Gefängnisausbruch Limmattal
Doppelrolle als Risikofaktor: Aufseher und Betreuer in einer Person

Eine Wärterin verhilft einem Häftling zur Flucht. Wieso hat das Sicherheitskonzept des Gefängnisses versagt?

Florian Niedermann
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Angela Magdici verhalf Hassan Kiko zur Flucht aus dem Gefängnis Limmattal. KEY/Ennio Leanza

Angela Magdici verhalf Hassan Kiko zur Flucht aus dem Gefängnis Limmattal. KEY/Ennio Leanza

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Die Geschichte liest sich wie ein Hollywood-Drehbuch: Eine Aufseherin des Gefängnisses Limmattal befreit einen Insassen, in den sie sich mutmasslich verliebt hat, und flieht mit ihm des Nachts ausser Landes. Doch nun fragt sich die Schweiz: Wie konnte so etwas passieren? Ist das Gefängnis sicher genug?

Das Problem in der Strafvollzugseinrichtung in Dietikon: Der Kollege der 32-jährigen Wärterin Angela Magdici schläft, während diese mit dem verurteilten Vergewaltiger Hassan Kiko (27) davonschleicht. Das kann dem Aufseher nicht vorgeworfen werden, sagt Gefängnisdirektor Roland Zurkirchen. Weil das Gefängnis über begrenzte personelle Ressourcen verfügt, wechseln sich die diensthabenden Mitarbeitenden in der Nacht ab.

Diese Sicherheitslücke wäre zu schliessen, wie ein Vergleich mit Justizvollzugsanstalten in anderen Kantonen zeigt. Der Leiter der Dienststelle Militär, Zivilschutz und Justizvollzug Luzern, Stefan Weiss, sagt etwa, dass eine Flucht wie in Dietikon im Luzerner Gefängnis Grosshof «praktisch ausgeschlossen» werden könne. Der Grund: Dort sind die Funktionen Sicherheit und Betreuung rund um die Uhr strikte getrennt. Gemäss dem Sicherheitskonzept kann ein Betreuer mit einem Häftling das Gefängnis nur dann verlassen, wenn der Sicherheitsdienst den Austritt autorisiert und technisch freigibt.

Sicherheitsdienst wäre zu teuer

Im Gefängnis Limmattal sieht das anders aus. Hier besteht kein 24-Stunden-Sicherheitsdienst, wie Direktor Zurkirchen sagt: «Es ist ein politischer Entscheid, ob man sich diesen zusätzlichen Dienst leisten will.» Stattdessen sind die Aufseher in Dietikon neben der Betreuung auch für die Sicherheit zuständig. Und Zurkirchen sieht keinen Anlass, wegen eines «Einzelfalls dieses bewährte System anzuzweifeln». Was die Sicherheitstechnik angeht, so wurden die Möglichkeiten im Gefängnis Limmattal gemäss Zurkirchens Aussagen ausgereizt: «Unser System sollte verhindern, dass eine Aufseherin einfach mit einem Häftling aus dem Gebäude spazieren kann. Aber ein System ist nur so gut wie der, der es manipuliert.»

Innerhalb der doppelten Funktion, welche die Aufseher in Dietikon wahrnehmen, ist es durchaus gewollt, dass sie versuchen, einen persönlichen Umgang mit den Gefangenen aufzubauen. Laut Zurkirchen wird das Personal bewusst für beide Funktionen ausgebildet. «Das ist heute State of the Art», sagt er. Dass sich zwischen Betreuerin Magdici und Häftling Kiko eine romantische Beziehung entwickeln konnte, zeuge aber davon, dass eine professionelle Grenze überschritten wurde.

Wo diese Grenze im Strafvollzug liegt, ist klar definiert, wie der Gefängnisdirektor erklärt: «So wird etwa ein Insasse nicht berührt. Und es bestehen exakte Regeln, in welchen Situationen ein Betreuer die Zelle überhaupt betritt.» Die Mitarbeitenden werden gemäss seinen Aussagen in internen und externen Trainings regelmässig im Umgang mit Häftlingen geschult und für die Problematik sensibilisiert. Es sei zudem eine zentrale Aufgabe der Vorgesetzten, genau hinzuschauen und Aufseher anzusprechen, wenn deren Beziehung zu einzelnen Häftlingen problematische Tendenzen aufweise. Diesbezüglich sei der Umgang der beiden Geflohenen nie aufgefallen, sagt Zurkirchen. Wohl auch, weil Magdici wusste, welche Konsequenzen es hat, wenn eine solche Beziehung auffliegt: «Dann wäre entweder sie oder der Gefangene in eine andere Anstalt versetzt worden», sagt der Gefängnisdirektor.

Der Fall der beiden Geflohenen zeigt, dass die Vermischung von Sicherheit und Betreuung Gefahren birgt. Dennoch bezeichnet Zurkirchen eine gewisse Nähe zum Gefangenen als «das A und O» eines guten Strafvollzugs. Und darin geben ihm auch Justizvollzugsbeamte in anderen Kantonen recht. So etwa im Kanton St. Gallen, wo ebenfalls die meisten Aufseher beide Funktionen wahrnehmen. Joe Keel, der Leiter des dortigen Amts für Justizvollzug, sieht das gar als Vorteil: «Ein naher Kontakt des Betreuers zum Häftling ist wesentlich für die Sicherheit in einem Gefängnis», sagt er. Nur so könnten Aufseher bemerken, wenn bei einem Insassen «etwas im Busch» sei oder dieser Aggressionen entwickle.

Wie eine Flucht wie jene von Montagnacht künftig verhindert werden kann, weiss man im Gefängnis Limmattal noch nicht. «Wir sind an der Analyse. Bisher haben wir keine längerfristigen Massnahmen festgelegt», sagt Zurkirchen.