

5 Grad gibt die Anzeige auf dem Kühlschrank in der medizinischen Gemeinschaftspraxis Engstringen in Oberengstringen an. Hausärztin Katrin Stöckle holt eine Ampulle des Moderna-Impfstoffs aus dem Schrank. «Damit kann man zehn Impfdosen aufziehen. Geöffnet ist der Wirkstoff sechs Stunden haltbar», sagt Stöckle. Sie, ihre Kollegin Esther Doublali und Kollege Walter Schweizer bereiten sich auf die Impftermine am Mittag vor. Zwischen 11.30 und 13 Uhr impfen sie zehn Risikopatientinnen und -patienten gegen das Coronavirus. Am Montag haben sie damit begonnen. «Der erste Tag war sehr hektisch. Es sind einige Patienten vorbeigekommen, die den Artikel über den Impfstart in unserer Praxis gelesen haben, die wir gar noch nicht aufgeboten haben», sagt Stöckle.

Ihr Kollege Walter Schweizer gehört zu den ersten sechs Medizinern, die im Limmattal den Impfstoff von der Kantonsapotheke erhalten haben. Insgesamt wurden 165 Zürcher Hausärzte von der Zürcher Ärztegesellschaft dazu auserkoren, als erste die Impfung durchzuführen. Berücksichtigt wurden dabei Hausarztpraxen, die mehr als 200 Risikopatienten behandeln, also Patienten über 75 Jahre oder mit schweren Vorerkrankungen. Zudem wurde auf eine gute regionale Verteilung geachtet. Doublali wurde nun in einem zweiten Schritt mit 100 Impfdosen bedacht. Die Ärztin konnte die Ampullen am Dienstag entgegennehmen. Stöckle erhält ihre 100 Impfdosen am 9. Februar. «Hausärzte, die noch immer nicht zum Impfen ausgewählt wurden, können ihre Risikopatienten in den Impfzentren anmelden. Momentan fehlt jedoch der Biontech-Impfstoff, der dort verabreicht wird», sagt Stöckle.

Die medizinische Gemeinschaftspraxis Engstringen: Katrin Stöckle, Esther Doublali und Walter Schweizer investieren in den kommenden Wochen viel Zeit in das Impfen ihrer Risikopatienten.

Die medizinische Gemeinschaftspraxis Engstringen: Katrin Stöckle, Esther Doublali und Walter Schweizer investieren in den kommenden Wochen viel Zeit in das Impfen ihrer Risikopatienten.

Alex Spichale

Schweizer ist mittlerweile mit einer aufgezogenen Spritze unterwegs in eines der fünf für die Impftermine reservierten Behandlungszimmer. Albert Locher wartet bereits auf den Hausarzt. «Er ist ein langjähriger Patient, über 75 Jahre alt und hat milde Diabetes. Er erfüllt also alle Kriterien, um prioritär geimpft zu werden» sagt Schweizer. Bevor er seinen Patienten piksen kann, musste dieser noch einen Fragebogen ausfüllen, der sicherstellt, dass tatsächlich eine Impfung durchgeführt werden kann. Darin müssen etwa Angaben zu Allergien, früheren Impfkomplikationen oder zu einer bereits erfolgten Corona-Erkrankung gemacht werden. «Es geht zum Beispiel darum, abzuklären, ob der Patient nicht vor einer Woche bereits eine andere Impfung erhalten hat. In einem solchen Fall wäre eine Corona-Impfung noch nicht angebracht», sagt Schweizer. Auch eine Covid-19-Erkrankung, die weniger als drei Monate zurückliegt, würde den Patienten von einer Impfung ausschliessen.

Der Termin im Impfzentrum kann er nun absagen

Für Albert Locher gibt Hausarzt Schweizer grünes Licht. «Sind Sie Rechts- oder Linkshänder?», fragt er den Patienten, während dieser seinen Pullover auszieht. Locher ist Rechtshänder und wird deshalb in den linken Oberarm gepikst. Der Oberengstringer freut sich, dass er nun bereits im Januar eine Impfung erhält. «Ich habe mich Anfang Jahr übers Internet im Impfzentrum angemeldet und für Ende Februar einen Termin erhalten. Ich bin froh, dass ich jetzt schon an die Reihe komme und diesen Termin absagen kann», sagt Locher. Sein Arzt spritzt ihm derweil Desinfektionsmittel auf den Oberarm. Bedenken oder Angst vor der Impfung hat der Patient nicht. «Ich lasse mich seit Jahren gegen die saisonale Grippe impfen.»

Eine Ampulle des Moderna-Impfstoffs reicht für 10 Injektionen. Im Kühlschrank gelagert, hält er einen Monat. Offen, ist er sechs Stunden haltbar.

Eine Ampulle des Moderna-Impfstoffs reicht für 10 Injektionen. Im Kühlschrank gelagert, hält er einen Monat. Offen, ist er sechs Stunden haltbar.

Alex Spichale

Schweizer hält nun die Spritze in der Hand. «Die Nadel ist etwas länger, damit wir nicht nur die Haut, sondern den Muskel erwischen», sagt der Arzt. Locher macht keinen Mucks, als die Nadel durch die Haut dringt und sich der halbe Milliliter Impfstoff im Muskel verteilt. «Es brennt ein bisschen, sonst merke ich nichts», sagt er gelassen. Locher fühlt sich nach dem Piks erleichtert. Er sehe seine Tochter und seinen Sohn seit Ausbruch der Pandemie nur noch ganz selten. «Am meisten vermisse ich das Essen im Restaurant. Jetzt muss ich immer selbst kochen», sagt der 77-Jährige. Er hofft, dass er geimpft einen Beitrag dazu leisten kann, dass das normale Leben langsam wiederkehrt. Zufrieden verlässt er das Behandlungszimmer, um am Empfang den Termin für die zweite Impfung in vier Wochen zu vereinbaren. «Zwei Wochen nach der zweiten Impfung sollte ein Schutz von über 90 Prozent da sein», erklärt Schweizer. Trotz Impfstoff-Engpässen wurden ihm und seinen Kolleginnen auch die Impfdosen für die zweiten Impftermine zugesichert.

Ob die Ärzte für den Aufwand entschädigt werden, ist noch offen

Esther Doublali hat gerade ihren letzten Patienten geimpft. «Die Aktion ist ein grosser logistischer Aufwand», sagt die Ärztin. Die Impfung selbst sei eine schnelle Sache, doch das Drumherum, wie die Aufklärung der Patienten, die Terminvereinbarungen durch das Praxispersonal und die digitale Erfassung der geimpften Patienten für Bund und Kanton, sei zeitaufwendig. Störend ist für die Hausärztinnen und den Hausarzt, dass sie noch nicht wissen, ob sie für die Extraarbeit eine Pauschale bezahlt bekommen oder nicht. «Es geht nicht nur um unseren Einsatz, sondern auch um den grossen Aufwand unseres Personals. Wenn man nur schon bedenkt, dass 300 Patienten in einem mindestens zweiminütigen Telefongespräch für einen Termin aufgeboten werden müssen», sagt Stöckle. Die drei Ärzte sind trotz allem froh, dass sie die Möglichkeit haben, eine Vielzahl ihrer Hochrisikopatienten zu versorgen. «Wir haben Glück und machen das gerne», sagt Doublali und Kollege Schweizer fügt an: «Als Hausärzte haben wir die Chance, unsere Patienten gut kennenzulernen. Man entwickelt eine gemeinsame Geschichte und es freut uns natürlich, wenn diese so lange wie möglich weitergeht.»

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