Limmattal
Ein Blick ins ins 2034: So präsentierte sich das Limmattal in 20 Jahren

Mit reichlicher Fantasie lassen wir vier Persönlichkeiten des Limmattals in die Zukunft blicken. Für die dringendsten aller Fragen konnten wir sie als Hellseher gewinnen, durchaus seriös und selbstverständlich mit einem Augenzwinkern.

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Ikonenhafte Filmszene aus «2001 – A Space Odyssey»: Stanley Kubrick dachte im Jahre 1968 weit über die Grenzen des Machbaren hinaus. Ob die hier beschriebenen Zukunftsvisionen den Zeitplan einhalten?

Ikonenhafte Filmszene aus «2001 – A Space Odyssey»: Stanley Kubrick dachte im Jahre 1968 weit über die Grenzen des Machbaren hinaus. Ob die hier beschriebenen Zukunftsvisionen den Zeitplan einhalten?

Warner Pictures

Wie werden wir uns in Zukunft ernähren? (von Tina Siegenthaler, Mitglied von Ortoloco Gemüsekooperative)

Einkaufen war gestern. Im Jahr 2034 produzieren wir die Lebensmittel im Limmattal selber. Und da sowas in Eigenregie aufwendig ist, haben wir uns zusammengeschlossen und betreiben in Gruppen von rund 500 Personen je einen eigenen Hof, natürlich unter Anleitung von ausgebildeten Fachkräften, damit auch alles reibungslos läuft.

Tina Siegenthaler, Mitglied von Ortoloco (Gemüsekooperative)

Tina Siegenthaler, Mitglied von Ortoloco (Gemüsekooperative)

AZ

Die Aufgaben teilen wir untereinander auf, sodass alle noch genug Zeit haben, anderen Beschäftigungen nachzugehen. So essen wir gelbe, grüne, schwarze und orangefarbene Tomaten, abgeschmeckt mit Basilikum, alles direkt vom Feld, Roggenbrot mit Mehl, das in der gemeinsam betriebenen Mühle zwei Dörfer weiter gemahlen wurde.

Selbstverständlich haben wir Tofu aus eigener Produktion, Rindsbratwurst von den Rindern auf dem Hof, wir trinken Most, den wir mit der pedalbetriebenen Mostpresse gewonnen haben, und Wein vom Weinberg, den wir mit anderen Gruppen bewirtschaften und dessen Trauben wir bei einem grossen Fest gestampft haben.

Wir löffeln Joghurt, Quark und Glace, produziert aus der Milch unserer Kühe, wir mampfen Zwetschgen, Kirschen und Mini-Kiwis aus der eigenen Obstanlage. En Guete!

Wird es noch Gemeindegrenzen geben?

Fusionen werden im zusammenwachsenden Limmattal ohne Zweifel zum heissen Thema. Föderalismus und Direktdemokratie verhindern allerdings den grossen Wurf.

Mein Szenario für das Jahr 2034: Dietikon, Urdorf und Schlieren haben sich zur zehntgrössten Stadt der Schweiz zusammengeschlossen als starker Pol zwischen Zürich und Baden.

Michael Hermann, Politologe

Michael Hermann, Politologe

AZ

Die Fusion mit den Gemeinden rechts der Limmat ist trotz mehreren Anläufen an der Urne gescheitert.

Das eigentliche Wunder ist aber im Aargau geschehen: Nach Neuenhof hat sich 2031 schliesslich auch Wettingen zu einem Zusammenschluss mit Baden entschlossen. Schlieren hatte eine Zeitlang mit einem Zusammenschluss mit Zürich geliebäugelt, weil der Zürcher Stadtrat des Potenzial verkannte, orientierte es sich schliesslich nach Westen.

Es wird auch in 20 Jahren noch Gemeindegrenzen im Limmattal geben. Der Raum Zürich-Baden tritt jedoch längst als «Limmattstadt» auf und betreibt eine gemeinsame Stadtentwicklung.

Im Alltag haben sich die Grenzen ohnehin aufgelöst und das Limmattal ist ein städtischer Raum mit vielen lebendigen Quartieren geworden.

Wird es den Rangierbahnhof Limmattal noch geben?

Was ist aus dem Hut auf der Stange geworden? Ja genau, den meine ich. Den Hut dieses habsburgischen Tyrannen, der aus unseren Innerschweizer Tälern ein Gefängnis machen wollte.

Wo ist Gesslers Hut? Natürlich auf der Stange. Da wo er hingehört. Als Trophäe der Freiheit. Auf einem weiten Feld im Limmattal, dem internationalen Friedenszentrum im Herzen Europas.

Stefan Baier, Theatermacher

Stefan Baier, Theatermacher

AZ

Auf dem Gelände des ehemaligen Rangierbahnhofs gibt es keine Geleise mehr. Durch die renaturierte Landschaft führen Pfade für die unzähligen Friedenspilger aus der ganzen Welt, die mit ihrem iTell die neue Freiheitsstatue verewigen wollen: Tell's Armbrust und Gesslers Hut friedlich vereint.

Der Hut reiste durch die Zeit, war bei allen grossen Revolutionen dabei. Er stand für den Tod aus dem Hinterhalt, später in Frankreich und Amerika für die blutigen Kämpfe im Namen der Freiheit, bis er schliesslich am Kap der guten Hoffnung landete und dort für Mandelas Versöhnung stand.

Laut dessen Vermächtnis fand der Hut zurück in seine zweite Heimat. Nun kann er an besagtem Ort an der Limmat bewundert werden, dem Platz des irdischen Friedens.

Die Besucher bringen ihre Landes-Picknick-Spezialitäten mit und beteiligen sich an der «Grossen Teilete». Frieden geht durch den Magen.

Wie soll das Gasi-Areal aussehen?

Als ich vor über 25 Jahren als junge Bildhauerin meinen Atelierplatz im Gaswerkareal in Schlieren bekam, fand ich das fast ein bisschen eine Zumutung, täglich von meinem Wohnort im Zürcher Seefeld an die Peripherie zu reisen.

Lilian Hasler, Künstlerin

Lilian Hasler, Künstlerin

AZ

Schlieren verströmte zu jener Zeit noch voll den Groove einer Schlaf- und Durchgangsstadt. Niemand ging freiwillig nach Schlieren. Ausser Künstlern, die den Freiraum suchten.

Mit der Neoliberalisierung der Wirtschaft und der Vermarktung von neuen Dienstleistungen, wozu neben vielem anderen auch die Kunstproduktion zählt, hat sich das geändert.
Heute ist es hip, seinen Cappuccino auf einer verrotteten Bank einer ehemaligen Gasproduktionsfirma zu trinken und es ist das Nonplusultra, mit High Heels über einen Schotterweg zu stöckeln und mit einem Cüpli in der Hand verrostete Skulpturen anzuschauen.

Wir Künstler benötigen dieselben Bedingungen wie ein Kleingewerbebetrieb. Zwar bewegen wir uns auch in ähnlichen Sphären der gehobenen Kulturlandschaft, wie es uns der «GasiBueb» Weiersmüller mit seinen Ideen nahelegen will. Dies soll aber nicht im Gaswerkareal verwirklicht werden.

Gute Kunst lässt sich letztlich auch nicht domestizieren, sie erwächst aus einer geistigen Haltung, die auch in zehn oder zwanzig Jahren nur einen Parameter kennt, jenen der Freiheit und der Freiräume.