Dunkle Flecken des Limmattals
Ein ganzes Tal unter Wasser: Als vor 106 Jahren alle Dämme an der Sihl brachen

Im Juni 1910 versank das Limmattal im Wasser – Schuld war die letzte grosse Überschwemmung der Sihl.

Sandro Zimmerli
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Blick aufs Limmattal von Höngg aus: Wegen des Sihlhochwassers im Jahr 1910 überschwemmte die Limmat das ganze Tal. zvg

Blick aufs Limmattal von Höngg aus: Wegen des Sihlhochwassers im Jahr 1910 überschwemmte die Limmat das ganze Tal. zvg

Gelb vom Schlamm gefärbt, bahnten sich die Wassermassen ihren Weg durch das Tal. Über Nacht hatte sich die Limmat in einen See verwandelt. In der Nacht vom 14. auf den 15. Juni 1910 gingen in der ganzen Schweiz wolkenbruchartige Regenfälle nieder. Überall traten Gewässer über die Ufer. In Zürich führte die Limmat Bäume, Sträucher, Holzschober und sogar ganze Tannen samt Wurzeln mit sich. Schlimm erwischte es das Industriequartier. Hinter der Fabrik Escher-Wyss war das ganze linke Flussufer überschwemmt.

Dunkle Flecken des Limmattals

Das Limmattal und seine düstere Seite – in der Region wurde in der Vergangenheit manch dunkle Geschichte geschrieben. In einer Sonntags-Sommerserie werden einige von ihnen genauer beleuchtet.

Nächste Folge: Das Limmattal wird zum Kriegsgebiet

Grund für die Überschwemmungen war das letzte grosse Sihlhochwasser. Dessen Auswirkungen reichten über die Stadtgrenzen hinaus und sorgten auch im Limmattal für Überschwemmungen. Bei Höngg, Oberengstringen und Schlieren mussten die Brücken bereits bei Tagesanbruch überwacht werden. Besonders schlimm erwischte es Altstetten, wie aus einem Artikel der «NZZ» hervorgeht. «Hier steht es schlimm. Sämtliche Häuser zwischen Industriestrasse und der Limmat bis nach Höngg stehen unter Wasser. Das Bahnhofquartier gleicht einem See. Der Durchgang ist unpassierbar. In der Wirtschaft zum Frohsinn läuft das Wasser zu den Fenstern herein. Die Hönggerstrasse ist nicht mehr passierbar. Ein Haus musste geräumt werden. In Höngg stehen die Häuser längs des Flusses tief im Wasser.»

Die Fahrweid stand komplett unter Wasser, viele Häuser waren nur noch per Boot erreichbar (Hintergrund rechts). Ortsmuseum Dietikon

Die Fahrweid stand komplett unter Wasser, viele Häuser waren nur noch per Boot erreichbar (Hintergrund rechts). Ortsmuseum Dietikon

Ortsmueseum Dietikon

Die Fluten dehnten sich im Verlauf des Tages weiter Richtung Schlieren und Dietikon aus. Am Nachmittag stand schliesslich das Gaswerk unter Wasser. Die Gaslieferungen mussten eingestellt werden. In der Stadt Zürich wurde die öffentliche Gasbeleuchtung auf das Notwendigste reduziert. Mit Anschlägen wurde die Bevölkerung dazu aufgefordert, den Gasverbrauch einzuschränken.

Gasstadt im Kerzenlicht

Es nützte nichts. Die Gasabgabe an die Stadt und Aussengemeinden musste während 37 Stunden eingestellt werden. Erst am 18. Juni setzten die Lieferungen wieder ein. Für weite Teile der Bevölkerung in Altstetten und Schlieren hiess das, ihre Wohnungen mit Kerzen zu beleuchten. In Restaurants und Läden wurden Lampions aufgehängt. Unternehmen, die vom Gas abhängig waren, mussten ihren Betrieb einstellen. So blieb unter anderem die Setzmaschine des «Anzeigers für das Limmattal» in Altstetten stehen.

Auch weiter flussabwärts bei Dietikon bot sich dem Betrachter an diesem 15. Juni ein surreales Bild, wie ein Reporter der «NZZ» berichtete. «Auf einer Strecke von einem Kilometer ist das an der Limmat gelegene Land total überschwemmt. Die Telephonstangen befinden sich mitten im Flusse, und zwar mehrere Meter tief. In Dietikon selbst, bezw. auf der Strasse von Dietikon nach Weiningen, ist ebenfalls alles überschwemmt. Beim Wehr in Dietikon ist eine Masse von Holz angespült worden, darunter Tannen und Buchen von 10 Meter Länge. Das Holz wird von den Einwohnern herausgefischt und heimgetragen. Das Kloster Fahr ist ebenfalls unter Wasser; es sieht trostlos aus in dieser Gegend.»

In der Fahrweid stand das Restaurant Limmatbrücke in einem See. Die Weininger Feuerwehr hatte alle Hände voll zu tun. Und auch in Dietikon wurden die Feuerwehrleute bereits in der Nacht aufgeboten. Dem Landwirt Bachmann in Fahr an der Limmat gegenüber von Oetwil mussten Nachbarn zur Hilfe eilen. Sie retteten sechs Stück Grossvieh, ein Kalb und ein Schwein aus den Ställen. Laut Berichten musste das Kleinvieh in einem Kahn ins Trockene gebracht werden.

Grosse Spendenaktion für Opfer

Das Unwetter hatte nicht nur im Limmattal seine Spuren hinterlassen. In weiten Teilen der Schweiz bot sich ein ähnliches Bild. Landesweit war Kulturland vernichtet worden, waren Häuser eingestürzt, Strassen weggeschwemmt und Dämme gebrochen. Die Fluten forderten auch Menschenleben, die Schäden gingen in die Millionen. Deshalb rief der Bundesrat die Bevölkerung Ende Juni dazu auf, für die betroffenen Landstriche zu spenden. Sammler gingen daraufhin in den Gemeinden von Haus zu Haus. Vielerorts war es auch möglich, seine Spende auf der Gemeindekanzlei, auf der Post oder in Restaurants abzugeben. An gewissen Orten verzichtete der Gemeinderat auf Sitzungsgelder, um seinen Beitrag zu leisten. Schweizweit kamen so rund 2,1 Millionen Franken zusammen, davon 238 000 Franken im Kanton Zürich. Altstetten beispielsweise, wo sich nach der Überschwemmung 35 Geschädigte bei den Gemeindebehörden meldeten und einen Schaden von knapp 13 800 Franken geltend machten, erhielt aus der Sammelaktion 7345 Franken.

Als Folge der verheerenden Überschwemmung wurden die linksufrigen Hochwasserdämme zwischen Altstetten und Unterengstringen erhöht. Es waren die letzten Massnahmen im Zuge der Limmatkorrektion, mit der 1876 begonnen worden war. Mit der Begradigung des Flusses konnte die Gefahr vor Hochwassern gebannt werden, auch wenn sich die Limmat hin und wieder wehrte – wie etwa in diesem Juni im Jahre 1910.