Dietikon

Ein Autofahrer ist glaubwürdiger als zwei Polizisten: 36-Jähriger ist freigesprochen

Während zirka vier bis fünf Sekunden soll er mit der rechten Hand das Mobiltelefon bedient haben. (Symbolbild)

Während zirka vier bis fünf Sekunden soll er mit der rechten Hand das Mobiltelefon bedient haben. (Symbolbild)

Das Bezirksgericht Dietikon spricht einen 36-Jährigen frei. Was auf der A3 passierte, lässt sich nicht rekonstruieren.

Wegen Vergehens gegen das Strassenverkehrsgesetz war der 36-Jährige per Strafbefehl zu einer Busse von 350 Franken plus 330 Franken Gebühren verurteilt worden. Dagegen erhob der Deutsche Einspruch.

Und er scheute weder Zeit noch Geld: Der Mann nahm sich nicht nur eine Anwältin, sondern musste von seinem Wohnort in der Nähe von Basel rund 70 Kilometer zur Verhandlung am Bezirksgericht Dietikon zurücklegen.

Dort lautete die erste Frage von Einzelrichter Bruno Amacker, warum er denn den Strafbefehl nicht akzeptiert habe. «Weil das, was mir darin vorgeworfen wird, nicht stimmt», entgegnete der Deutsche lapidar.

Zur Last gelegt wurde dem Mann, dass er Mitte Dezember letzten Jahres auf der Autobahn A3 Richtung Basel auf dem dritten Fahrstreifen wiederholt Schlangenlinie gefahren sei und dass er während zirka vier bis fünf Sekunden mit der rechten Hand das Mobiltelefon auf Lenkradhöhe mit dem rechten Daumen bedient habe. Dies hatten zwei Kantonspolizisten beobachtet.
Der Beschuldigte – kräftig gebaut, Brille, Sechs-Tage-Bart, blauer Pulli, blaue Hose, hellbraune modische Schuhe – ist als Aussendienstmitarbeiter sehr viel mit dem Geschäftswagen unterwegs. So auch an jenem Donnerstagnachmittag. «Es herrschte stockender Verkehr», erinnerte sich der Deutsche. Dabei sei er immer wieder mal an die rechte Leitlinie gefahren, um die Situation besser überblicken zu können. «Aber von Schlangenlinie keine Spur», meinte er.

Bei einem Blick in den Rückspiegel habe er dann das Polizeiauto wahrgenommen. «Als ich zweimal auf mein auf der Mittelkonsole liegendes Smartphone klickte, um auf andere Musik zu wechseln, fuhr das Polizeiauto auf der mittleren Spur an mir vorbei.» Beim nächsten Rastplatz musste der Mann die Autobahn verlassen und bekam von den Beamten den Bescheid, dass er verzeigt werde. Rund zwei Monate später empfing er den Strafbefehl.

In ihrem Plädoyer rekapitulierte die Verteidigerin das Geschehen auf der A3 akribisch. Ihr Mandant habe auf seiner Spur wegen des dichten Verkehrs nicht schneller als 40 km/h fahren können. Vom Polizeiauto sei er aber mit 80 km/h überholt worden. «Laut Rapport hatte der das Fahrzeug steuernde Beamte die Manipulation des Beschuldigten am Smartphone während vier bis fünf Sekunden beobachtet. Sein Beifahrer hingegen wollte solches nur zwei bis drei Sekunden gesehen haben.»

Klar sei jedenfalls, dass der Fahrer des Polizeiautos die Beobachtungen während seines Überholmanövers gemacht habe. «Berücksichtigt man, dass sein Tempo doppelt so hoch war, wie jenes meines Mandanten, konnte der Beamte seinerseits während bis zu fünf Sekunden seinen Blick nicht auf die Fahrbahn gerichtet haben», folgerte die Anwältin und gab den juristischen Ball sozusagen vom Beschuldigten an den Kläger zurück.

Richter Amacker sprach den 36-Jährigen von Schuld und Strafe frei; mit 1660 Franken übernimmt der Staat einen Teil der Verteidigungskosten. Die Aussagen des Beschuldigten seien nachvollziehbar, jene der Polizisten hingegen «nicht ganz glaubwürdig», so der Richter.
In seiner Begründung betonte Amacker aber, dass die Beamten den Deutschen sicher nicht vorsätzlich hatten beschuldigen wollen. Vielmehr hätten sie sich bei den Einvernahmen – Wochen nach dem Geschehen – wohl nicht mehr ganz genau an alles erinnern können, was an jenem Dezembertag während ihres Einsatzes alles vorgefallen war. «Bezüglich der Dauer, während welcher der Beschuldigte nicht auf die Fahrbahn geblickt hatte, fehlt es uns deutlich an Klarheit.» Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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