Der 16-jährige Aswin Sritharan aus Dietikon traute seinen Augen kaum. Anfang Dezember erhielt sein Vater Sritharan einen persönlich an ihn adressierten Brief, in dem ein Gewinn versprochen wurde. «Herr Sritharan, und daran besteht kein Zweifel, erhält garantiert 5000 Franken in bar ausbezahlt», hiess es darin. Einzige Bedingung: Der Gewinn müsse persönlich abgeholt werden, schreibt die Firma «Freizeit und Reisen». Nur über ein Postfach in Luzern, eine andere Kontaktmöglichkeit – Telefonnummer, Firmenhomepage oder Adresse – gibt es nicht, kann mit der Firma Kontakt aufgenommen werden. An dieses Postfach sollte auch der Anmeldetalon für die VIP-Feier gesandt werden, an welche drei Personen mitgebracht werden dürfen.

«Erst waren wir misstrauisch», sagt Sohn Aswin Sritharan. Wenn er sich aber nicht gemeldet hätte, dann hätte er sich vermutlich bald gefragt, ob es doch einen Gewinn gegeben hätte. Also sandte er den Anmeldetalon nach Luzern.

Busreise nach Deutschland

Am vergangenen Dienstag war es so weit. Aswin nahm einen Jokertag von der Schule in Anspruch, damit er um sieben Uhr morgens mit seinen Eltern am Dietiker Bahnhof den Reisecar der Firma «Smiley Reisen» besteigen konnte. «Etwa 40 Personen, die meisten im Pensionsalter, waren im Car. Niemand wusste, wohin die Reise geht», so Aswin Sritharan. Ein mulmiges Gefühl habe sich eingestellt, nachdem die Reisgesellschaft die deutsche Grenze überquert habe, erklärt der Schüler. Doch im Car habe weiterhin eine ruhige Stimmung geherrscht.

Nach einer einstündigen Fahrt erreichte der Car ein Restaurant mit Tagungssaal in Kandern. Dort, im 8000-Seelen-Dorf in Baden-Württemberg, habe ein junger Mann namens Björn sowie ein etwa 45-jähriger Mann, der seinen Namen nicht nannte, die Gruppe in Empfang genommen. Nach einem kleinen Frühstück auf Kosten der Veranstalter folgte eine Werbeshow.

Der Mann, der seinen Namen nicht nannte, habe eine wirre, zusammenhanglose Rede gehalten. Hauptthema sei der Schaden gewesen, der dem menschlichen Körper durch Medikamente zugefügt würde, erzählt Aswin. «Dann verwies der Redner darauf, dass eine gewisse Therapie viel effizienter sei.» Einen Moment lang dachte Aswin, dass es sich um einen Facharzt handle. «Doch mit der Zeit merkte ich, dass er ein Verkäufer ist. Es war, als schaue man eine Werbesendung im Fernsehen», so der Sekundarschüler weiter. Ziemlich schnell habe sich die Situation in Kandern zugespitzt. Denn: Nach dem Vortrag wurde jede Person einzeln in einen Nebenraum zitiert. Dort unterbreitete ihnen der Organisator ein Angebot für die spezielle Therapie zu einem Sonderpreis von 3000 Franken. Dazu gebe es eine Reduktion von 1500 Franken, wenn man sofort unterschreibe, so Aswin Sritharan. «Ich bin mir sicher, dass rund ein Viertel der meist betagten Leute diesen Vertrag unterschrieb. Meine Eltern taten dies zum Glück nicht.»

Polizei hat die Sache im Auge

Für eine vermutlich unter den Besuchern willkommene Abwechslung sorgte die Polizei. Zwei Beamte in Zivil und zwei in Uniform sind laut Aswin plötzlich aufgetaucht und verschwanden mit dem Gastgeber in einem Seitenraum. «Nur eine Routinekontrolle», habe sich dieser danach bei seinen Gästen entschuldigt. Günther Weiss vom Polizeipräsidium Freiburg bestätigt die Überprüfung der Veranstaltung, will jedoch keine weiteren Angaben zum Veranstalter machen, da es sich um eine laufende Ermittlung handelt.

Die Firma «Freizeit und Reisen» ist nicht auffindbar. Beim Busunternehmen «Smiley Reisen» aus Bremgarten verweist man darauf, dass man lediglich für den Transport von A nach B verantwortlich war, nicht aber für das, was in Kandern vonstatten ging. Auch hier können keinerlei Kontaktangaben des Veranstalters eingeholt werden. Denn bei «Smiley Reisen» habe man nur via Fax Kontakt mit dem Auftraggeber und diese Nummer könne man nicht herausgeben. Einzig auf der Warnliste des K-Tipps ist «Freizeit und Reisen» vermerkt. Und zwar unter dem Stichwort «Dubiose Einladungen zu Werbefahrten.»

Schinken und Glückslose

Für Aswin Sritharan und seine Eltern war der Nachmittag noch nicht zu Ende. Es wurden Bratpfannen, Schinken und Armbänder angepriesen. «Überraschend viele Leute kauften etwas», sagt er. Die rund 40 Teilnehmer wurden jedoch immer unruhiger. «Niemand wusste, wann wir wieder nach Dietikon kommen würden», so Aswin Sritharan. Doch wo blieb der garantierte Gewinn? «Der Veranstalter sagte, dass es keine Gewinngarantie gegeben habe. Einige wurden wütend und laut.» Schliesslich sollten ein an jedem Kiosk erhältliches Rubellos und ein in Plastik eingeschweisster Schwarzwaldschinken die enttäuschten Hoffnungen der Besucher besänftigen. Denn diese zwei Artikel seien gegen 15 Uhr, kurz vor der Rückfahrt, an alle verteilt worden. Aswin Sritharan ärgert aber am meisten, dass er dafür einen Jokertag vergeudet hat.