Das vermeintliche Internet-Schnäppchen kostet Marco Kälin jetzt verdammt viel Zeit und Nerven. Tage- und nächtelang verbringt der Dietiker Unternehmer mit Recherchen am Computer. Minuziös dokumentiert er einen Betrugsfall, bei dem er selbst 1100 Franken verlor.

Insgesamt haben rund 300 Käufer Ware im Wert von rund 100 000 Franken gekauft, die nie ankam. «Ich habe die Schnauze voll von Leuten, die sich auf diese Art bereichern», sagt Kälin.

Es war am 21. Juli, als Kälin vier Samsung-Tablets kaufte, die er seinen Mitarbeitern schenken wollte. Der Geschäftsmann bezahlte die Ware sofort. Doch schon wenige Stunden später kamen ihm erste Zweifel. Denn der Anbieter, die Georg Gipser GmbH aus dem bernischen Huttwil, stellte noch am selben Tag immer mehr Angebote auf Ricardo.

Fünf Tage unkontrollierter Verkauf

Kälin meldete seinen Betrugsverdacht sofort der Polizei und Ricardo. Trotzdem musste er in den nächsten Tagen zusehen, wie der Betrug laufend grössere Ausmasse annahm. Zwischen dem 20. und 25. Juli bot der mutmassliche Täter ständig neue Handys, Notebooks und Navigationsgeräte an, die er nie lieferte - immer als Liquidationsposten ausgeschrieben.

Anfänglich entschuldigte sich der umtriebige Emmentaler Verkäufer bei Kunden, die reklamierten, dass ihre Ware nicht kam.: «Es ist nicht möglich, die Artikel täglich zu versenden, da es einen grösseren Aufwand geben würde. Wir liefern einmal pro Woche aus.

Wir haben dafür extra Mitarbeiter eingestellt», heisst es im Mail. Das Geschäft lief weiter. Erst einige Tage nachdem Mitglieder ihren Betrugsverdacht meldeten, sperrte Ricardo den Mann für neue Verkäufe (siehe Kasten). Für viele Kunden zu spät.

Immer mehr günstige Ware

Leichtgläubig sei er nicht gewesen, sagt Marco Kälin. Er überprüfte den Anbieter, bevor er das Geschäft tätigte. Am Morgen, als Kälin kaufte, hatte der Anbieter zwölf Artikel auf Ricardo; Kälin schien das plausibel. Verdacht schöpfte der Dietiker, als es gegen Abend plötzlich 60 Mehrfachangebote waren, die immer tiefere Einstandspreise hatten.

Kälin fand heraus: Alle Bilder und Texte zu den Produkten waren von der Mediamarkt-Homepage. Der Unternehmer informierte die Polizei, dachte zuerst, es könnte gestohlene Ware aus dem Media-Markt Dietikon sein. Doch später stellte sich heraus, dass die Georg Gipser GmbH die Ware wohl gar nie besessen hat.

Kälin begann mit der Aufarbeitung. Er sichtete alle Transaktionen, er kontaktierte so viele Anbieter wie möglich. Akribisch hat er eine Liste mit allen Geschädigten zusammengetragen. Dank Kälin ist das Ausmass jetzt überhaupt bekannt. Der Fall zeigt, wie leicht das Vertrauen auf Ricardo missbraucht werden kann.

Zu viel Vertrauen im Spiel

Wer auf Ricardo einkauft, kennt den wahren Namen seines Gegenübers nicht, nur der Internetkonzern hat die Namen. Das hat seinen Grund: Ricardo verdient beim Verkauf eine Provision. Würden sich Käufer und Verkäufer kennen, könnten sie hinter dem Rücken von Ricardo verhandeln. Einzige vertrauensbildende Massnahme sind die Bewertungen der Personen aus früheren Transaktionen.

Auch der Verkäufer, dem Marco Kälin auf den Leim gegangen ist, hatte positive Bewertungen. Inzwischen glaubt Kälin zu wissen, wie die Georg Gipser GmbH zu ihrem guten Ruf gekommen ist: Im Juni verkaufte sie unter anderem mehrere Handys, die er tatsächlich verschickte. Wie sich später herausstellte, hat der Mann sie im Fachgeschäft gekauft und wohl bewusst billiger auf Ricardo verkauft, um das Vertrauen der Kunden zu gewinnen.

Mit wenigen hundert Franken Einsatz hat er die Grundlage für den Betrug gelegt. Ricardo betont allerdings, dass das Bewertungssystem in fast allen Fällen äusserst zuverlässig funktioniere. Bei neuen Händlern ohne oder mit wenigen Bewertungen sei aber grundsätzlich immer Vorsicht geboten, wenn Waren im grossen Stil angeboten würden.

Täter: «Wurde selbst betrogen»

Der mutmassliche Täter ist der Besitzer der Firma Georg Gipser GmbH in Huttwil. Seit 2011 ist das Geschäft im Handelsregister, eingetragen ist es auf einen Kosovaren, der inzwischen abgetaucht ist.

Am Firmensitz in Huttwil hängt ein Zettel, dass das Unternehmen umgezogen sei, Kontaktversuche schlagen fehl, Handys werden sofort abgehängt, Mailanfragen nicht beantwortet. Bei der Kantonspolizei Bern bestätigt man einzig, dass «umfangreiche Ermittlungen am Laufen sind». Aus Mails der Strafverfolgungsbehörde an Geschädigte ist bekannt, dass die Polizei Monaco als aktuellen Aufenthaltsort in Betracht zieht.

Nachdem Radio SRF letzte Woche über den Vorfall berichtet hat, meldete sich der mutmassliche Betrüger per Mail bei den Geschädigten und rechtfertigte sich: «Wir haben soeben im Radio gehört, dass dem Geschäft Betrug vorgeworfen wird. Dies ist nicht der Fall, da wir selber vom Lieferanten betrogen wurden», schrieb er. In dessen Lager sei seine Ware plötzlich verschwunden. Seit diesem Mail haben Marco Kälin und die anderen Geschädigten nichts mehr gehört.