Wenn der Schlieremer FDP-Gemeinderat Markus Weiersmüller durch das Gaswerk-Areal schlendert, kommt er ins Schwärmen. Die rund 100 Jahre alten Bauten haben es ihm angetan. «Diese Bausubstanz ist einmalig. Sie ist ein wertvolles Kulturerbe der industriellen Vergangenheit unserer Stadt», sagt er.

Weiersmüller ist der Sohn eines Chemikers, der beim Gaswerk arbeitete, als dort noch aus Steinkohle Gas hergestellt wurde. Die ersten 21 Jahre seines Lebens wohnte er in einem der «Beamtenhäuser» an der Industriestrasse - er ist das, was man in der Stadt einen «Gasi-Bueb» nannte. En passant sinniert er über die grosse Vergangenheit des ehemals grössten Schweizer Gaswerks und die Lebenswelt der Angestellten. Er erzählt von den kohleverschmierten Gesichtern der Arbeiter aus den Kokereien, derentwegen die nahe gelegene Wohnsiedlung beim heutigen Restaurant Mojito damals auch «Negerdörfli» genannt wurde.

Das Areal liege ihm sehr am Herzen, erklärt Weiersmüller. Gestern gelangte er deshalb mit einer Interpellation an den Stadtrat. Dieser soll darlegen, welche Pläne für die zukünftige Nutzung des Gebiets bestehen und in welcher Form er auf die Entwicklung des Gasi-Areals Einfluss zu nehmen gedenkt.

Derzeit sei kein Entwicklungskonzept erkennbar, sagt Weiersmüller: «Das ‹Gasi› geriet durch die Zentrumsplanung und die Entwicklungen in Schlieren West etwas aus dem Blickfeld der Politik.» Mit seiner Interpellation wolle er dafür sorgen, dass diese «DNA Schlierens», wie er das Quartier liebevoll nennt, wieder die Aufmerksamkeit erhält, die sie verdiene.

Weiersmüllers Vorstoss wirkt zwar reichlich unkonkret. Dahinter verbirgt er aber die Absicht, im Stadtparlament eine Diskussion anzustossen. Das Parlament soll über mögliche Nutzungen für die Parzellen nördlich der Bernstrasse debattieren.

Im Fokus von Weiersmüllers Interesse stehen der mittlere und der östliche Teil des Areals. Derzeit sind dort neben Industrie- und Gewerbebetrieben auch eine Kletterhalle, ein Museum und die Ateliers der Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer angesiedelt. Das Land gehört zwar der Stadt Zürich, Schlieren hat aber über Baurechtsverträge Mitgestaltungsmöglichkeiten bei der Entwicklung des Areals. In seiner Antwort auf die Interpellation soll der Stadtrat auch angeben, ob etwa Übernahmepläne seitens der Stadt bestehen.

Eine fixe Vorstellung davon, wie das Gebiet genutzt werden soll, hat Weiersmüller nicht: «Die Nutzung muss auf jeden Fall aber seiner kulturhistorisch wertvollen Qualität Rechnung tragen.» Hinterhof-Werkstätten und Material-Depots passen nicht zum Gasi-Areal, sagt er. Wichtig sei, dass die Stadt Baurechtsverträge nicht über allzu lange Zeiträume vergebe, sondern das Gebiet künftig nach Möglichkeit aktiv bewirtschafte.

Traum einer gehobenen Nutzung

Hakt man nach, so lässt der FDP-Gemeinderat doch durchblicken, wie er sich die Zukunft seines Kindheitsquartiers ausmalt: «Diese seltenen Bauten aus der Zeit um 1900 wären etwa ideal für gehobene Restaurations-, oder Feinkostbetriebe und Kunstgalerien», sagt Weiersmüller. Sie würden aber auch Platz für exklusiven Wohnraum bieten.

Der über dreissig Meter hohe Gasometer könne unter Umständen sogar zu einer kleinen Eventhalle für kulturelle Anlässe umgebaut werden, fabuliert er weiter: «Wichtig ist, dass man darüber nachzudenken beginnt, wie man das Gasi-Areal so entwickeln kann, dass es seinem Wert gerecht wird und der Bevölkerung den grösstmöglichen Nutzen bringt.»

Weiersmüllers Vision betrifft einen Teil jenes Parameters, den sein Parteikollege Thomas Landis und zwei Stadtzürcher FDP-Gemeinderäte zu einer Kleingewerbezone umfunktionieren wollen (siehe Ausgabe vom 24. Oktober). Kommt man sich da nicht ins Gehege? «Nein», sagt Weiersmüller, «es gibt zwar gewisse Überschneidungen, aber Thomas Landis Schwerpunkt liegt auf Parzellen ausserhalb des Gaswerk-Areals.

So etwa im Bereich Rüstistrasse und im Gebiet ‹Ifang› bei der Gasometerbrücke.» Ausserdem habe Landis seinen Planungsparameter weit gefasst. Und in den historischen Bauten des ehemaligen Gaswerks mache eine kleingewerbliche Nutzung eher wenig Sinn, ist Weiersmüller überzeugt.