Massnahmezentrum Uitikon

Direktor Michael Rubertus: «Dankbarkeit darf man nicht erwarten»

Seit 14 Jahren Direktor des Massnahmenzentrums Uitikon: Michael Rubertus. FUO

Seit 14 Jahren Direktor des Massnahmenzentrums Uitikon: Michael Rubertus. FUO

Auch im Massnahmenzentrum für kriminelle Jugendliche in Uitikon haben die Festtage eine besondere Bedeutung.

Michael Rubertus (53) ist seit zwölf Jahren Direktor des Massnahmenzentrums Uitikon (MZU). Hier sind jene Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus dem Kanton Zürich und der Ostschweiz untergebracht, die sich schwerste Straftaten zuschulden kommen liessen – Mord, Raub, Vergewaltigung. Darauf verweist Rubertus, wenn man ihn fragt, ob er denn einen der jungen Straftäter im MZU auch über die Festtage in die Disziplinarzelle stecken würde. In dieser sind bis auf die Matratze alle Möbel aus Gussbeton gefertigt. Ein nicht abdeckbares Fenster führt zum Gang. Die Regel lautet: täglich 23 Stunden in der Zelle, eine Stunde Hofgang. Wobei der «Hof» winzig klein und von hohen Mauern umzäunt ist, sodass sich der Blick ins Freie auf ein vergittertes Stück Himmel beschränkt.

Besinnung und Besinnliches

Ja, sagt Rubertus, er würde auch über die Festtage jemanden an diesen Ort schicken – so die Person denn etwas getan habe, wofür diese Sanktion vorgesehen sei. Dazu gehören zum Beispiel: wiederholtes nicht pünktliches Zurückkehren aus dem Ausgang (ein solcher wird Jugendlichen in der halb offenen Abteilung unter gewissen Voraussetzungen zugestanden), Drogenkonsum, Gewalttätigkeiten. «Nur weil Weihnacht ist, kann man nicht Dinge durchlassen, die sonst geahndet würden», sagt der Anstaltsdirektor. Was nicht heisst, dass er nichts für Weihnachten übrig hat – im Gegenteil. Er legt Wert darauf, dass sowohl in der halb offenen als auch in der geschlossenen Abteilung ein schön dekorierter Baum steht.

Rubertus erzählt mit Freude von der Weihnachtsfeier, die vor ein paar Tagen in der halb offenen Abteilung stattgefunden hat. Betreuende und Betreute nehmen jeweils daran teil. Es gibt einen festlichen, wenn auch alkoholfreien Apéro, Ansprachen (auch eine vom Direktor) und Musik. «Es ist schön, zu sehen, wie so etwas auch unsere Jungs hier für zwei Stunden in seinen Bann zu ziehen vermag.» Ob Christ, Muslim oder religionslos – die Besinnlichkeit des Advents könne bei allen Wirkung entfalten, sagt Rubertus. Und er zieht die Parallele zum therapeutischen Auftrag des MZU, bei dem es vor allem um die Vermeidung von Rückfällen geht, wozu den jungen Männern die konstante Auseinandersetzung mit ihren Straftaten abverlangt wird. «Auch das ist eine Art von Besinnung.» Insofern trage die Festtagszeit auch ein therapieförderndes Moment in sich.

Ende des Umbaus 2014 geplant

Das MZU umfasst 34 halb offene Plätze. Die geschlossene Abteilung wird gerade etappenweise umgebaut. Vorletzte Woche konnten zehn Plätze im neuen Trakt bezogen werden. Bis 2014 werden 30 geschlossene Plätze – aufgeteilt auf drei Einheiten – zur Verfügung stehen. Wenn es so weit ist, wird Rubertus dem MZU 14 Jahre lang vorgestanden haben und auch äusserlich vollendet sehen, was er bei Stellenantritt in Angriff genommen hat. Damals war das MZU noch im wahren Wortsinn eine Arbeitserziehungsanstalt. Dass die jungen Straftäter in einem der anstaltseigenen Betriebe ausgebildet wurden, war die ganze Therapie.

«Was sie verbrochen haben, wurden sie nicht gefragt», erinnert sich Rubertus. Mittlerweile ist es genau umgekehrt. Bereits einige Tage nach dem Eintritt werden die jungen Männer im Einzel- oder Gruppengespräch mit ihren Verfehlungen konfrontiert. Sie haben sich mit sich selbst und den Situationen, die sie zum Delinquieren bringen, auseinanderzusetzen. Wie früher nimmt die Ausbildung viel Platz im Tagesablauf ein – aber selbst die Lehrmeister sind gehalten, sich auf das Vorleben der jungen Männer einzulassen und sie damit zu konfrontieren.

Auch Rituale sind ein wichtiger Bestandteil im «Wirklichkeitskonstrukt MZU», so Rubertus. Dazu gehört, dass man sich grüsst, dass man sich anständig verhält beim Essen und vieles mehr – so auch das Einhalten festtäglicher Gepflogenheiten. Und so wurden am Weihnachtsabend auch in der geschlossenen Abteilung Geschenke verteilt. Jedem Straftäter ist ein Sozialpädagoge als erste Bezugsperson zugewiesen, 30 bis 40 Franken darf jeder fürs Geschenk an seinen Schützling ausgeben. Präsente, die von ausserhalb kommen, werden genau kontrolliert.

Keine Opfer der Umstände

16 bis 25 Jahre alt sind die Straftäter im MZU. Damit sind sie zu alt, um noch erzogen zu werden, erklärt Rubertus. Doch könne man sie noch dazu bringen, sich nicht einfach als Opfer widriger Umstände zu sehen, sondern als selbstbestimmte Personen, die ihre Schwachpunkte kennen und so damit umzugehen verstehen, dass sie weitere Delikte vermeiden können. Und dafür brauche es eben sowohl Fürsorge als auch Strenge.

Nötigenfalls er deshalb eben auch jemanden über Weihnachten in die Disziplinarzelle stecken. Nur schon der Umstand, dass er könnte, wenn er wollte, muss aus Sicht der potenziell Betroffenen ein Grund sein, ihn nicht zu mögen. Wie geht man damit um, nicht gemocht zu werden? Wie geht man damit speziell an über die Festtage um, an Weihnachten, dem Fest der Liebe? Das müsse man aushalten können, sagt Rubertus. «Gemocht werden ist auch nicht der Auftrag des MZU, sondern die Rückfallvermeidung.» Deshalb freut er sich, wenn einer im Austrittsgespräch sagt, dass ihn das MZU vor dem endgültigen Absturz bewahrt habe und er nun versuchen wolle, ein normales Leben zu führen. Dankbarkeit könne man nicht erwarten. Wichtig für einen selbst – das gelte für ihn und alle, die im MZU arbeiten – sei der Ausgleich: andere Leute, reale Welten ausserhalb des «Wirklichkeitskonstrukts». Weihnachten feiert Rubertus jeweils im privaten Rahmen mit Frau und Sohn. Und dann kommen noch Freunde und Bekannte vorbei – im Sinne eines offenen Hauses.

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