Als fünf Zentimeter grosser Sämling kam der Säulenkaktus «Neobuxbaumia polylopha» in die Obhut des damals 12-jährigen Michel Gelbert. Der heute 62-jährige Kakteenfan kann sich nicht mehr erinnern, von wem er die Pflanze aus Mexiko geschenkt bekommen hat. Doch seine Augen leuchteten, wenn er von seiner Begeisterung für die Pflanzenwelt erzählt. Schon als Knabe habe er Forschung betrieben und Statistiken über Temperatur und Wachstum seiner Pflanzen geführt, sagt der promovierte Geograf, der in seinem Elternhaus in Geroldswil wohnt und dort zwei Treibhäuser voller seltener, exotischer Pflanzen pflegt.

Der Säulenkaktus ist mittlerweile zweieinhalb Meter gross. Das Treibhaus wurde dem Kaktus zu klein. Deshalb muss ihn Gelbert abgeben. Gerade rechtzeitig meldete der Botanische Garten in St. Gallen Interesse an. «Ich führe einen Onlineshop und verkaufe seltene, exotische Pflanzen. Für den 50-jährigen Säulenkaktus würden Sammler 1000 bis 2000 Franken zahlen», so Gelbert.

50-jähriger mexikanischer Säulenkaktus wird im Gewächshaus von Michel Gelbert in Geroldswil ausgegraben und nach St Gallen zum Botanischen Garten gefahren.

50-jähriger mexikanischer Säulenkaktus wird im Gewächshaus von Michel Gelbert in Geroldswil ausgegraben und nach St Gallen zum Botanischen Garten gefahren.

Doch er wolle, dass die Pflanze an einen guten, öffentlichen Ort komme, wo Interessierte ihn bestaunen können. Denn der Säulenkaktus gilt heute als gefährdete Pflanzenart in Mexiko. Durch die landwirtschaftliche und industrielle Landnutzung verlieren die Kakteen in Mexiko immer mehr Lebensräume. «Bedrohte Pflanzen dürfen nicht mehr als Sämling exportiert werden. Man kann nur noch Samen kaufen», erklärt der selbstständige Umweltberater. Aus diesen Gründen sei sein 50-jähriger Säulenkaktus mit mexikanischen Wurzeln und in dieser Grösse eine Seltenheit.

Ein Kaktus in der Pubertät

An diesem Mittwochmorgen ist es soweit. Der Kaktus wird ausgegraben. Der Leiter des Botanischen Gartens St. Gallen, Hanspeter Schumann, ist mit zwei Mitarbeitern gekommen, um den Kaktus zu bergen, der seit vier Jahren Blüten trägt. «Der 50-jährige Kaktus befindet sich mitten in der Pubertät», warnt Gelbert die drei Männer, welche die Warnung dankend zur Kenntnis nahmen und sich an die Arbeit machen.

Zuerst binden sie Styropor um den Kaktus, um diesen dann mit Bambusstangen zu stabilisieren und ihn schliesslich mit Noppenfolie zu verpacken. Dann endlich können sie mit der Bergung der Wurzeln beginnen. Die Wurzeln gehen nicht allzu tief, dafür zeigt sich der Boden von seiner harten Seite. «Von Oktober bis April ist Winterzeit, da gebe ich dem Kaktus kein Wasser», entschuldigt sich Gelbert.

In gesundem Zustand

Doch nach einer Stunde Arbeit ist es geschafft. Schumann und seine Mitarbeiter tragen den 50-jährigen Limmattaler mit mexikanischen Wurzeln aus dem Treibhaus in den Lieferwagen. «Der Botanische Garten St. Gallen nimmt selten Pflanzen von Privatpersonen an, weil wir Wildformen bevorzugen. Die meisten Privatpersonen besitzen Gartenzüchtungen», sagt Schumann. Gelberts Säulenkaktus mache aber einen sehr guten Eindruck als Wildform und sei auch in einem sehr gesunden Zustand, lobt er. Weitere 150 Jahre sollten der Pflanze noch bevorstehen, bis sie eine maximale Grösse von 13 Metern erreicht.

Das Gewächshaus im Botanischen Garten St. Gallen hat jedoch lediglich eine Höhe von zehn Metern. Was nach hundert Jahren mit dem Kaktus passiere, stehe noch in den Sternen, sagt Schumann. «St. Gallen liegt nicht gerade am Weg», meint Gelbert. Dennoch werde er die Entwicklung seines Säulenkaktus weiterhin verfolgen und diesem manchmal einen Besuch abstatten. Jede Pflanze habe nämlich seine eigene Geschichte und Biografie. An manche erinnere er sich besser, an andere weniger, erzählt der Geroldswiler, der berufsbedingt viel im Ausland war und neun Sprachen beherrscht. Die Zeit wird zeigen, welche Erinnerungen die «Neobuxbaumia polylopha» beim Hobbybotaniker hinterlässt, der, wie es die Fügung will, seit fünf Jahren mit der Mexikanerin Ana Maria verheiratet ist.