Aesch
Dorfrundgang Aesch: Von Feuersbrünsten, Seelenheil und Unterhosen

Auf einem Rundgang blickten die Einwohner an fünf Posten auf die bewegte Geschichte ihres Dorfes zurück - vom tiefsten Mittelalter bis heute gibt es für die Bewohner einiges (wieder) zu entdecken.

Katja Landolt
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Nach dem Dorfrundgang übergibt der Frauenverein Aesch zur Feier des hundertjährigen Bestehens ein Bänkli an die Bevölkerung.
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In drei Gruppen werden die Aescher durchs Dorf geführt – so viele interessieren sich für die Geschichte.
Die kaiserliche Urkunde aus dem Jahr 1124.
Konzert der Harmonie Birmensdorf.
Beim Dorfrundgang blickt man auf die bewegte Geschichte Aeschs zurück

Nach dem Dorfrundgang übergibt der Frauenverein Aesch zur Feier des hundertjährigen Bestehens ein Bänkli an die Bevölkerung.

Katja Landolt

Es ist tiefstes Mittelalter. Die Schweiz – wie wir sie heute kennen – existiert noch nicht, sie ist Teil des Deutschen Kaiserreiches. Konrad von Sellenbüren, letzter Nachkomme seines Geschlechts, hat die Grundherrschaft über das damalige Aesch, ihm gehören Land und Leute. Dem gottesfürchtigen Mann liegt viel an seinem Seelenheil. Um sich dieses zu sichern, übergibt einen wesentlichen Teil der Grundherrschaft Aesch an das neu gegründete und von ihm gestiftete Kloster Engelberg. Mit der Urkunde vom 28. Dezember 1124 bestätigt der Deutsche Kaiser Heinrich V. diese Stiftung. Und da wird Aesch zum allerersten Mal als «Asche» urkundlich erwähnt; als zum Kloster Engelberg gehörende Ortschaft.

888 Jahre sind seit dieser erstmaligen urkundlichen Erwähnung vergangen. 888 Jahre, in denen Aesch viel erlebt hat – verheerende Brände, magere Zeiten, gefährlichen Bauboom, dorfinternen Zusammenhalt. Ein Rundgang am Sonntagabend bot den Aeschern einen historischen Rückblick.

1886 wird die Aescher Dorfgeschichte zerstört: Ein Feuer im Hof des damaligen Gemeindeschreibers Suter vernichtet sämtliche Gemeindeakten. Was als Anhaltspunkt bleibt, ist ein Lagerbuch im Staatsarchiv; ein Register der Gebäudeversicherung aus dem Jahr 1812, das Aufschluss über die Gebäude und deren Eigentümer gibt.

Der Trupp steht an der Dorfstrasse, Höhe Restaurant Landhaus. «Welches ist wohl das älteste Haus im Blickfeld?», fragt Gemeindepräsident Hans Jahn. Die Köpfe drehen sich von links nach rechts, vom Alten Schulhaus zur Schmitte, von da zum Restaurant Landhaus. Ja, welches wohl? 1812 habe noch keines der umliegenden Gebäude gestanden, löst Jahn auf. «Das Älteste aber ist das Alte Schulhaus.» Ein Raunen geht durch die Gruppe, einer zieht nachdenklich an seiner Tabakpfeife.

1709 wird das erste Aescher Schulhaus gebaut – und zwar an der Stelle, an der heute das Türmlihaus steht. Ein einziger grosser Raum dient als Klassenzimmer und Sitzungsraum für den Gemeinderat. 100 Jahre später wird das erste Schulhaus durch das Türmlihaus ersetzt. Dieses hält nur gerade 30 Jahre lang den Anforderungen stand.

74 Schüler werden 1833 in dem kleinen Haus unterrichtet. Inspektor Hirzel schreibt im August 1834 in sein Visitationsbuch, dass er mit dem Verhalten und den Fortschritten der Kinder sehr wohl zufrieden sei. «Er fühlt jedoch wahrhaft Mitleid wegen ihrem traurig heissen, zwangvoll drückenden Schullokal.» Unter der Androhung von der mit «Ernst und Strenge» durchgeführten Anwendung des Gesetzes über schickliche Schullokale bauen die Aescher von 1837 bis 1839 ein neues Schulhaus – das heutige «Alte Schulhaus». Die Bauabrechnung beläuft sich auf
5553 Gulden, was rund 33000 Franken entspricht. Aesch erhält für den Schulhausneubau einen Staatsbeitrag von 1100 Franken – «in Anbetracht der Bedürftigkeit der Gemeinde».

Uralt ist auch das Hafnerhaus an der Hornstrasse. Das Wohnhaus mit Scheune ist im Register der Gebäudeversicherung von 1812 erwähnt, Eigentümer ist Hans Ulrich Hafner. Gebaut wurde es laut Hansueli Bäumler, ehemaliger Gemeindeschreiber, schätzungsweise 1770. «Somit ist es eines der ältesten Aescher Häuser – und eines der kompliziertesten.» Kompliziert im Sinne der Aufteilung: Ab 1830 herrscht bei den Besitzverhältnissen ein beispielloses Gewirr. Das Anwesen wird zu Vierteln bewohnt, mit Halbgeschossen und normalen Geschossen.

Im Dorfmuseum ist ausser dem riesigen ovalen Nussholztisch aus dem Bankratssaal des alten Kantonalbankgebäudes nicht mehr viel da. Früher habe es hier noch allerlei Gebrauchsgegenstände zu betrachten gegeben, sagt Roger Fritschi, der als ihr heutiger Präsident die Geschichte der Dorfgenossenschaft erklärt. «Unter anderem Ururgrossmutters Unterhose.» Jetzt liegen oder hängen nur noch ein paar vergilbte Fotografien wichtiger Urkunden hinter Glas.

Es ist das Jahr 1960. Aesch hat
318 Einwohner, gilt als finanzschwache Gemeinde. Diverse Landwirtschaftsbetriebe werden zum Verkauf angeboten. Das zieht Landkäufer an, trotz fehlender Bahnstation, einigen wenigen Postautokursen und dem hohen Steuerfuss. Ein Bauunternehmer will gleich neun Hektaren überbauen; ein Bauvorhaben, das die Einwohnerzahl Aeschs auf einen Schlag mehr als verdoppelt hätte. «Aesch drohte in den Strudel der Spekulationen zu geraten», so Fritschi.

Aus dieser akuten Gefahr heraus gründen die politische Gemeinde, die Flurgenossenschaft, die Holzkooperation und einige Private unter der Leitung von Nationalrat Ernst Gugerli am 14. September 1960 die Dorfgenossenschaft. Der Zweck der Genossenschaft: Die Bautätigkeit der Gemeinde Aesch finanziell, strukturell und ästhetisch in günstiger Weise zu lenken und für die Erhaltung der örtlichen Landwirtschaft bestmögliche Voraussetzungen zu schaffen. Die Dorfgemeinschaft kauft
21 Hektaren Land und verkauft, verpachtet und überbaut diese. 1962 wird ein Dorfhelfer angestellt, der den Bauern bei Unfall, Krankheit, Militärdienst oder Ferien aushilft. Eine Zeit lang wird auch eine Dorfhelferin angestellt.

Vor dem Volg steht Hans Rasi. Er ist hier an der Haldenstrasse aufgewachsen; im Vorgängergebäude, das 1966 nach Übernahme durch die Landwirtschaftliche Genossenschaft Aesch abgerissen wurde. Um 1900 hatte ein Vorfahre Rasis das Gebäude gekauft. Rasi erinnert sich an den Ausblick aus seinem Schlafzimmerfenster und an Schinken und Speck, die im Ofen geräuchert wurden. «Die Balken waren alle schwarz vom Rauch.» Und er denkt an den Brunnen, der auf der anderen Strassenseite gestanden hatte. Der «Schmidtenbrunnen» mit zwei Röhren und viel Wasser, von denen man eine Röhre verstopfen konnte. «So kam man mit dem Wasserstrahl ganz schön weit.» Rasi grinst schlitzohrig. «An dieser Geschichte hast Du heute noch Deine helle Freude, gell», ruft einer der Zuhörer. Rasi nickt.

888 Jahre Aesch: Vom 24. bis 26. August steigt in Aesch die grosse 888-Jahr-Feier.