März 1929: Der Zürichsee ist gerade wieder am Abtauen, die Weltwirtschaftskrise steht vor der Tür, der Zürcher Bundesrat Robert Haab hat gerade sein zweites Präsidialjahr begonnen. Im Norden formiert sich eine Splitterpartei langsam, aber stetig zur politischen Macht, die den nächsten Weltkrieg verantworten wird, während mit der Erscheinung von «Im Westen nichts Neues» die literarische Aufarbeitung des Ersten gerade erst richtig begonnen hat.

Vom drohenden Leid, das den Kontinent bald in seinen Grundfesten erschüttern wird, ist in den vergilbten Bildern im ziergestickten Fotoalbum, das im Fundbüro der Dietiker Stadtpolizei abgegeben wurde, noch nichts zu sehen.

Auf den Fotos, die von März 1929 bis April 1937 datiert sind, planschen Kinder draussen im Waschzuber, verlesen Kieselsteine am See, spielen mit Puppen, Hunden, Katzen und Hühnern; da posieren stattlich gekleidete Herren mit prächtigem Schnurrbart, Pfeife und Schäferhund und eine nicht weniger stattlich gekleidete Dame mit Schwan; da lässt sich eine muntere Gesellschaft beim gemeinsamen Weintrinken und Zigarrenrauchen zuschauen; da blinzeln Bergsteiger der Höhensonne entgegen und Sonntagsgesellschaften dem glitzernden Wasser im Vierwaldstättersee.

Doch auch Exotischeres ist im Album anzutreffen: Auf einem Bild posiert ein tropenbehelmter Verwandter mit Afrikaner und «Dakar»-beschrifteten Säcken, auf einem anderem blickt ein langbärtiger Mönch sehnsüchtig vom Locarner Santuario Madonna del Sasso ins Tal herunter.

Spuren einer Existenz

Für die unbekannte Familie war es ein ganzes Leben – für alle anderen wohl nicht viel mehr als ein Haufen vergilbter Papierchen. Wie das säuberlich eingefasste Album im letzten August mitten auf der Dietiker Ochsenkreuzung landete, stellt auch die Stadtpolizei vor ein Rätsel. Vielleicht ist es nach einer Hausräumung aus einer Mulde gefallen. Vielleicht wurde es auch absichtlich auf der Strasse liegen gelassen, weil niemand mehr Verwendung dafür findet.

Doch was, wenn doch? Dem Finder und danach auch den Stadtpolizisten war es wohl einfach nicht ganz geheuer beim Gedanken, die vielleicht letzten Spuren einer Existenz einfach so wegzuwerfen. Einem Nachfahren der wohl grösstenteils verstorbenen Abgebildeten die Puzzleteile auf der Suche nach der eigenen Vergangenheit vorzuenthalten. «Es wäre doch schade, wenn wir etwas, das jemandem noch grosse Freude bereiten könnte, wegwerfen würden», sagt Stadtpolizist Martin Hug.

Doch findet sich innert eines Jahres – also bis kommenden August – niemand, der Anspruch auf das Album erhebt, werden die Bilder doch im Abfall landen. «Der materielle Wert ist zu gering und der Inhalt zu persönlich, um das Album noch öffentlich zu versteigern», so Hug.

Allem Anschein nach lebte die Familie während der Zeit, in denen die Fotos entstanden, nicht in Dietikon, sondern eher in der Stadt Zürich. Den Anfang macht auf jeden Fall die Seegfrörni von 1929: Tausende reisten zum Spektakel an den Zürichsee und verlustierten sich auf dem gefrorenen Gewässer, wie im Album auf grossen Abdrucken zu sehen ist. Erst im März erkämpften sich die ersten Dampfschiffe wieder den Weg in die Stadt – das belegen mehrere Bilder mit der Inschrift «Es muss doch Frühling, Frühling werden».

Auch die letzten Fotos wurden in Zürich geschossen: am Sechseläuten des Jahres 1937, bei dem – der Inschrift auf der Rückseite zufolge – «Edithli» und «Mariannli» am Kinderumzug teilnahmen. Auch dass viele der Bilder vom «Foto Fischer» im Kreis 5 entwickelt wurden, lässt auf eine Niederlassung in der Stadt Zürich schliessen – wobei in den frühen 1930er-Jahren wohl noch nicht in jeder Stadt ein Fotogeschäft ansässig war.

Erkennen Sie die Personen auf den Bildern oder sind gar Sie selber darauf abgebildet? Dann wenden Sie sich an die Dietiker Stadtpolizei, entweder am Fundbüroschalter im Stadthaus oder unter der Telefonnummer 044 740 17 77.