Limmattal
«Digital Natives» wissen wenig über die Gefahren neuer Medien

Facebook, Whatsapp und Co. sollen stärker in den Unterricht einfliessen. Deshalb werden die neuen Medien auch im Lehrplan 21 integriert.

Senada Haralcic
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«Digital Natives» wissen zwar viel über die Nutzung – jedoch zu wenig über die Gefahren neuer Medien.

«Digital Natives» wissen zwar viel über die Nutzung – jedoch zu wenig über die Gefahren neuer Medien.

zvg

Nicht nur Erwachsene, auch Kinder und Jugendliche stellen immer wieder freizügige Fotos von sich ins Netz und spüren dann die Konsequenzen für ihr leichtsinniges Handeln. Rund sechs Prozent der Jugendlichen, die an einer repräsentativen Umfrage von Pro Juventute teilgenommen haben, geben an, selber bereits erotische Fotos oder Videos von sich über das Mobiltelefon verschickt zu haben. «Auch mir sind leider Fälle bekannt, bei denen Kinder und Jugendliche aus Dietiker Schulen Opfer von Sexting und Cybermobbing wurden», sagt Gerold Schoch, Leiter der Schulabteilung der Stadt Dietikon. Die Schulleitung musste in solchen Fällen schon mehrere Male eingreifen: «Wir haben dann mit Jugendbeauftragten der Kantonspolizei und mit den Betroffenen Gespräche geführt und Massnahmen getroffen», so Schoch.

Jugendliche wachsen mit digitalen Technologien auf, weshalb sie auch «digital Natives» — also «digitale Eingeborene» — genannt werden. Zwar wissen viele Teenager sehr gut über die Nutzung von Social-Media-Plattformen Bescheid, das Bewusstsein für die damit verbundenen Gefahren sei aber trotzdem zu wenig vorhanden, wie auch Amtschef des Volksschulamts des Kantons Zürich Martin Wendelspiess erklärt: «Digital Natives haben nicht zwingend Kenntnisse von Urheber- und Nutzungsrechten», sagt er. Gemäss Lehrplan des Kantons Zürich werden «Social Media Dienste» deswegen auch im Unterricht behandelt. So werde dann beispielsweise im Fach Deutsch die Sprache der Werbung auf Social Media-Plattformen thematisiert: «Auf diese Weise können Lehrpersonen auch auf Risiken aufmerksam machen», erklärt Wendelspiess.

Auch Pro Juventute setzt sich mit diversen Kampagnen und Projekten dafür ein, Jugendliche und Kinder über die Risiken der Nutzung von digitalen Plattformen aufzuklären. «Wir besuchen Schulklassen und sprechen mit ihnen über ihren Mediengebrauch», sagt Laurent Sédano, Medienexperte bei Pro Juventute. Bei seinen Schulbesuchen habe auch er festgestellt, dass zu wenig über die Gefahren von neuen Medien bekannt ist: «Manchen fehlt schon das Grundwissen. So wissen etwa viele Jugendliche nicht, dass ihre Whatsapp-Chats auf amerikanischen Servern gespeichert werden — und somit auch ein Teil ihrer Privatsphäre», so der Medienexperte.

Gefahren im Netz: Was ist Sexting?

Der Ausdruck Sexting setzt sich aus den Wörtern «Sex» und «texting» zusammen. Darunter wird der Austausch von intimen Selbstaufnahmen über Internet oder Smartphone verstanden. Die intimen Fotos werden einer bestimmten Person oder einer Gruppe über Textnachrichten, Instant Messaging oder Social-Media-Plattformen zugänglich gemacht. Dabei lassen sich Jugendliche manchmal unbewusst durch Gruppendynamik beeinflussen oder unter Druck setzen.

Mit Eltern reden

Pro Juventute setze sich mit ihren Kampagnen auch dafür ein, dass vermehrt Gespräche mit Eltern stattfinden: «Wir haben bei unseren Workshops bemerkt, dass Eltern offenbar wenig darüber wissen, wie ihre Kinder neue Medien nutzen und was sie dabei verschicken und veröffentlichen», so der Medienexperte. Erschreckend sei, dass es einige gibt, die es gar nicht wissen wollen. «Das ist ein grosser Fehler», sagt Sédano.

Auch in der repräsentativen Umfrage von Pro Juventute aus dem Jahr 2013 geben sieben von zehn Personen an, dass mit Jugendlichen und Kindern in ihrer Familie und ihrem Umfeld selten oder nie über Risiken von Sexting gesprochen wird. «Genau da wollen wir ansetzen», sagt Sédano. Es gehe Pro Juventute darum, sowohl Kinder als auch Eltern auf die Gefahren neuer Medien zu sensibilisieren. «Wenn im Haushalt offen über Sexting und Cybermobbing gesprochen wird, dann sind auch die Kinder besser über die Risiken informiert», erklärt Sédano seine Beobachtungen. Dort, wo sich Eltern vor der Thematisierung der virtuellen Welt verschliessen, sei offensichtlich auch die Ursache für leichtsinniges Handeln zu verorten: «Kindern und Jugendliche, die weder in der Schule noch zu Hause die Möglichkeit haben, über neue Medien zu sprechen, neigen eher dazu, solche Plattformen naiv zu nutzen», so der Medienexperte.

Medienkunde im Unterricht

In Zukunft sollen Facebook & Co. stärker in den Schulunterricht einfliessen. «Im Lehrplan 21 soll der Bereich ‹Medien sowie Informations- und Kommunikationstechnologie ICT› eine grössere Bedeutung erhalten», so Wendelspiess. In Dietikon ist die Schulabteilung ebenfalls mit dem Ausbau der New-Media-Thematisierung beschäftigt: «Wir sind daran, ein Konzept zu erarbeiten», sagt Gerold Schoch. Dabei soll die Medienkunde verbindlicher in den Unterricht einfliessen: «Im Fach Informatik soll dann nicht nur von PowerPoint, Excel und Word, sondern auch vom Umgang mit Medien und anderen Technologien die Rede sein.» Der Leiter der Schulabteilung betont die Bedeutung des technologischen Wandels: «Social Media ist zum täglich Brot geworden, davor kann man sich nicht verschliessen.»

«Strassen-Umfrage: Wie vorsichtig sind Sie im Umgang mit Social Media?»

Lukas Peyer, 18, Dietikon «Ich poste auf Facebook nur Musik und politische Beiträge. Ansonsten nutze ich die Plattform als Kommunikationskanal. Wenn ich von Freunden auf einem Foto markiert werde, schaue ich, dass ich darauf seriös wirke und nicht mit Alkohol zu sehen bin.»
4 Bilder
Jill Alemanni, 34, Dietikon «Ich habe vor kurzem alle meine Social-Media-Profile gelöscht, da ich diesen Seelenstriptease nicht länger ertragen konnte. Ich selbst war immer sehr vorsichtig. Diesen vernünftigen Umgang werde ich auch meinen Kindern mitgeben. Verbieten werde ich es ihnen nicht, da es zu dieser Generation gehört.»
Arwes Mena, 22, Dietikon «Mir ist eigentlich egal, was ich poste, solange es lustig ist. Bei Nacktfotos ziehe aber auch ich die Grenze. Natürlich achte ich auch darauf, welche Bilder von mir von Freunden hochgeladen werden. Ganz will ich meinen guten Ruf nicht verlieren.»
Melanie Kraus, 32, Bergdietikon «Ich habe nur Instagram, alles andere empfinde ich als unnötig. Bei den Bildern, die ich veröffentliche, passe ich auf, dass man weder mich noch Familienmitglieder erkennt. Das ist für mich etwas Persönliches und gehört nicht ins Internet.»

Lukas Peyer, 18, Dietikon «Ich poste auf Facebook nur Musik und politische Beiträge. Ansonsten nutze ich die Plattform als Kommunikationskanal. Wenn ich von Freunden auf einem Foto markiert werde, schaue ich, dass ich darauf seriös wirke und nicht mit Alkohol zu sehen bin.»

Carolin Teufelberger