Dietikon
Ein Gesangsbuch führte 1890 zur Gründung der reformierten Kirchenchors

Zum 125-Jahr-Jubiläum sang der reformierte Kirchenchor Dietikon am Sonntag vor nahezu voll besetzten Rängen in der reformierten Kirche Dietikon Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Sandro Zimmerli
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Auf Chorreise im Jahr 1929 nach Brünig-Reuti-Hasliberg.

Auf Chorreise im Jahr 1929 nach Brünig-Reuti-Hasliberg.

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Zum 125-Jahr-Jubiläum sang der reformierte Kirchenchor Dietikon am Sonntag vor nahezu voll besetzten Rängen in der reformierten Kirche Dietikon Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy. Verstärkt wurde er dabei von der Neuen Kantorei Bülach und dem Orchester Collegium Cantorum unter der Leitung von André Lichtler.

Das Heimspiel, heute eine Selbstverständlichkeit, war für den Chor in seiner Anfangszeit noch in weiter Ferne: Während andernorts Katholiken und Reformierte ihre je eigenen Gotteshäuser nutzen, um Gottesdienste zu feiern, teilen sich die beiden Konfessionen im heutigen Bezirkshauport während Jahrhunderten eine gemeinsame Kirche, die sogenannte Simultankirche.

Der reformierte Kirchenchor Dietikon beim Jubiläumskonzert vom Sonntag, zusammen mit der Neuen Kantorei Bülach und dem Orchester Collegium Cantorum.

Der reformierte Kirchenchor Dietikon beim Jubiläumskonzert vom Sonntag, zusammen mit der Neuen Kantorei Bülach und dem Orchester Collegium Cantorum.

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Das ändert sich erst vor 90 Jahren. 1925 weihen die Reformierten ihre neue Kirche ein. Aus dem selben Jahr stammt auch das älteste noch vorhandene Schriftstück, in dem der Kirchenchor erwähnt ist.

Daraus geht hervor, dass er zu diesem Zeitpunkt bereits 35 Jahre alt ist. Denn anhand der ab 1925 laufend nummerierten Jahresberichte und den darin erwähnten Jubiläen lässt sich das Gründungsjahr des Chores auf 1890 datieren.

Ins Leben gerufen wird er wohl wegen der Einführung des neuen Kirchengesangbuches. Der Chor soll der Gemeinde beim Erlernen der neuen Lieder behilflich sein. Erster Dirigent ist ein Lehrer.

35 Jahre später, am Einweihungsgottesdienst der neuen reformierten Kirche, dirigiert August Furrer den Chor – auch er ein Lehrer. Gesungen wird das Lied «Jauchzet dem Herrn alle Welt» von Friedrich Silcher und der Psalm 92 «Das ist ein köstlich Ding, dem Herren danken». Der Chor zählt damals 68 Aktiv-, 9 Ehren- und 220 Passivmitglieder.

Krieg sorgt für Zäsur

Doch schon zehn Jahre später ziehen dunkle Wolken auf. 1936 treten 20 Passivmitglieder wegen der wirtschaftlichen Krise aus dem Chor aus. Der jährliche Beitrag von fünf Franken wird auf einen Franken herabgesetzt, um einen weiteren Mitgliederschwund zu verhindern. Nicht verhindern lassen sich die vielen militärischen Absenzen der Sänger nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. So kann der Chor 1939 erstmals an einem Bettag nicht auftreten. Auch die 1940 geplante Jubiläumsfeier zum 50. Geburtstag kann nicht wie gewünscht durchgeführt werden. Sie wird erst 1946 nachgeholt.

Vom Mitgliederschwund ...

Nach dem Krieg kehrt allmählich wieder Normalität ins Vereinsleben ein. Die Proben werden wieder regelmässiger besucht und 1957 vom Singsaal im Zentralschulhaus in den grossen Saal des neu in Betrieb genommenen Kirchgemeindehauses verlegt.

Nebst einem neuen Probelokal wird dem Chor auch eine neue Aufgabe zuteil. 1963 übernimmt er für einen fünfjährigen Knaben die Patenschaft, da dieser nur durch eine Gotte zur Taufe gebracht wird. Alljährlich werden ihm mittels Spendensammlungen unter den aktiven Sängern die üblichen Patengeschenke ausgerichtet.

Zwei Jahre später steht wieder ein Jubiläumskonzert an. Der Chor wird 75 Jahre alt. In dieser Zeit zählt er noch über 50 Aktivmitglieder. Eine Zahl, die sich in den nächsten zwei Jahrzehnten deutlich verringern wird.

Dennoch tritt der Chor unermüdlich auf und kann besondere Ereignisse miterleben. Etwa 1989, anlässlich des 900. Geburtstags der Stadt Dietikon. Dort vereinigen sich sämtliche Dietiker Chöre, um gemeinsam das «Dietiker Lied» zu singen. Im selben Jahr wirkt der Chor am ersten Zürcher Kirchentag mit anderen Chören an der Uraufführung der Kantate «Wenn taube Ohren sich öffnen» mit.

1990 besteht die Chorgemeinschaft nur noch aus 36 aktiven Sängern und 33 Passivmitgliedern. Als Reaktion auf den Mitgliederschwund wird 1992 Briefaktion durchgeführt. Doch der Aufruf, dass neue Mitglieder gesucht werden, bleibt erfolglos. Deshalb wird beschlossen, künftig vermehrt auf die Zusammenarbeit mit anderen Chören zu setzen.

...zur «Chorzukunft»

Bereits fünf Jahre später jedoch steht an der Generalversammlung eine Aussprache über die Zukunft des Chors auf der Traktandenliste. Als Folge davon wird die Arbeitsgruppe «Chorzukunft» ins Leben gerufen.

Deren Arbeit zeigt schon bald Früchte. Nun steht auch eine Fusion mit einem anderen Chor zur Debatte. Die Mitglieder entscheiden sich, es mit einer «Auffrischung» zu versuchen. Eine erneute Brief- und Telefonaktion bleibt jedoch erfolglos. Trotzdem finden ein paar wenige neue Sänger auf anderen Wegen zum Chor. Eine Neuerung erfährt auch der Dirigentenposten. 2001 wird er von Susanne Ursprung übernommen – der ersten Frau in diesem Amt.

Die Mitgliederzahlen bleiben weiterhin ein Sorgenkind. 2002 erreicht der Chor mit noch 22 Aktiven eine kritische Grenze. Heute zählt der Chor 25 Sängerinnen und Sänger. Dirigiert wird er von André Lichtler, der sein Amt 2006 antrat.