Xiaodong Tu fotografiert. Meist hat sie dabei die Natur im Fokus. Gerade diese Fotos schickt sie dann jeweils an ihre Kolleginnen in ihrer ursprünglichen Heimat China. «Ich möchte sie sensibilisieren für die Umwelt. Denn während der Umweltschutz in der Schweiz sehr gut funktioniert, wird in China nichts in diese Richtung getan», sagt sie.

Erst zwei Jahre ist es her, seit Xiaodong Tu in die Schweiz kam. Die Liebe sei es gewesen, die sie dazu bewogen habe, mit 42 Jahren nochmals zu heiraten und ihr Mutterland mitsamt Sohn zu verlassen, sagt Tu und erzählt eine Liebesgeschichte wie aus dem Bilderbuch: «Wir haben uns online kennen gelernt, waren beide geschieden und verstanden uns sofort. Dann kam er mich das erste Mal besuchen, und es folgten einige weitere Besuche.» Wenn sie dann jeweils wieder getrennt waren, schickte sie jeden Tag ein Foto von sich in die Schweiz. «Ich brachte es hin, dass ich jeden Tag anders aussah», sagt Tu nicht ohne Stolz. Nach eineinhalb Jahren beschlossen die Chinesin Xiaodong Tu und der Schweizer Anton Kiwic, zu heiraten.

Die Schwierigkeit mit dem Schweizerdeutsch

Gesprochen wird im Hause Kiwic-Tu oft Englisch, denn Tu studierte zwei Jahre in England und arbeitete zuletzt in verschiedenen internationalen Firmen als Übersetzerin. Davor unterrichtete sie als Lehrerin an einer Mittelschule. «Das hielt mich jung», sagt Tu, die letzte Woche 44 Jahre alt wurde. Den Lehrberuf hat sie bis heute in den Adern; so stellt sie beim Deutschsprechen hohe Ansprüche an sich selbst. «Dabei sollte ich vielleicht öfters einfach drauflosreden», sinniert Tu, die inzwischen auch Deutsch schreiben kann.

Nur mit dem Schweizerdeutsch habe sie noch ihre liebe Mühe. «Mit der Sprache kämpft aber hauptsächlich mein Sohn», sagt sie. Der 14-Jährige musste nicht nur Hochdeutsch von Grund auf erlernen, sondern auch Französisch. Dazu kommt erschwerend, dass seine Schulkameraden alle Schweizerdeutsch sprechen.

Tus Leben hat sich seit ihrem Umzug in die Schweiz stark verändert: In China lebte Tu in einer kleinen Wohnung in der Stadt Suzhou, mit dem Zug war sie in einer halben Stunde in der Millionenmetropole Schanghai. Nun wohnt sie in einem beschaulichen Quartier in Dietikon, in einem Haus mit Garten. «Vorher arbeitete ich immer ausser Haus, kochte fast nie selber und hatte eine Putzfrau», sagt sie. Jetzt ist sie Vollzeit-Hausfrau. Geplant sei ihr Hausfrauendasein nicht gewesen; sie habe immer gedacht, Hausfrau zu sein sei langweilig, sagt sie. Inzwischen hat Tu ihre Meinung revidiert: «In China müssen die Frauen arbeiten, weil der Mann alleine eine Familie gar nicht ernähren kann. Ich finde es gut, dass ich hier die freie Wahl habe und mich voll und ganz auf etwas konzentrieren kann.»

Ein Auge für spannende Bildausschnitte

Was jedoch trotz des Umzugs gleich geblieben ist, ist Tus Faszination für die Fotografie. Sie sei bloss eine Amateurin, sagt sie bescheiden. Dass sie jedoch ein Auge für spannende Bildausschnitte und -kompositionen hat, streitet sie nicht ab. «Ich versuche immer, etwas aus der besten Perspektive zu erwischen», erklärt sie. In ihren Bildern zeigt sie Details aus der Natur genauso wie ganze Landschaften. Die Schweiz sieht in ihren Bildern wunderschön und idyllisch aus. So perfekt wie auf ihren Fotos sei die Schweiz eigentlich gar nicht, sagt Tu. «Aber im Vergleich zu China haben die Leute hier eine intakte Umwelt um sich.» Deswegen resümiert sie: «Die Schweizer sind die glücklicheren Leute als die Chinesen.» In China hingegen sei Umweltschutz noch fast kein Thema.

Sauberes Wasser

Diesen Sommer seien sie oft schwimmen gegangen. «Hier kann man ohne Bedenken in Seen und Flüssen schwimmen und gar das Wasser daraus trinken. In China ist das unvorstellbar», sagt Tu. Ihr Mann habe sie jedoch darauf hingewiesen, dass gerade die Wasserqualität in der Schweiz noch vor 30 Jahren bei weitem nicht so gut war wie heute. «Manchmal zweifle ich jedoch, ob China mit seiner enormen Grösse diese Wende auch schafft.»

Zur Regierung hat sie ein zwiespältiges Verhältnis. Sie kritisiert zwar einerseits die verbreitete Korruption, lobt die Regierung aber dafür, dass sie das Leben so vieler Menschen verbessert hat. Mit ihren Fotos setzt Tu allerdings an einem anderen Punkt an: Sie will ihren Landsleuten den Wert des Umweltschutzes beibringen.