Ein Kinderreim hallt über das Perron am Bahnhof Schlieren. Am Gleis 4 wartet eine Schulklasse auf den Zug. «Nicht so laut», mahnt die Lehrerin. Die Antwort der Kinder geht im Lärm des vorbeifahrenden TGV unter. Auf dem Geistlich-Areal dreht gerade der Kran, als Arber Jetullahi beim Gleis 1 erscheint. Vor sich her schiebt er einen kleinen Wagen. Am Gestell hängt ein transparenter Abfallsack. In der orangen Ablage dahinter befindet sich alles, was Jetullahi für seine Arbeit braucht: Universalreiniger, zahlreiche Fläschchen, Putztücher, Abfallsäcke, eine Abfallklammer, Schaufel und Besen. «Von hier habe ich den besten Blick auf den Bahnhof und sehe von weitem, was es zu tun gibt», sagt er.

 Nicht nur die Ausrüstung zum Putzen muss stimmen, sondern auch das Outfit. Der 43-Jährige trägt eine orange Leuchtweste, Stahlkappenschuhe, Handschuhe und eine Brille. «Das ist Pflicht. Die Brille schützt meine Augen zum Beispiel vor Scherben.» Seit fünf Jahren arbeitet der Kosovare für die SBB und macht Bahnhöfe sauber.

Glasscherben sichern

Es ist 9 Uhr. Jetullahi ist schon seit über vier Stunden auf den Beinen. Er absolviert an diesem Tag die Tour 61. Das heisst, er reinigt die Bahnhöfe Thalwil, Dietikon, Glanzenberg, Urdorf, Urdorf Weihermatt und Schlieren. Pro Bahnhof hat er etwa eine bis eineinhalb Stunden Zeit. In Dietikon und Schlieren, wo es viele Pendler hat, schaut er sogar zwei Mal nach dem Rechten. Ob die Zeit knapp wird oder ob er auch wirklich jede Ecke des Bahnhofs auf Hochglanz bringen kann, weiss Jetullahi erst, wenn er vor Ort ist. «Die Bahnhöfe überraschen mich jeden Morgen von Neuem.» Man wisse nie, was man antreffe. Unvorhergesehenes bereitet Jetullahi am meisten Mühe in seinem Arbeitsalltag. «Wenn ich Erbrochenes beseitigen oder Glasscherben von einem zertrümmerten Wartehäuschen sichern muss, beansprucht das mehr Zeit.» Die fehle ihm dann für andere Arbeiten.

Jetullahi hat Glück. Der Schlieremer Bahnhof hält an diesem Tag nichts Unerwartetes bereit. «Es ist nicht so, dass ich ein Problem damit habe, Erbrochenes zu entfernen», sagt er und zückt ein Fläschchen aus der Ablage des Wagens. «Das ist meine Geheimwaffe. Wenn man das Pulver auf dem Erbrochenen verteilt, absorbiert es den Gestank sofort und hinterlässt einen guten Geruch.» Es nerve ihn aber, wenn er darum den Rest des Bahnhofs vernachlässigen müsse. Wie gewissenhaft der zweifache Vater seine Arbeit erledigt, wird deutlich, als er die Treppe zur Unterführung hinuntersteigt. «Das Geländer ist ganz klebrig», sagt er. Im Nu kramt er einen Putzlumpen hervor und reinigt die Stelle. «Es ist nicht schön, wenn die Zugpassagiere ein klebriges Geländer anfassen müssen.»

 Wenn Jetullahi am Morgen in Schlieren ankommt, checkt er als Erstes die Sauberkeit der Toiletten und beginnt dann damit, die Perrons zu reinigen. Dazu braucht er nicht nur die Schaufel und den Besen oder die Abfallklammer, um Zigarettenstummel zu entfernen. Zum Einsatz kommt auch ein überdimensionaler Staubsauger. Jetullahi nennt ihn «Elefant», weil der grosse Schlauch einem Elefantenrüssel ähnelt.

Während er die Unterführung und die Perrons saugt, versucht er, die Fahrgäste beim Ein- und Aussteigen möglichst nicht zu stören. Von einigen erhält er ein Lächeln, andere nehmen ihn gar nicht wahr. «Die Passagiere sind sehr nett. Viele grüssen mich und bedanken sich.» Das mache ihm Freude, wenn sie zufrieden mit seiner Arbeit sind. «Einige wollen mir sogar Trinkgeld geben. Das darf ich aber nicht annehmen. Sie laden mich dann zu einem Kaffee ein», sagt Jetullahi und strahlt übers ganze Gesicht.

Verständnis für Passagiere

Ganz selten mache er negative Erfahrungen. «Einmal warf mir ein Fahrgast eine Flasche direkt vor die Füsse. Ich sagte ihm, dass ich das nicht nett finde. Ich glaube, das hat etwas genützt. Seit diesem Tag grüsst er mich jedes Mal, wenn er mich sieht, und wirft auch nichts mehr auf den Boden.» Jetullahi nimmt es den Leuten nicht einmal übel, wenn sie ihren Abfall liegen lassen. «Ich habe Verständnis. Viele sind im Stress.»

Beim Saugen auf den Gleisen entdeckt Jetullahi einen Kleber auf dem Bahnhofsschild «Schlieren», dazu ein paar Schmierereien und kleine Graffiti an einer Säule. Sofort zückt er eine Art Schaber aus seiner Weste und kratzt den Kleber behutsam vom Schild. Beim weissen Graffiti dauert es etwas länger, bis die Farbe verschwindet. Doch nach kräftigem Reiben mit dem Schwamm, der mit einem Wundermittel aus einem der Fläschchen getränkt ist, erstrahlt die Säule in neuem Glanz. Jetullahi lächelt zufrieden. «Grössere Graffiti werden auf speziellen Putz-Touren entfernt.» Dass er eine Sisyphusarbeit ausübt und jeden Tag den Dreck anderer wegräumen muss, daran stört er sich nicht. Im Gegenteil. «Dreck gibt es halt einfach. Aber so habe ich Arbeit und kann meine Familie ernähren.» Er freue sich, nach einem Arbeitstag nach Hause nach Rämismühle im Tösstal zu kommen und seine Kinder und seine Frau in die Arme nehmen zu können. Wenn er von seiner zweijährigen Tochter Sofia spricht, glänzen seine Augen.

Früher, als er noch auf der Baustelle arbeitete, sei er abends todmüde heimgekommen und hätte keine Kraft und Zeit mehr gehabt, um noch mit den Kindern zu spielen. «Doch nun ist das möglich. Für mich ist das ein Segen.» Zudem habe er auch wieder mehr Energie, um seiner Leidenschaft nachzugehen: dem Singen. «Wäre ich vor 13 Jahren nicht aus dem Kosovo in die Schweiz gezogen, wäre ich dort wohl ein bekannter Sänger geworden.» Noch heute tritt Jetullahi an albanischen Hochzeiten auf, singt und spielt Volksmusik aus seinem Heimatland mit dem traditionellen Saiteninstrument Sharkia.

Die Zeit am Bahnhof Schlieren läuft langsam ab. Jetullahi muss weiter nach Urdorf. «Ich will das aber noch schnell erledigen», sagt er, als er vor einer Fahrplantafel stehen bleibt. Die Plexiglasfolie hat einen Riss. Schnell wird ein Foto geschossen und über eine SBB-interne App der Reparatur-Zentrale gemeldet. Die Gewissenhaftigkeit kommt bei Jetullahi auch bei Stress nicht zu kurz. Und so verlässt er den Bahnhof, um sich morgen früh wieder überraschen zu lassen.