Susi Häni arbeitet seit 20 Jahren in der Gemeinde- und Schulbibliothek Birmensdorf, die sie seit 2007 auch leitet. Literarisch gilt ihr Interesse Lebensgeschichten, darum sind Kent Harufs Romane genau das Richtige für sie. Auf den 2014 verstorbenen US-Autor stiess sie anlässlich einer Neuheitenvorstellung in einer anderen Bibliothek.

Im Roman «Lied der Weite» wird die Schülerin Victoria, die in einer fiktiven amerikanischen Kleinstadt lebt, im Alter von 17 Jahren schwanger. Die Mutter setzt die Tochter nach dem Geständnis vor die Tür. Bei einer Lehrerin findet Victoria Zuflucht, durch ihre Vermittlung kann sie anschliessend auf einem ländlichen Hof leben. Dort kümmern sich zwei schroffe Typen zunächst eher widerwillig, dann aber sehr liebevoll um Victoria. Den Lebensunterhalt verdienen sich die Brüder mit Viehzucht. Als «grobe Jungs mit zarten Seelen» beschreibt eine Kritikerin die beiden Männer. Parallel zur Hauptgeschichte wird auch das Schicksal von zwei halbwüchsigen Jungen erzählt, deren Mutter unter einer Depression und an der Kleinstadtöde leidet. Die Brüder wünschen sich aber nichts mehr als eine Mutter, die morgens aufsteht und fröhlich ist.

Wurden Ihre Erwartungen an den Roman «Lied der Weite» erfüllt?

Ja eindeutig, die verschiedenen beschriebenen Beziehungen wenden sich dank liebevoller Hingabe der Protagonisten zum Guten. Das sehr bewegende Buch schildert eindrücklich, dass es sich lohnt, die Hoffnung nie aufzugeben, auch wenn eine Situation einmal ausweglos erscheint.

Werden Sie weitere Bücher von Kent Haruf lesen?

«Unsere Seelen bei Nacht» ist der letzte Roman von Haruf und ist 2017 in deutscher Sprache erschienen. Diogenes beabsichtigt, weitere Übersetzungen seiner Romane in deutscher Sprache zu publizieren. Angekündigt auf 2019 ist «Abendrot»; dieser Roman wird sicher auch wieder in unserem Neuheitengestell stehen und von mir gelesen werden. Auch in diesem Buch geraten die Leben aller Protagonisten aus den Fugen und begegnen einander wieder neu. Übrigens gab es bereits einen Versuch, den hier vorgestellten Roman auf Deutsch herauszubringen. 2001 erschien er in einem anderen Verlag unter dem Titel «Flüchtiges Glück», aber ohne grossen Erfolg. Im Original heisst er «Plainsong», also Choralgesang. Der Diogenes-Verlag hat jetzt als deutschen Titel «Lied der Weite» gewählt, was die Atmosphäre und die einfühlsame Sprache viel besser widerspiegelt.

Wem empfehlen Sie die Romane?

Allen Leserinnen und Lesern, die Lebensgeschichten und Beziehungen zwischen Menschen in all ihren Facetten interessieren, kann ich die warmherzigen Bücher von Haruf sehr empfehlen. Der 2017 veröffentlichte Roman «Unsere Seelen bei Nacht» wurde übrigens mit Jane Fonda und Robert Redford verfilmt.

*Susi Häni ist die Leiterin der Schul- und Gemeindebibliothek Birmensdorf