Dietikon

Doppelmord im Drogen-Milieu: Täter ist auch 20 Jahre später nicht gefasst

Der am 19. November 1997 entdeckte Dominikaner-Doppelmord von Dietikon ist nach wie vor nicht aufgeklärt. Letztmals ermittelt wurde im März 2007.

Der erste Hinweis kam durch die Nase. Bewohner eines Blocks an der Dietiker Gassackerstrasse stellten einen unangenehmen Geruch fest, der auch am nächsten Tag noch da war. Und immer übler wurde. So penetrant, dass der Hauswart eingreifen musste. Am Mittwoch, 19. November 1997 um 17.30 Uhr öffnete er also die Tür zur Parterrewohnung, stiess auf zwei verweste Leichen und alarmierte die Polizei. Das Fazit der rechtsmedizinischen Untersuchung war klar: An der Gassackerstrasse ist eine Gewalttat geschehen.

Zwei Tage nach dem grausigen Fund versandte die Bezirksanwaltschaft (heute Staatsanwaltschaft) eine kurze Mitteilung an die Medien, um den Fall öffentlich zu machen. «Rätselhafter Doppelmord» lautete am 22. November 1997 die Titelgeschichte des Limmattaler Tagblatts. Offiziell gab es noch keine Anhaltspunkte zur Identität der Opfer, zum Tatmotiv und zur Täterschaft.

Wie die Recherche des bekannten Gerichtsreporters Attila Szenogrady († 2016) im Limmattaler Tagblatt zutage brachte, hatte sich aber der Wohnungsmieter bereits am Donnerstag der Polizei gestellt, um jeden Verdacht gegen ihn zu entkräften. Der Chilene wohnte selbst nicht im Block an der Gassackerstrasse, war aber der Ehemann der ermordeten Frau, die zusammen mit dem anderen Opfer in der Wohnung lebte. Die Ehe des Chilenen war eine Scheinehe, wie Insider das Limmattaler Tagblatt wissen liessen. Der Augenschein vor Ort ergab zudem, dass der üble Geruch die Anwohner auch zwei Tage nach dem Leichenfund noch belästigte. Auf jedem Stockwerk standen die Fenster trotz Kälte sperrangelweit offen, berichtete das Tagblatt.

Konter gegen Kokain-Connection

Die Woche darauf wurde klar, dass beide Opfer dominikanische Staatsbürger waren: der 35-jährige Pastor Santos Henriquez Martinez (Pastor ist der Vorname, nicht der Beruf), genannt Willi, und die 42-jährige Iris Asuncion Velasquez Delpino de la Rosa Ramirez. Das gab die Bezirksanwaltschaft am 27. November bekannt. Letztmals lebend gesehen wurde das Duo am 16. November in einem weissen Ford Sierra. Die Rechtsmediziner kamen zum Schluss, dass die beiden danach am 16. oder 17. November getötet wurden.

Die Polizei vermutet heute, dass es sich um eine Abrechnung im Drogen-Milieu handelte, da sich die Opfer und deren Umfeld darin bewegten. Noch heute dominieren Dominikaner den Zürcher Kokainhandel. Ende der 1990er-Jahre hatten sie sich in der Stadtzürcher Branche durchgesetzt.

Mit Flugblättern an die Fiestas

Mit der Bekanntgabe der Identität beider Opfer setzte die Polizei auch eine Belohnung von bis zu 8000 Franken aus. Zwecks Erlangung sachdienlicher Hinweise verteilten die Ermittler auch Flugblätter in Latino-Lokalen.

Heute Sonntag ist der Leichenfund nun genau 20 Jahre her. Noch immer ist kein Schlussstrich unter die Ermittlungen gezogen, wie Polizei-Sprecher Stefan Oberlin bestätigt. Eine Vielzahl an Personen sei überprüft worden. «Es gab diverse Tatverdächtige und Verhaftungen. Doch entscheidende Beweismittel fehlten, um jemanden der Tat zu bezichtigen respektive anzuklagen», sagt er zu den Ermittlungen, im Rahmen derer auch Hausdurchsuchungen gemacht wurden.

Die ernüchternde Bilanz: Nach 1997 gab es keine wesentlichen Entwicklungen mehr. Auch erweiterte Spurenauswertungen zu einem späteren Zeitpunkt und mit neuen DNA-Methoden blieben erfolglos. Letztmals wurde im März 2007 am Fall gearbeitet. Der kalte Fall liegt nun auf Eis, bis sich neue Ermittlungsansätze ergeben wie etwa Zeugenaussagen oder neue technische Möglichkeiten. Derweil bleiben die Beweismittel von damals weiter eingelagert, bis der Fall endgültig verjährt, was frühestens 2027 der Fall ist. Gibt es bis dahin neue Ermittlungen, liesse sich der Ablauf des Verjährungscountdowns bis ins Jahr 2045 hinauszögern.

Kriminalhistorisch gesehen hat der Fall Seltenheitswert. So gab es im Kanton Zürich zwischen 1997 und 2017 zwar 14 Tötungsdelikte, bei denen mehr als ein Opfer zu beklagen war. Zieht man aber alle Fälle ab, in denen der Täter danach Suizid beging oder einen familiären Bezug zu den Opfern hatte, bleiben nur drei Doppelmörder übrig – jener von Dietikon sowie ein Fall aus den 2000er-Jahren und einer im laufenden Jahrzehnt. Das zeigt, wie selten solche Doppelmorde sind. Unaufgelöste Fälle gibt es etwas mehr, wie die Polizei auf Anfrage sagt: Im Kanton Zürich sind von 274 vollendeten Tötungsdelikten in den letzten 20 Jahren 31 noch nicht aufgeklärt.

Zurück zur Gewalttat an der Gassackerstrasse: Der Polizist, der 1997 die Ermittlungen leitete, ist mittlerweile in Pension. Der damals zuständige Staatsanwalt arbeitet inzwischen als Anwalt in einem anderen Kanton. «Ich erinnere mich nur noch diffus an den Fall», sagt er heute. Und das Kokain? Das zieht sich Zürich weiterhin in grossen Mengen durch die Nase – trotz den brutalen Spuren, die die Droge nach sich zieht, bevor sie in der Stadt ankommt.

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