Asylunterkunft
Ein Besuch in der Asylunterkunft an der Schürenstrasse

Es ist gespenstisch ruhig um die zwei weiss-grünen Container, die direkt neben der Kaserne Zürich-Reppischtal stehen. Nur die offenstehenden Eingangstüren weisen darauf hin, dass sich in der Asylunterkunft jemand aufhalten muss.

Florian Niedermann
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Gespenstisch ruhig präsentiert sich die Umgebung der Asylunterkunft in Birmensdorf
10 Bilder
Velos vor dem Haus
Der Blick in einen Schlafraum, der durch eine Familie bewohnt wird
Ein Besuch in der Asylunterkunft Birmensdorf
Zimmer
Bangura Abass schaut aus dem Fenster seines Zimmers auf das Reppisch-Quartier
Diesen Putzplan haben die Bewohner der Asylunterkunft in Eigenregie erstellt
Neben Afrikanern und Afganen wohnt auch dieses russische Kind mit seiner Familie in einem der beiden Asylpavillons
Es leben einige Kinder in der Asylunterkunft
Asylunterkunft

Gespenstisch ruhig präsentiert sich die Umgebung der Asylunterkunft in Birmensdorf

Annika Bütschi

Beim Eintritt in den einen der beiden Container erklingt plötzlich ein lautes «Welcome!» Im Gang, der die einzelnen Zimmer der Unterkunft miteinander verbindet, steht Bangura Abass.

Er lacht und weist mit einer grossen Geste in Richtung des Aufenthaltsraums am Ende des Flurs. Der Liberianer ist 18 Jahre alt und seit sieben Monaten in der Schweiz.

Nach seiner Flucht aus seiner Heimat gelangte er per Boot nach Spanien und von dort über Frankreich nach Genf. Nach seiner Ankunft wurde er von Asylzentrum zu Asylzentrum quer durch die Schweiz weitergereicht, bis er vor zwei Monaten nach Birmensdorf kam.

Er lässt sich auf ein schlichtes Sofa fallen, auf dem bereits sein Mitbewohner, der 20-jährige Nigerianer Alexander Awuzie sitzt. Er sei in die Schweiz gekommen, weil er gehört habe, dass man hier Asylbewerber gut behandle, sagt Awuzie: «Ich bin gekommen, um hierzubleiben und mir eine Existenz aufzubauen.»

Aussichtsloses Dasein in ihrer Heimat

Die beiden jungen Männer erklären, dass sie froh darüber seien, hier sein zu können, und ihr aussichtsloses Dasein in ihrer Heimat hinter sich gelassen zu haben. Was ihnen jedoch schwer zu schaffen mache, seien die schier nicht enden wollenden Tage in der Unterkunft.

«Wir sind dazu verdammt, nichts zu tun. Wenn ich am Morgen aufwache, liege ich oft nur da, denke stundenlang nach und frage mich, ob ich es hier in der Schweiz je schaffe», sagt Abass. Er würde gerne Deutschkurse nehmen oder irgendeiner Arbeit nachgehen, doch verwehre ihm dies das Schweizer Asylgesetz.

«Ich bin ein Mensch», sagt Awuzie, «und wie jeder anständige Mensch will ich arbeiten für meinen Lebensunterhalt.» Er sei der Schweiz dankbar für das Obdach und das Geld, das er hier erhalte. Aber er würde dafür lieber etwas leisten.

Er mache oft stundenlange Spaziergänge, damit er nicht nur daliege und schlafe oder sich das Hirn zermartere. Fussball spielen dürften er und seine Freunde nicht, da dies die Nachbarn stören könnte.

Beschäftigung von Asylsuchenden verboten

Im Kanton Zürich ist die entgeltliche Beschäftigung von Asylsuchenden verboten. «Es gibt einzelne Gemeinden, wie etwa Dietikon, in denen Asylbewerber gemeinnützige Arbeiten verrichten können», erklärt Pavlina Genc, die den Besuch in der Asylunterkunft als operative Leiterin der Gemeindemandate beim Asylbetreuungs-Dienstleister ORS Service AG begleitet.

Das Problem sei, dass es kaum Jobs gebe, die Asylsuchende leisten könnten, ohne den normalen Arbeitsmarkt zu konkurrieren. «Das Gewerbe zu verärgern, wäre kontraproduktiv», sagt Genc.

Man habe bei der ORS die Erfahrung gemacht, dass die Bevölkerung in Gemeinden, in denen Asylsuchende gemeinnützige Arbeiten leisten dürften, diese mit anderen Augen betrachten würden. «Und es sind viele bereit, solche Arbeit zu leisten», erklärt Genc.

Schlechte Erfahrungen hat Abass bisher viele gemacht: Er schildert, wie sich Leute in der S-Bahn von ihren Plätzen erhoben und das Abteil gewechselt haben, wenn er sich hinsetzte. Es beschäme ihn immer wieder, wenn er in der Öffentlichkeit wie ein Aussätziger behandelt werde, sagt Abass. Er breitet seine Arme aus und sagt: «Ich habe in den Asylunterkünften gemerkt, dass alle Menschen gleich sind, egal, woher sie kommen.»

Jeden Monat 420 Franken

Während des Gesprächs mit Awuzie und Abass kommen zwei ihrer Freunde in den Aufenthaltsraum, hören gespannt zu und rauchen von den Zigaretten, die vor uns auf dem Couchtisch liegen - sie teilen sich ein einzelnes Päckli. «Wir erhalten jeden Monat 420 Franken, von denen wir Essen, Kleider und alles andere bezahlen», sagt Awuzie.

Wenn er sich Kleider kaufen müsse, reiche das Geld nicht mehr bis Ende Monat. Marc Suter, der Leiter des Zürcher Betreuungsteams der ORS, bestätigt, dass das Budget der Asylsuchenden keine Sonderausgaben zulässt: «Was sie mit ihrem Geld machen, entscheiden sie selbst. Wer aber etwa raucht, dem bleibt von den rund 13 Franken, die ihm pro Tag zur Verfügung stehen, nicht viel übrig.»

Liegt es da nicht nahe, sich zu nehmen, was man braucht, ohne dafür zu bezahlen? «Klar, kommen einem auch solche Gedanken, wenn man so viel Zeit zum Nachdenken hat», sagt Abass. Er habe aber noch nie etwas Illegales gemacht, und schäme sich für jene, die sich dazu verleiten lassen.