Weiningen
Direkt vom Traktor: Dieser Bauer versorgt die Stadtzürcher mit frischem Gemüse

Sobald Daniel Müller in die Quartierstrassen fährt und mit seiner Kuhglocke läutet, kommen die Anwohner aus ihren Häusern und kaufen bei ihm ihr Gemüse ein. Damit trifft er den Nerv der Zeit.

Sibylle Egloff
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Daniel Müller Gemüsetraktor
8 Bilder
...bereits sein Grossvater Jakob verkaufte die Produkte des Hofs in der Stadt. Zu Beginn noch zu Fuss und zu Pferd.
Vorbei an Bussen und Trams: Daniel Müller lässt sich vom Treiben in Höngg nicht aus der Ruhe bringen. Seine Ware soll schliesslich heil bei den Kunden ankommen.
Einkaufen vor der Haustür: Kundinnen wie Aline Vonlanthen sind froh, dass sie nur über die Strasse laufen müssen, um frische Produkte zu bekommen. Für Söhnchen Luan sei der Besuch des Traktors jedes Mal ein Erlebnis.
20 Stopps auf der Gemüseroute: Wenn Daniel Müller mit der Kuhglocke läutet, wissen die Leute, dass frisches Gemüse und Obst wartet...
...ihm gefällt der Kontakt mit den Kunden. Es sei eine Abwechslung zur Arbeit auf dem Hof.
Walter Sachs ist seit 14 Jahren Stammkunde und kaufte schon bei Müllers Grossvater ein.
Anne-Käthi Rutz freut sich darüber, dass die Plastikverpackung hier entfällt.

Daniel Müller Gemüsetraktor

Claudio Thoma

Der Himmel erstrahlt in einem zarten Rosa. Die Morgenluft ist frisch. Kinder sind auf dem Weg zur Schule. Erwachsene verlassen eilig die Häuser. Auf der engen Quartierstrasse kreuzen sich gerade ein gelbes Postfahrzeug und ein Lieferwagen, als eine Kuhglocke ertönt. Eine Frau rennt im Pyjama und barfuss aus einem Gebäude dem Geläut entgegen. Daniel Müller steht am Rande der Ackersteinstrasse in Höngg mit seinem Traktor und Anhänger und schiebt die graue Blache auf dem Anhänger zur Seite.

Zahlreiche Gemüse und Obst kommen zum Vorschein. Rüebli, Randen, Kartoffeln, Salate, Kürbisse, Sellerieknollen, Tomaten, Lauche, Bohnen, Kohlrabi, Zwetschgen, Äpfel und Birnen liegen fein säuberlich in Kisten bereit. Auf dem Wagen finden sich aber auch Zwiebeln, Peterli, Blumensträusse, Süssmost, Traubensaft, Wein, Tomatensugo, Eier, Konfitüre und Sirup. Die Frau im Schlafanzug drückt Müller Münz in die Hand und tippelt mit zwei grossen Salatköpfen zurück Richtung Haus. «Ich bin gerade erst aufgestanden», sagt sie lachend und schliesst die Tür hinter sich.

Jeden Dienstagmorgen verkauft der Weininger Bauer Müller seine Erzeugnisse in der Stadt Zürich – und dies nicht auf einem Markt, sondern in den Quartierstrassen von Höngg und Wipkingen. Er fährt mit dem Traktor vom Rebbaudorf sozusagen direkt zu seinen Kunden vor die Haustür. «Auf meiner Route mache ich an 20 Standorten Halt», sagt der 41-Jährige. Um 7.30 Uhr am Morgen geht es los. «Später will ich nicht abfahren. Es könnte Stau haben», sagt Müller und setzt die Ohrenschützer auf.

Schlange im Morgenverkehr

Müllers 30 Kilometer pro Stunde schneller Traktor sorgt im Morgenverkehr für eine Schlange. Wenn möglich überholen die Autofahrer den Bauern. Müller nimmt es gelassen: «Ich lasse mich davon nicht stören. Viel schneller kann man am Morgen sowieso nicht fahren.»
Nach einer Viertelstunde Fahrt ist das erste Ziel erreicht.

Wenn Müller mit der Glocke läutet, wissen die Leute, dass der Bauer vorgefahren ist. Und so geht es nicht lange, bis die Anwohner mit Körben, Jutesäcken und Einkaufstaschen auftauchen. «Ich hätte gerne Bohnen», sagt Walter Sachs, der mit seiner Familie direkt im Haus hinter dem ersten Stopp wohnt. «Stangenbohnen oder Höckerli», fragt Müller. Sachs zeigt auf die sattgrünen Stangenbohnen und Müller legt das Gemüse auf die Waage. «Wir achten auf frische Ernährung, deshalb kommt uns dieses Angebot sehr gelegen», sagt Sachs. Die Ware in den Supermärkten liege teilweise tagelang herum und habe schon alle Vitamine verloren. «Hier weiss ich, was ich kriege. Das Angebot trifft den Nerv der Zeit. Urban Gardening ist gerade total in.»

Stammkunde seit 14 Jahren

Und auch der Geschmack stimme. «Zwischen den herkömmlichen Tomaten und denen aus Weiningen liegen Welten», sagt Sachs. Auch für seine Kinder, die in der Stadt aufwachsen, sei es schön, dass der Bauer mit dem Traktor vorbeikomme. Bereits seit 14 Jahren ist er Stammkunde. «Ich habe schon bei Daniel Müllers Grossvater eingekauft», sagt er und geht mit einem prall gefüllten Korb zurück ins Haus.

Der Direktverkauf in Zürich ist nämlich keine neue Marketingstrategie, die sich Müller ausgedacht hat, als er den Hof 2011 von seinem Vater Hans übernommen hat. «Ich führe eine Familientradition weiter. Mein Grossvater Jakob begann vor 70 Jahren damit. Zuerst zu Fuss, dann zu Pferd und später mit dem Traktor. Vor fast 20 Jahren übernahmen mein Vater und ich», erzählt Müller. Er könne sich noch daran erinnern, als er als Kind in den Schulferien auf dem Traktor mitgefahren sei. «Das war immer ein Riesenplausch.»

Zu Zeiten seines Grossvaters sei es üblich gewesen, dass die Bauern ihre Erzeugnisse in der Stadt verkauften. «Damals gab es noch nicht so viele Grossverteiler.» Was sich auch verändert habe, sei das Angebot und die Menge. «Ich kann mich noch erinnern, dass mein Grossvater hauptsächlich Kartoffeln und Äpfel und weniger sonstiges Gemüse verkaufte, dafür in grösseren Mengen. Heute ist es eine Seltenheit, dass ich mehr als fünf Kilo verkaufe.» Auch die Frequenz habe sich reduziert. «Heute gehe ich jeden Dienstag und mein Vater am Samstag. Früher fuhr der Grossvater viermal die Woche in die Stadt.» Einbussen gab es für die Müllers deswegen aber nicht. «Die Leute kaufen grundsätzlich mehr ein, wenn sie wissen, dass man nur einmal oder zweimal vorbeikommt.»

Es geht weiter. Müller steuert auf den nächsten Standort zu. Er gibt sich Mühe, den Traktor samt Anhänger so in den Quartierstrassen abzustellen, dass der Verkehr nicht beeinträchtigt wird. Damit Müller in der Stadt sein Gemüse und Obst absetzen kann, muss er eine Marktkarte für 30 Franken im Monat lösen. Das sei bedeutend günstiger als die Gebühren für Standplätze an einem Markt.

Verpackung fällt weg

Anne-Käthi Rutz, die eine Minute entfernt vom zweiten Standort lebt, nutzt die Gelegenheit, vor der Haustür Besorgungen zu machen. «Normalerweise arbeite ich zu dieser Zeit. Deshalb freue ich mich, dass es heute klappt.» Ein Kilo Zwetschgen wandert in ihren Korb, Randen und Kohlrabi folgen. «Drei Blumensträusschen dürfen auch nicht fehlen», sagt sie. Ihr gefallen der persönliche Kontakt und die gute Qualität der Produkte. Ein weiteres Plus: Die Verpackung fällt weg. Dieser Plastik überall um die Lebensmittel ärgere sie. So habe sie weniger Abfall. «Wenn ich Bekannten erzähle, dass es in der Stadt Zürich so ein Angebot gibt, können sie es kaum glauben», sagt Rutz.

Auch wenn die Familie Müller schon seit Jahren durch die Stadt tourt, gewinnt sie immer wieder neue Kunden. So auch an diesem Dienstagmorgen. Dong-Hee Kim ist vor ein paar Tagen an die Ackersteinstrasse gezogen und hört die Kuhglocke zum ersten Mal. Als sie den Bauern mit dem Gemüse vor dem Haus gesehen hat, ist sie sofort rausgekommen. «Das ist genial», sagt Kim und kauft Lauch und Sellerie. «Den Lauch koche ich heute mit Hörnli für meine Kinder.»

Schnell über die Strasse laufen

Besonders Mütter scheinen das Angebot zu begrüssen. «Ich kann schnell mit meinem Kind über die Strasse laufen und muss nicht in den Supermarkt gehen. Das ist toll», findet Aline Vonlanthen. Im Arm hält sie ihren 15 Monate alten Sohn Luan. Der interessiert sich mehr für den Traktor als für das frische Gemüse. «Für ihn ist es etwas ganz Besonderes, wenn der Traktor im Quartier vorfährt», sagt Vonlanthen.

Gegen 13.30 Uhr beendet Müller seine Tour und kehrt zurück nach Weiningen auf den 24 Hektaren grossen Hof, den er mit seiner Frau und seinen Eltern betreibt. Mit dem Verdienst durch den Direktverkauf ist Müller zufrieden. «Es reicht nicht für einen hohen Stundenlohn, aber wir können davon leben», sagt er. Denn zu berücksichtigen sei nicht nur der Verkauf, sondern die ganze Vorbereitung, wie etwa das Bereitstellen und Verpacken der Ware, das Anpflanzen, Säen und Giessen.

Für Müller ist der Verkauf aber eine schöne Abwechslung zu seiner Arbeit auf dem Betrieb. «Der Kontakt mit den Leuten macht mir Spass.» Zudem erhalte er Feedback von den Kunden. «Unsere Produkte werden geschätzt. Das ist eine Genugtuung für die harte Arbeit», sagt Müller. Ob seine drei Kinder die Tradition weiterführen werden, weiss er nicht. Das sei noch zu früh. Sie sind zwischen zwei bis sechs Jahre alt. «Freuen würde es mich schon, aber erzwingen kann man nichts.»