Schlieren
«Ein absoluter Systemfehler» — Parlament verfügt über Trinkgeld der Angestellten

Wie das Schlieremer Parlament mit dem Trinkgeld der Angestellten des Alterszentrums Sandbühl umgeht.

Alex Rudolf
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Viele Bewohner sind so zufrieden mit den Sandbühl-Angestellten, dass sie ihnen Trinkgeld geben. Wie viel davon ausgegeben werden darf, bestimmt das Parlament.

Viele Bewohner sind so zufrieden mit den Sandbühl-Angestellten, dass sie ihnen Trinkgeld geben. Wie viel davon ausgegeben werden darf, bestimmt das Parlament.

CH Media

«Es wird schwierig, unseren 170 Angestellten des Alterszentrums Sandbühl zu erklären, warum das Schlieremer Parlament über ihr Trinkgeld verfügen kann», sagt Daniel Wenger. Der Leiter der städtischen Abteilung Alter und Pflege ist noch immer irritiert vom Entscheid der bürgerlichen Seite des Gemeinderates vom Montagabend. Verwirrung gab es auch bei den Zuschauern der Ratsdebatte und einigen Parlamentarierinnen und Parlamentariern.

Die zentrale Frage lautet, warum das Trinkgeld überhaupt im Budget aufgeführt wird. Wenger erklärt auf Nachfrage, dass früher jeder Stock des Zentrums ein eigenes Trinkgeld-Kässeli geführt habe. Vor einigen Jahren wurde dies aber zentralisiert, da man auch die Angestellten der Wäscherei oder der Küche und nicht nur jene im direkten Kontakt zu den Bewohnern vom Zustupf profitieren lassen wollte. So wurde daraus ein städtisches Konto. Liegenschafts- und Finanzvorsteherin Manuela Stiefel (parteilos) erklärt auf Anfrage, dass die neue Handhabe dieses Kontos mit dem neuen Rechnungslegungsmodell zu tun habe. «Unter HRM2 werden diese Einnahmen und Ausgaben direkt über die Bilanz verbucht und der Saldo Ende Jahr der Sonderrechnung belastet oder gutgeschrieben», sagt sie. Grundsätzlich sollten keine Kässeli geführt werden und aus Sicht der Stadt sei es gut, wenn die Trinkgelder und Spenden angegeben würden. «Diese Zuwendungen sind zweckgebunden und gehören den Mitarbeitenden. Und die Revision hat gefordert, dass der Betrag abgebaut werden muss.»

Kürzungsantrag von 10'000 Franken war erfolgreich

Für das kommende Jahr veranschlagte der Stadtrat 20'000 Franken Entnahme aus der Trinkgeldkasse. Wie eine interne Mitarbeiterbefragung ergeben hatte, wollten die Angestellten, dass das Geld für Anlässe zur Teambildung ausgeben wird. Aktuell befinden sich rund 35'000 Franken in der Kasse, die sich jährlich um einen Betrag von zwischen 8000 und 12'000 Franken füllt. «Das Geld stammt von Bewohnern und deren Angehörigen, die mit der Leistung unseres Personals zufrieden sind und wollen, dass man sich etwas gönnt», erklärt Wenger.

Unfair ist dies für die Angestellten, die uns 2020 verlassen.

(Quelle: Daniel Wenger Abteilungsleiter Alter und Pflege der Stadt Schlieren)

Aus Sicht der Bürgerlichen ist der Betrag aber zu hoch. Ein Antrag der FDP-Fraktion forderte mit Unterstützung der SVP und der CVP eine Reduktion dieses Postens um die Hälfte auf 10'000 Franken. Der Grund: Die im Bericht des Stadtrates aufgeführten Beispiele, wie die Anschaffung von vier Familienkarten für den Zoo, seien keineswegs eine Massnahme zur Teambildung, so der Tenor. Die Streichung kam mit 18 zu 16 Stimmen durch.

«Es ist ein absoluter Systemfehler, dass das Gemeindeparlament überhaupt über die Trinkgelder des Personals entscheiden darf», sagt Wenger. Leidtragende seien die Angestellten. Diese hätten sich gewünscht, dass eine Art Olympiade durchgeführt wird, in der man sich in einem spielerischen Kontext messen könne. «Hier hätte die Teambildung gestärkt werden können.» Da neu allerdings nur ein Betrag von rund 50 Franken pro Mitarbeiter zur Verfügung stehe, müsse man im kommenden Jahr auf diesen Anlass verzichten und ihn allenfalls auf das nächste Rechnungsjahr verlegen. «Unfair ist dies für die Angestellten, die uns 2020 verlassen und nicht mehr in den Genuss dieses Mitarbeiteranlasses kommen.»

Die Zookarten, die sich grosser Beliebtheit erfreuen würden und stets ausgebucht seien, hätten nicht als gutes Beispiel für den Verwendungszweck der Gelder gedient. «Die Eintritte sind eher ein Goodie, das den Mitarbeitern erholsame Familienzeit erlauben soll», sagt Wenger. Die vier Karten werden den Angestellten aber trotz Kürzung auch im kommenden Jahr zur Verfügung stehen.

Für den Ressortvorsteher Alter und Soziales, Christian Meier (SVP), ist es schade, dass die Angestellten nun auf einen grösseren Anlass verzichten müssen. «Ein solcher wäre als Anerkennung der geleisteten Arbeit wirklich schön gewesen», sagt er auf Anfrage. Er führt den Entscheid seiner bürgerlichen Ratskollegen darauf zurück, dass bei den Fragen der Rechnungsprüfungskommission an den Stadtrat vor der Budgetdebatte ein wichtiges Detail untergegangen sei. «Es wurde vermutlich doch zu wenig klar beschrieben, dass dieses Konto zweckgebunden ist. Das hätten wir tun sollen.»

Obwohl die Gemeinderätinnen und Gemeinderäte am Montag noch vor der Abstimmung zur Kürzung davon erfuhren, schwenkten sie nicht um. «Der Entscheid für den Antrag wurde zu diesem Zeitpunkt in den Fraktionen bereits gefällt und man wollte offensichtlich nicht abweichen.»