Dietikon
Ein Deutscher als Schweizer Bundespräsident

Der Bundespräsident muss sich in einer Rede an das Parlament für sein entgleistes Verhalten rechtfertigen, nur um zu begreifen, dass heutzutage die Macht nicht mehr beim Bundesrat liegt. Dies zeigt sich beim Theater «Bunga Bunga».

David Hunziker
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Ein Pflaster und Reue zeugen von den Erlebnissen des Bundespräsidenten. Brodo Krumwiede im Dietiker Stadtkeller.

Ein Pflaster und Reue zeugen von den Erlebnissen des Bundespräsidenten. Brodo Krumwiede im Dietiker Stadtkeller.

David Hunziker

Der Schweizer Bundespräsident ist aufgebracht. Dennoch versucht er mit aller Kraft, sich zu konzentrieren. Nach jedem Abschnitt seiner Rede führt er mit zittriger Hand sein Wasserglas zum Mund und nimmt zur Beruhigung einen Schluck. Die Ruhe ist wichtig, denn seine Rede ist eine Verteidigungsrede. Wir, das Publikum, verkörpern an diesem Abend das Schweizer Parlament, vor dem sich er, der erste deutschstämmige Bundesrat, verantworten muss.

Die Konstellation des Stücks «Bunga Bunga», das am Freitagabend im Dietiker Stadtkeller zu sehen war, gewinnt der deutsche Schauspieler Bodo Krumwiede aus der Bearbeitung eines Stücks des britischen Schriftstellers Robert Harris. Dieser hat in den letzten Jahren etwa mit dem Politthriller «The Ghost» auf sich aufmerksam gemacht, der von Roman Polanski verfilmt wurde. Aber auch die Finanzkrise hat er in einer Kriminalgeschichte verarbeitet. Krumwiede überträgt mit «Bunga Bunga» einen Text über die Funktionsweise des Parlamentarismus und die Verhängnisse, in die seine Exponenten geraten können, auf die Schweiz.

Dass dieser Bundesrat ehemals Deutscher ist, macht die Angelegenheit zwar irgendwie brisanter, dient dem Stück aber nur als Hintergrund. Bei dieser Angelegenheit handelt es sich um ein Missgeschick, das sich wohl gerade nicht zugetragen hätte, wären sich die Beteiligten seiner Brisanz nicht bewusst gewesen. An diesem verhängnisvollen Abend sind schlussendlich ganze Stadtteile von Bern unter Polizeikontrolle und Roger Köppel wird in der «Weltwoche» kurz darauf titeln: «Bunga Bunga im Bundeshaus».

Unscheinbar beginnt die Geschichte mit einem Stopp der Bundesrats-Karosse an einer Tankstelle. Wegen seines Bedürfnisses nach frischer Luft, das ihn in der Toilette überkommt, fällt der Bundespräsident aus dem Fenster in einen Innenhof und beginnt eine Irrfahrt durch Bern. Es wird dunkel, regnet, ihm fehlt eine Kontaktlinse und auch die leichte Hirnerschütterung setzt ihm zu. So erkennt er nicht, dass die Dame, die ihn anschliessend durch Bern fährt, erst 15-jährig ist. Es scheint ihm das gesunde Urteilsvermögen abhanden gekommen zu sein, als er beschliesst, einem verfeindeten Journalisten einen Besuch abzustatten.

Als der Bundesrat vor dem Stopp noch in seinem Wagen sass, war er in die Lektüre eines Artikels eben jedes verfeindeten Journalisten vertieft, dem er nun gegenübersteht. Was der Journalist geschrieben hatte, war nicht gerade gut gemeint und hatte dem Bundespräsidenten stark zugesetzt. Seine Idee, Mann gegen Mann sei der Journalist ihm ausgesetzt, entpuppt sich als unbegründet, denn jener lockt ihn in einen Hinterhalt aus Polizisten und Fotoreportern. Er habe einst auch Politiker werden wollen, meint der Journalist, doch habe dann feststellen müssen, dass die Macht heute eben nicht mehr beim Bundesrat liege.