Birmensdorf
Dörfern fehlen Ressourcen zur Dichte

Das «Forum für Wissen» am WSL zeigte auf, wie der Zersiedelung Einhalt geboten werden könnte

Alex Rudolf
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Städte und Agglomerationsgemeinden haben die Ressourcen für eine nachhaltige Raumplanung: Limmatfeld in Dietikon. S. Ardizzone

Städte und Agglomerationsgemeinden haben die Ressourcen für eine nachhaltige Raumplanung: Limmatfeld in Dietikon. S. Ardizzone

Sandra Ardizzone

Im Nachgang zu den Abstimmungen über die Limmattalbahn vom 22. November spekulierten viele Politiker über das Nein aus dem Bezirk Dietikon. Oft fiel dabei das Argument, dass die Wähler des Wachstums und der zunehmenden Dichte überdrüssig seien. Schenkt man jedoch einigen Referenten am «Forum für Wissen 2015» Glauben, dann hat Schlieren Vorbildcharakter in Sachen Siedlungsentwicklung. Die bei der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) durchgeführte Tagung befasste sich gestern mit dem Thema «Von der Siedlungsentwicklung zur Landschaftsgestaltung.» Zehn Forscher dieser Themenfelder hatten die Gelegenheit, ihre Erkenntnisse zu präsentieren.

WSL-Landschaftsplanerin mit Spezialgebiet Landschaftsdynamik Anna Hersperger untersuchte die raumplanerischen Massnahmen für einen haushälterischen Umgang mit dem Boden. Dazu fokussierte sie sich auf 15 Schweizer Gemeinden, die seit dem Jahr 1980 einen Rückgang der Zersiedelung aufweisen und daher eine Vorbildfunktion innehaben. Eine dieser Gemeinden ist Schlieren. Neben dem kommunalen Baureglement und den Zonenplänen befasste sich die Forscherin auch mit kantonalen Richtplänen und führte Interviews mit den für Raumplanung verantwortlichen Personen in den Gemeinden. «In Schlieren trug die Überbauung der Industrieareale mithilfe eines Gestaltungsplans nachweislich zu einer wirkungsvollen Verdichtung bei», ist der Auswertung zu entnehmen. «Einer der Gründe: der konstruktive Dialog zwischen Gemeinde, Kanton und Grundeigentümer. Sie fanden mit dem Gestaltungsplan eine Lösung, hinter der sie alle stehen konnten.»

«Kein Sonntagsspaziergang»

Mit der kommunalen Raumplanung setzte sich auch die WSL-Doktorandin Sophie Rudolf auseinander. Bei einer Befragung aller Schweizer Gemeinden bezüglich der kommunalen Raumplanung kristallisierten sich vier Instrumente als besonders wirkungsvoll heraus, es bestehen jedoch grosse Unterschiede in deren Nutzung. «Während eher grosse Gemeinden ihre kommunale Raumplanung bewirtschaften und durch Nutzungsplanung die Dichte erhöhen, sind kleinere Gemeinden in der Verbesserung der Siedlungsqualität stärker», so Rudolf. Kleinere Gemeinden würden also eher auf das Bewahren von Bestehendem setzen. «Interkommunale Zusammenarbeit würde kleineren Gemeinden bei der Nutzung der vielen raumplanerischen Instrumente helfen», so Rudolfs Fazit.

«Wir empfehlen jeder Gemeinde, einen kommunalen Richtplan zu erstellen», sagte Lukas Bühlmann, Direktor der schweizerischen Vereinigung für Landesplanung. Doch hätten viele Gemeinden nur mangelnde Ressourcen zur Verfügung. So schreibe der Kanton Luzern seinen Gemeinden zwar die Erstellung eines Siedlungsleitbilds vor, stelle dazu aber auch Hilfen zur Verfügung, so Bühlmann.

Die Entwicklung innerhalb der Gemeinde sei kein Sonntagsspaziergang, da heute sehr viele Faktoren Einfluss darauf hätten. «Neben Wachstumsansprüchen, einem föderalistischen Planungssystem und wachsender Regulierung kommt ein stark ausgebauter Rechtsschutz für Grundeigentümer», sagt Bühlmann. Hinzu komme, dass man nach Qualität beim Verdichten streben würde. Doch wie lässt sich diese erreichen? «Planungswettbewerbe und der frühzeitige Einbezug der Bevölkerung – bereits bei der strategischen Planung – helfen dabei», antwortet Bühlmann.

Bodenhandel als mögliches Mittel

Die leitende Wirtschaftsforscherin am WSL, Irmi Seidl, beleuchtet das Thema Zersiedelung nicht aus planerischer Sicht, sondern zeigt ökonomische Instrumente für eine nachhaltige Siedlungsentwicklung auf. Sie zeigte auf, dass der sehr gute Ausbau der Schweizer Verkehrsinfrastruktur bislang zwar kaum als Treiber der Zersiedelung betrachtet wurde, obwohl er ein grosser Faktor sei. Doch auch das Schweizer Fiskalsystem mit dem tiefen Eigenmietwert fördere eine grosse Inanspruchnahme von Wohnfläche: So kenne Zersiedelung auch einen fiskalen Gradmesser: «Je tiefer der Gemeindesteuerfuss, desto höher die Zersiedelung in der Regel», so Seidl.

Als mögliches Gegenmittel zum verschwenderischen Umgang mit Boden führt Seidl den Handel von Flächennutzungsrechten ins Feld. Dazu müsste jedoch eine Angebotsmenge festgesetzt werden, was einem landesweiten Einzonungsstopp gleichkomme. «So könnten Bebauungsrechte in Gemeinden mit viel Bauland und geringer Nachfrage in solche mit wenig Bauland und hoher Nachfrage transferiert werden.» Mit der Kulturlandinitiative gebe es im Kanton Zürich derzeit ein Instrument, das einem Einzonungs-Moratorium gleichkomme, doch hapere es bei der Umsetzung. Auf die Frage aus dem Publikum, wie realistisch ein solches Modell sei, antwortete sie, dass starke Kräfte, wie die Geld- oder Fiskalpolitik, Mittel wie Gestaltungspläne alt aussehen lassen. «Wir müssen uns grundsätzliche Gedanken über die Raumplanung machen», so Seidls Replik.