Schlieren
Ehemaliger Sandbühl-Pflegeleiter Paolino kritisiert Alterszentrum: «Trend geht in andere Richtung»

Die Pflege-Institutionen der Zukunft seien feingliedrig und dezentral aufgebaut, sagt der ehemalige Sandbühl-Pflegeleiter Vincenzo Paolino – also das Gegenteil von dem, was der Schlieremer Stadtrat derzeit plant.

Alex Rudolf
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Gleich am Zentrumsplatz sollten Stadtsaal und Alterszentrum geplant werden. Dies will die CVP.

Gleich am Zentrumsplatz sollten Stadtsaal und Alterszentrum geplant werden. Dies will die CVP.

Sophie Rüesch

Unweit der Geissweid auf der anderen Seite der Badenerstrasse will der Schlieremer Stadtrat für rund 42 Millionen Franken ein Alterszentrum erstellen. Nach der städtischen CVP, die eine Zusammenlegung des Projekts mit dem Stadtsaal verlangt, hinterfragt nun auch ein ausgewiesener Altersexperte, der mit Schlieren bestens vertraut ist, diese Pläne. So gehen die Überlegungen, wie die Altenpflege der Zukunft in der Schweiz aussehen könnte, in eine andere Richtung.

«Sind wir bereit, derart viel Geld für ein Wohnmodell auszugeben, das viele Menschen gar nicht mehr wollen?» Vincenzo Paolino, Altersspezialist

«Sind wir bereit, derart viel Geld für ein Wohnmodell auszugeben, das viele Menschen gar nicht mehr wollen?» Vincenzo Paolino, Altersspezialist

Zur Verfügung gestellt

«Denn künftig sind solche Institutionen kleine, dezentrale Dienstleistungsdrehscheiben und nicht mehr in derart grossen Gebäuden zu finden», sagt Vincenzo Paolino. Zwischen 1996 und 2008 war er der Leiter Betreuung und Pflege im Schlieremer Sandbühl, der Institution, die mit dem Bau an der Badenerstrasse ersetzt werden soll. Gemeinsam mit Liliane Peverelli gründete er danach Almacasa, eine Organisation, die Pflegewohngruppen für ältere Menschen anbietet, inzwischen an drei Standorten – einer davon in Oberengstringen.

Alterszentren spezialisieren sich

«Niemand zweifelt die Notwendigkeit eines solch grossen Alterszentrums an. Das überrascht mich», sagt Paolino. Für 42 Millionen Franken möchte die Stadt 60 Alterswohnungen und 30 Pflegezimmer erstellen lassen. Der Kredit in der Höhe von 570 000 Franken für die Durchführung des Architekturwettbewerbs kommt demnächst ins Parlament. Dass solche Megaprojekte nicht hinterfragt würden, sei nicht nur in Schlieren so, sagt Paolino. «Wir müssen uns fragen, ob wir bereit sind, derart viel Geld auszugeben für ein Wohnmodell, das viele Menschen gar nicht mehr wollen.»

Laut dem Wohn- und Pflegemodell 2030 der Curaviva Schweiz würden sich die Institutionen künftig nicht mehr in grossen Gebäuden befinden, sondern fungierten als Drehscheibe für Dienstleistungen. Mithilfe dieser Drehscheibe werde den Senioren ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht. «Die Infrastruktur, also das Gebäude, wird nicht mehr grosszügig gebaut und zentral gelegen sein, sondern eher klein und an verschiedenen Orten auf dem Stadtgebiet verteilt», so Paolino. Die kleinen Alterszentren würden dann etwa Schwerpunkte setzen, sich beispielsweise auf die Pflege von Demenz-Erkrankten, Bewohner der Gerontopsychiatrie und Palliative-Care-Patienten spezialisieren. «Der ältere Mensch bezieht also die Leistungen, die er auch benötigt.»

Paolino wünscht sich von den Verantwortlichen der Stadt Schlieren, dass sie sich von nationalen und internationalen Forschungsergebnissen und Praxiserfahrungen zu Pflege und Wohnen im Alter inspirieren lassen.
Quartier verbinden mit Zentrum

Neben den drei Standorten von Almacasa lanciert Paolino noch ein weiteres Altersprojekt, als Präsident des Vereins «Queer Altern». Ziel ist es, in der Stadt Zürich ein Wohnangebot zu schaffen, wo Mitglieder der LGBTI-Community gemeinsam altern können und vor Diskriminierung geschützt sind. Der Vorstand erarbeitete mit den Mitgliedern bereits ein Betriebskonzept, ein Konzept für den Raumbedarf und eine Wertebasis. «Nun brauchen wir noch das berühmte Quäntchen Glück, um das richtige Gebäude in der Stadt Zürich zu finden», so Paolino. Zentral dabei sei, dass gemeinsam ein Ort erschaffen werde, mit dem das Quartier gleichermassen verbunden wird, wie es auch die Generationen werden.