Schlieren
Drogen setzten einem der ersten Jugendhäuser der Schweiz ein Ende

Vor 50 Jahren fiel in Schlieren der Startschuss für eines der ersten Jugendhäuser der Schweiz. Schnell wurde das Jugendhaus Treffpunkt für Jugendliche aus allen Schichten.

Florian Niedermann
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Das Elternhaus von Heiri Meier an der Badenerstrasse 19 wurde später zum Jugendhaus.

Das Elternhaus von Heiri Meier an der Badenerstrasse 19 wurde später zum Jugendhaus.

Es ist die bewegte Geschichte der Jugend der 60er- und 70er-Jahre, einer gespaltenen Schlieremer Gesellschaft und eines Gemeinderats, der die Zeichen der Zeit erkannte. Sie prägten die Entstehung des Schlieremer Jugendhauses.

Es begann im Jahr 1963, als die Gemeindeversammlung einen Fonds mit 100 000 Franken genehmigte, um ein Jugendhaus zu eröffnen. Dessen Geschichte sollte die Stadt nachhaltig erschüttern.

Jugendliche forderten Freiraum

Die Initiative für die Gründung des Jugendhauses kam von Schlieremer Jugendlichen, Fürsorgevorstand Fritz Blocher unterstütze sie auf politischer Ebene.

Die meisten der Initianten hätten keine Lust gehabt, sich bestehenden Vereinen anzuschliessen, sagt alt Stadtpräsident Heinrich Meier, der im Schlieremer Jahrbuch 2008 mehrere Seiten zum Thema schrieb.

«Stattdessen kamen sie auf uns zu und forderten einen Ort für sich.» Damit stiessen sie beim Gemeinderat auf offene Ohren. «Wir fanden, es sei besser, ihnen Raum zu geben, um anderen Problemen vorzubeugen», so Meier.

Mit der Gründung des Fonds war der Grundstein gelegt. Am 7. Oktober 1967 feierte die Stadt die Aufrichte für eines der ersten Jugendhäuser der Schweiz im ehemaligen Schützenhaus «Fluhgarten».

Älter sind nur noch das Sommercasino in Basel (1962) und das Jugendhaus Winterthur (1963). Vier Jahre später wurde das Schlieremer Jugendhaus jedoch bereits abgelöst.

Neubeginn an der Badenerstrasse

Im Mai 1971 stellte die Exekutive fest, dass eine Jugendgruppe im über 100 Jahre alten Elternhaus Meiers an der Badenerstrasse (neben dem heutigen Ortsmuseum) den Keller ausbaut und für Zusammenkünfte nutzt.

Der Gemeinderat gab der Fürsorgekommission den Auftrag, eine Hausordnung aufzustellen und einen Leiter zu suchen.

Nach einer Teilrenovation organisierte Fürsorgevorstand Blocher rund 40 Jugendliche, die das «Juhu» in 1300 Arbeitsstunden auf Vordermann brachten. Christine Baumgartner, die damals eine der engagierten Jugendlichen war und heute in Wien wohnt, erinnert sich:

«Im ersten Stock richteten wir ein Café ein, wo alkoholfreie Getränke günstig zu haben waren.» Im Keller entstand eine Disco. Bald wurde ein vollamtlicher Jugendhausleiter gefunden.

Das «Juhu» wurde zu einem grossen Erfolg. Zeitweise seien bis zu 300 Jugendliche regelmässig darin verkehrt, sagt Baumgartner.

Das Gebäude an der Badenerstrasse gehörte bis 1959 der Familie Meier. Dann verkaufte es Vater Heinrich Meier Senior der Gemeinde.

Der Gemeinderat und Mitglied der BGB, der Vorgängerpartei der SVP, befürwortete die Idee, darin ein Jugendhaus einzurichten. «Wer die Dringlichkeit einer solchen Institution nicht sah, musste damals sehr kurzsichtig sein», sagt er.

Ausserhalb der Exekutive gab es im bürgerlichen Lager sehr wohl Opposition gegen das «Juhu», wie Baumgartner weiss: «Sie versuchten die Stadt Dietikon auch dazu zu bewegen, ein eigenes Jugendhaus zu gründen, weil sie nicht deren Randständigen betreuen wollten.»

Drogen, Gewalt und Gymnasiasten

Da ausser Schlieren zwischen Altstetten und Dietikon niemand ein Jugendhaus führte, wurde das «Juhu» zu einem Schmelztiegel von Jugendlichen aller Schichten.

«Auf der einen Seite stand die dörfliche Welt mit Heranwachsenden aus wohlbehüteten Familien und auf der anderen Seite Abkömmlinge von Arbeiterfamilien, Opfer häuslicher Gewalt und Drogenabhängige», sagt Baumgartner.

Dass es diesen Graben durch die Schlieremer Bevölkerung gab, hätten damals viele Erwachsene nicht wahrhaben wollen. Die soziale Herkunft habe im «Juhu» aber nie eine Rolle gespielt.

Zentrale Figur im Jugendhaus war Leiter Ernst Breu, ein bärtiger, grosser Mann, ein Fels in der Brandung für viele: «Er schuf im Juhu einen sicheren Ort für verunsicherte Jugendliche», sagt Baumgartner.

Einige Jugendliche hätten auch harte Drogen konsumiert: «Ich kannte vier Brüder, zwischen 14 und 18 Jahre alt, die alle an der Nadel hingen.»

Breu habe sie nie fallen lassen und sich auch noch um sie bemüht, als Lehrer und Fürsorge sie aufgegeben hatten. Im Jugendhaus duldete er aber weder Drogen noch Alkohol. «Wir alle haben das akzeptiert», sagt Baumgartner.

Die Behörden schreiten ein

1974 stellten die Behörden fest, dass im Umfeld des Jugendhauses Rauschgift konsumiert und gehandelt wurde. Bald hatte die Stadt ihren ersten Drogentoten zu beklagen. Der Gemeinderat schloss den Treffpunkt für rund zwei Monate.

1975 sollten die Betriebsregeln verschärft und eine Ausweispflicht eingeführt werden; es kam zur Konfrontation mit den Jugendlichen. Sie ignorierten die Behördenentscheide und boykottierten das «Juhu».

Breu kündigte seine Stelle, die Jugendarbeitskommission trat geschlossen zurück. Das Jugendhaus wurde vorübergehend geschlossen.

Nach seiner Wiedereröffnung im April 1979 unter der Leitung eines neu gegründeten Jugendhaus-Vereins folgte etwa zwei Jahrzehnte lang eine ruhige Phase, bis das Ganze schliesslich «versandete», wie Meier sagt.

Am 15. Juli 2004 ging das geschichtsträchtige Gebäude aus bis heute ungeklärten Gründen in Flammen auf. Laut Meier trauerte ihm damals aber bereits niemand mehr nach. Heute befindet sich auf dem Areal ein Feld, auf dem Schnittblumen gekauft werden können.