Es wirkt fast ein wenig paradox. Lara Alemanni wirkt in diesen Tagen unbekümmert, fröhlich, lacht viel. Keine Spur von Betrübtheit in Bezug auf die U20-Europameisterschaften im italienischen Grosseto, die am vergangenen Sonntag zu Ende gegangen sind. Das erstaunt, wenn man sich Alemannis Zeit ansieht, in der sie an der EM den 1500-Meter-Vorlauf absolviert hat, der einzigen Disziplin, in der sie gestartet ist. 4:30,29 Minuten hat die Urdorferin für diese Distanz gebraucht und war damit in ihrer Gruppe die Achtschnellste von 14 Läuferinnen.

Mit dieser Zeit verpasste Alemanni den Finallauf deutlich. Dass sie es angesichts des starken Feldes aus den beiden Vorläufen nicht unter die besten zwölf Athletinnen schaffen würde, die im Final gegeneinander antraten, damit hatte sie im Vorfeld gerechnet. Doch ihre Zeit war über eine Sekunde langsamer als die 4:28,97 Minuten, die sie im Juni dieses Jahres in Regensburg aufgestellt hatte – ihre beste Leistung über 1500 Meter in dieser Saison. Dabei hatte die 19-Jährige ihre schnellste Zeit in diesem Jahr eigentlich unterbieten wollen, denn sie war vor einem Jahr noch schneller gewesen, und das ebenfalls in Regensburg. Stattdessen ist sie nun langsamer als die Limite gelaufen, die für die Qualifikation zur EM vorgegeben war. Trotzdem sagt sie über ihren Vorlauf an der EM: «Es war eine gute Leistung – angesichts der Umstände bei meinem Lauf.»

Diese waren für die Urdorferin tatsächlich schwierig, aber auch für die anderen Läuferinnen des ersten Vorlaufs. Denn vor dem Rennen gab es einen Fehlstart beim Vorlauf der Männer über 110 Meter Hürden. Dadurch wurde der Start der 1500-Meter-Läuferinnen um 20 zusätzliche Minuten verzögert, womit eine Pause von 40 Minuten entstand. «Wir mussten im Zelt warten», sagt Alemanni, «und das bei Temperaturen über 30 Grad. Immerhin hatten wir Wasser zur Verfügung.» Trotzdem war die Situation eine Nervenprobe für die Läuferinnen, die Mühe hatten, die Spannung beizubehalten. «Du bist auf den Punkt bereit, und dann passiert so etwas», sagt Alemanni. Zudem mussten sie und ihre Konkurrentinnen die Wartezeit überbrücken. «Ich habe versucht, mich warm zu halten», sagt Alemanni. «Aber zu viel darf man auch nicht machen.» Immerhin sei sie trotz der unfreiwilligen Pause nicht nervös geworden – und beim Start sei die Konzentration wieder da gewesen.

Sechs Läuferinnen überholt

Während des Rennens war Alemanni gut unterwegs. «Ich habe nur überholt, statt überholt zu werden», sagt sie. Insgesamt sechs Läuferinnen konnte sie hinter sich lassen. Alles lief also nach Plan. Doch etwa 500 Meter vor dem Ziel realisierte sie, dass sie hätte schneller laufen sollen. «Mein Instinkt sagte mir, dass das Rennen zu gemütlich war», sagt sie. «Hätte ich gewusst, wie wir zeitlich unterwegs waren, wäre ich in der vorderen Gruppe mitgerannt.» Tatsächlich waren die Zeiten in Alemannis Vorlauf deutlich langsamer. Anders gesagt: Alemanni hätte vier Sekunden schneller laufen müssen, um es in den Final zu schaffen. Sie hätte also ihre Bestmarke von 4:27,77 Minuten vom letzten Jahr nochmals um über eine Sekunde unterbieten müssen – ein äusserst schwieriges Unterfangen. Auch deshalb überwiegt für Alemanni das Positive. «Ich habe meinen Lauf genossen», versichert sie.

Spalier stehen für die Kollegen

Geniessen konnte Alemanni die EM aber auch als Zuschauerin. Bei einigen Wettkämpfen war sie live dabei und konnte sich dabei auch über die Leistungen ihrer Teamkolleginnen und -kollegen freuen. Die Schweizer räumten an der EM nämlich richtig ab: Drei Goldmedaillen und eine Silbermedaille konnten sie sich sichern. Ein besonderes Erlebnis auch für Alemanni. «Wir sind den Athletinnen und Athleten, die gewonnen haben, Spalier gestanden», erzählt sie.
Alles in allem war die U20-Europameisterschaft für Alemanni also eine positive Erfahrung – und auch ein Schritt nach vorne. «Ich konnte aus meinen Fehlern lernen und bin im Vergleich zur U20-Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr ein Stück weiter», sagt sie.