Es ist bester Service public: Zweimal pro Woche fährt in Spreitenbach die Müllabfuhr vor. Diese Entsorgung muss nach dem Verursacherprinzip bezahlt werden. So entschied es das Bundesgericht vor drei Jahren. Das Mittel dazu: Kehrichtsackgebühren. Im Limmattal ist diese Gebühr in allen Gemeinden des Bezirks Dietikon etabliert. Nicht so Spreitenbach: Die Gemeinde stellte im Oktober 2012 ein neues Abfallreglement in Aussicht, das die Gebühr per Januar 2014 einführen sollte. Stand heute wird sie aber frühestens ab 1. Januar 2016 verlangt – das Reglement ist weiterhin nicht fertig. Noch legte der Kanton nicht fest, wie er vorgeht, wenn die Gemeindeversammlung die Sackgebühr ablehnt.

Wieso Spreitenbach mit der Sackgebühr im Verzug ist, erklärt Gemeindeammann Valentin Schmid: «Wir warten auf klare Rahmenbedingungen.» Damit meint Schmid eine Verordnung auf Bundesebene, die die Kehrichtentsorgung neu regeln soll (siehe Box). «Wenn morgen das Schreiben vom Bund kommt, gehen wir die Umsetzung schnell an.» Abfalltouristen nutzen die Zeit bis dahin. Sie entsorgen ihren Abfall in Ortschaften ohne Sackgebühr statt an ihrem Wohnort. So sparen sie Geld. Auch in Spreitenbach stellen die Behörden Abfalltouristen fest. Wo? «Vor allem bei grossen anonymen Liegenschaften», sagt Viktor Ott, Bereichsleiter bei den Gemeindewerken. Mit höchstens 500 Franken büsst die Polizei Abfalltouristen, die erwischt werden.

Die hohe Kehrichtmenge Spreitenbachs von jährlich 492 Kilogramm pro Person (siehe Grafik) rührt laut Viktor Ott aber nicht vom Abfalltourismus her. Vielmehr landen auch überdurchschnittlich viele Recyclingstoffe in der Kehrichtverbrennungsanlage Dietikon. Für den 1000 Grad heissen Ofen kein Problem – dafür bleibt die Abfalltrennung aus. «So gehen viele wiederverwendbare Wertstoffe und Geld verloren. Insbesondere beim Altpapier ist die Recyclingquote Spreitenbachs sehr tief», sagt Ott.

Rechnet man zum Kehricht auch die Separatsammlungen hinzu – Grüngut, Altpapier, Metall und Glas – kommt Spreitenbach auf 643 Kilogramm sogenannten Siedlungsabfall pro Person. Der kantonale Durchschnitt beträgt 409 Kilogramm. «Sobald der Weg übers Portemonnaie führt, wird der Abfall getrennt», sagt David Schönbächler. Heute zahlen die Spreitenbacher statt einer Sack- eine Grundgebühr von 257 Franken, wenn die Wohnung mehr als 3½ Zimmer hat. Bewohner kleinerer Wohnungen zahlen 180 Franken. «Das jetzige System, das über die Wohnungsgrösse läuft, ist sehr sozial», sagt Gemeindeammann Valentin Schmid. «Mit der Sackgebühr spielt die Wohnungsgrösse keine Rolle mehr. Dann wird es für Familien mit Kindern teurer.»

Schmid erklärt sich die grosse Abfallmenge damit, dass Spreitenbach ein grosser Industriestandort sei. Auch die Dietiker haben viel Industrie – was ist der Unterschied? «Die Art der Industrie ist auch entscheidend dafür, wie viel Abfall sich ergibt. Die Leute lassen viel Abfall gleich in den Einkaufszentren, zum Beispiel Verpackungen», so Schmid. Er sagt, dass die Kehrichtmenge Spreitenbachs jährlich 370 statt 492 Kilogramm pro Person betrage, wenn man den Anteil der Industrie nicht mitrechne. Das sind aber immer noch 130 Kilogramm mehr als etwa in der Nachbargemeinde Killwangen.

400 000 Franken beträgt der jährliche Überschuss der Spreitenbacher Abfallbewirtschaftung. Die Gemeinde verwendet das eingenommene Geld zweckgebunden, zum Beispiel wenn sie eine Sanierung der Kehrichtverbrennungsanlage mitfinanzieren müsste.

Wie geht es nun weiter mit der Sackgebühr? Ist der nationale Reglementsentwurf fertig, können sich Ortsparteien, Kommissionen und Verbände in der Vernehmlassung dazu äussern. Nach einer weiteren Überarbeitung stimmt die Gemeindeversammlung darüber ab, ob sie das Reglement einführen und damit die Vorgabe des Bundesgerichts erfüllen will.