Es gibt beglückende Momente, da reibt sich auch ein noch so erfahrener Historiker verwundert die Augen, beispielsweise nach der Lektüre eines schmalen Büchleins des Sekundarlehrers Oskar Lüssi aus dem Jahre 1915. «Aus schwerer Zeit» lautet der Haupttitel, «Alte Erinnerungen aus dem Limmattale» der Untertitel. Lüssi betrieb sozusagen «oral history» avant la lettre, indem er «würdige Persönlichkeiten» aus dem Limmattal über ihre Erfahrungen und Erinnerungen an die «Franzosenzeit» um 1800 befragte. Im ersten Teil des Buches schilderte er die historischen Ereignisse und im zweiten Teil fasste er die zeitgenössischen, meist mündlichen Überlieferungen zusammen. Das war damals ungewöhnlich, galt doch gewissermassen das «Primat der Schriftlichkeit», regierte die Aktennotiz über die Alltagserfahrung der Zeitzeugen.

Wenn diese Zeitzeugen nun die Kriegsgräuel und die erlittene Not in den Vordergrund stellen, passt das zur nationalistischen Deutung der Vergangenheit jener Jahre, welche die «Fremdherrschaft» der Franzosen gerne als ganz und gar «unschweizerische» Schreckenszeit präsentierte und unterschlug, dass die westlichen Eroberer auch Errungenschaften wie eine moderne Verfassung, Volkswahl der Regierung, Gewaltenteilung, Zehntablösung und Menschenrechte in der Schweiz verankerten.

Die kurzlebige Helvetische Republik wird von nationalen Kreisen gerne als «Vasallenstaat» Frankreichs angesehen. Das Publikationsjahr der Schrift Oskar Lüssis, das zweite Weltkriegsjahr 1915, lässt zudem aufhorchen: Die Schweiz war damals noch viel mehr gespalten als heute in eine weitgehend deutschfreundliche Deutschschweiz und in eine Romandie, die keinen Hehl machte aus ihren Sympathien für Frankreich und die «Entente Cordiale». Eine drastische Darstellung der «Franzosenzeit» verschlechterte also das ohnehin angeschlagene Image der «Grande Nation» zusätzlich.

Nachklänge jener Zeit

«Gross waren die Leiden, die damals unser liebes Schweizerland hat durchmachen müssen», schreibt Lehrer Lüssi mit Blick auf direkte Kampfhandlungen, Einquartierungen, Plünderungen und hohe Kontributionsleistungen. «Der Kanton Baden, zu dem auch Dietikon, Oetwil, usw. gehörten, hatte durch die französischen Truppen einen Schaden von beinahe fünf Millionen Franken erlitten. Der Viehstand wurde manchenorten bis auf ein Drittel des ursprünglichen Bestandes gemindert.» Wie gesagt mühte sich Oskar Lüssi, «bei alten Leuten, die im Falle waren, in ihrer Jugend noch stärkere Nachklänge jener bewegten Zeit vernommen zu haben, Nachforschungen hierüber anzustellen. Dieser Schritt war von schönen Erfolgen begleitet.»

Ein 88-jähriger Greis aus Weiningen beispielsweise erinnerte sich an das Feldlager der Russen im Tannwald. Die Bevölkerung habe wenig Grund zu Klagen gehabt. Nur die jungen Frauen seien «unter Hausarrest» gestanden. Der Mann erinnerte sich weiter, dass lange nach den Kampfhandlungen und der Flucht der Russen eine Kriegskasse gefunden worden sei. Zudem sei man laufend auf Hufeisen, kleinere Kugeln, Offiziersuhren oder auf Menschenknochen gestossen. «Ob alles davon wahr ist, vermag ich nicht zu sagen», so der alte Weininger abschliessend. Ein weiterer Gewährsmann mochte sich gut an die Schilderungen eines ehemaligen Matrosen erinnern. Dieser lobte die Schläue und Gerissenheit General Massénas.

Ein ehemaliger Wettinger Schiffsmann wurde wie andere Schweizer Söldner auch gefangen genommen und gab als Ortskundiger den Franzosen Ratschläge für einen lautlosen Überraschungsangriff über die Limmat. Eine Frau wusste zu erzählen, wie ihr Wohnsitz im «Pilgerbrunnen» in Aussersihl schwer zerstört wurde. 16 Kosaken seien «erschlagen» neben dem Haus gelegen.

So mancher Weininger habe sich nach der Schlacht bedient. Ein Handwerksmeister besitze beispielsweise heute noch eine sogenannte «Russenflinte»: «Sein Urgrossvater fand sie beim ‹Trübbach› während des Gefechts. Dann kam ein Franzose daher, schlug den Kolben ab und warf die Flinte in den Bach. Der Knabe fischte die Flinte wieder heraus; sie ist heute noch zu sehen; doch ist der Schaft erneuert worden.»

Die Herren des Landes

Oskar Lüssi glaubte seinen Gewährsleuten nicht alle Details, sondern prüfte, wo er konnte. «Mündliche und schriftliche Berichterstattung decken einander in der Hauptsache, nur das erstere farbenreicher ist und mit Vorliebe bei Einzelheiten verweilt.» An eine solche «Einzelheit» mochte sich ein Engstringer ganz genau erinnern. Sein Grossvater wäre nämlich bei der Feldarbeit beinahe von russischen Soldaten ausgeraubt worden. Als aber Franzosen auftauchten, gaben die Russen Fersengeld. Die Franzosen seien brutaler und rücksichtsloser gewesen als die Russen.

Sie hätten auch auf fliehende Kinder und Frauen geschossen. «Was nicht gutwillig hergegeben wurde, nahmen die Fremdlinge mit Gewalt weg, womit oft noch Misshandlungen verbunden waren. Die Franzosen nahmen sich als die Herren des Landes, und ihre Besetzung der Gemeinden wurde für diese verhängnisvoll, die Bewohner erlitten grosse Einbussen, deren Folgen noch jahrelang fühlbar waren, Anpflanzungen, auch Wohnstätten wurden, wenn auch nicht durchweg ganz verwüstet, so doch schwer beschädigt.»

Diese Beobachtungen mögen im Kern richtig sein, gewisse Übertreibungen auch über das angebliche Wohlverhalten der Österreicher sind aber dem franzosenfeindlichen Klima des Ersten Weltkriegs geschuldet. Oskar Lüssi war eben nicht nur ein Pionier der «oral history», sondern auch ein deutschfreundlicher Agitator.