Der Gegner lag blutend am Boden und ich dachte nur: bitte nicht schon wieder!

Es war der 27. März 2012, Spiel sechs in der NLB-Finalserie gegen den Ligakrösus und haushohen Favoriten HC Lausanne. Nachdem wir die ersten beiden Spiele verloren haben, erwischten wir einen Lauf und siegten die nächsten drei Partien. Somit hatten wir an diesem Tag die Gelegenheit, in einer beinahe überfüllten Schorenhalle, den ersten NLB-Meistertitel in der 66-jährigen Geschichte des SC Langenthal zu feiern.

Wie immer am Spieltag erstattete ich der WG, wo unsere drei Bündner Spieler wohnten, einen Besuch ab. Gemeinsam kochten wir und fuhren dann zur Eishalle. Ein überzähliger Spieler sagte unterwegs: «Heute verlieren wir.» Derselbe Spieler hatte denselben Satz bereits vor dem vorangegangenen Spiel losgelassen – welches wir dann für uns entschieden. Ich schaute ihn nur verständnislos an und entgegnete: «Niemals, wir gewinnen. Heute ist unser Tag.»

In unserer Kabine war die Anspannung spürbar. Noch spürbarer war aber unser riesiges Selbstvertrauen nach drei Siegen in Folge. Vor dem ersten Spiel gegen die Westschweizer gab uns niemand wirklich Kredit – selbst wir haben nicht mit letzter Überzeugung daran geglaubt, dass Lausanne in unserer Reichweite liegt. Nun standen wir aber da, ein letzter Triumph vor dem ganz grossen Coup weg. Das konnten und wollten wir uns nicht mehr nehmen lassen.

Diese Überzeugung brachte das Team auch von der ersten Minute an auf das Feld. Heinz Ehrler, unser Coach, entwickelte ein auf Lausanne massgeschneidertes Defensivbollwerk, an dem sich die Waadtländer die Zähne ausbissen. Wir dagegen versuchten mit Konterangriffen Nadelstiche zu setzen, wodurch wir in der 10. Minute 1:0 in Führung gingen – und die Halle tobte. Noch vor Ende des ersten Drittels erhöhte Guyaz auf 2:0, was dem Gegner sichtlich zusetzte. Auch nach dem Seitenwechsel verzweifelte Lausanne geradezu an unserer Defensive und nach 27 Minuten führten wir mit 3:0. War das die Entscheidung? Auf dem Feld war eine gewisse Resignation der Gäste bemerkbar, doch darauf konnten wir uns nicht verlassen.

Dann kam die Schrecksekunde: Vor unserem Tor erwischte ich einen Gegenspieler mit dem Stock im Gesicht. Benommen sank er mit einer Platzwunde im Gesicht zu Boden. Bereits im ersten Spiel der Serie wurde ich mit einer 5-Minuten-, inklusive Spieldauer, Disziplinarstrafe belegt – in diesen 5 Minuten Powerplay erzielte Lausanne vier Tore… Geradezu panisch wartete ich auf das Urteil der sich beratenden Schiedsrichter, doch glücklicherweise hatte keiner der Unparteiischen die Szene richtig gesehen. Somit durfte ich weiterspielen. Zwar kam der Qualifikationssieger nochmals mit 3:1 heran, als wir aber in der 53. Minute das 4:1 schossen, war der Deckel endgültig drauf. Ab da wusste ich: Jetzt haben wir es geschafft. Und der Schoren verwandelte sich in eine richtige Festhütte. Sogar Bundesrat Schneider-Ammann klatschte uns zu.

Mit der Schlusssirene brachen dann endgültig alle Dämme. Es sollte aber noch einen, zwei Tage dauern, bis ich endgültig realisierte, was wir vollbracht haben. Dass nach Spielschluss noch Lausanne-Trainer John van Boxmeer, der mich vor zwei Saisons noch als zu wenig gut empfunden hat, gratulierte, rundete den perfekten Tag, den perfekten Moment ab.

In der Rubrik «Spiel des Lebens» erzählen Persönlichkeiten aus der regionalen Sportszene von ihrem denkwürdigsten Sportereignis. Heute: Claudio Cadonau (26) , Eishockey-Profi beim EHC Biel.