Gleis 21

Dietikon wird zur Slam-Poetry-Hauptstadt: Warum sich die Schweizer «Crème de la Slam» hier trifft

Hat das Potenzial der Slampoetinnen und -poeten früh erkannt: Agenturinhaberin Lisa Roth.

Hat das Potenzial der Slampoetinnen und -poeten früh erkannt: Agenturinhaberin Lisa Roth.

Am Freitagabend feiert sich die Schweizer Slam-Poetry-Szene am «Crème de la Slam» im Gleis 21.

Es ist ein Gipfeltreffen der Slam-Poetry-Szene und ein Jubiläumsfest zugleich: Wenn sich an diesem Freitagabend die «Crème de la Slam» im Kulturhaus Gleis 21 einfindet, ist das der Agentur «dreh & angel. GmbH» aus Trogen in Appenzell Ausserrhoden geschuldet, die in Dietikon ihr zehnjähriges Bestehen feiert. «Dietikon ist mit seiner Lage ein zentraler Ort. Die Gäste reisen aus der ganzen Schweiz an», sagt Lisa Roth, Gründerin und Inhaberin der Agentur. Das Team vom Gleis 21 kennt sie gut. «Wir sind befreundet und daher ist es natürlich schön, dort zu feiern.»

Ihre Agentur ist mit der Spoken-Word-Szene gewachsen. Vorher war diese Form der Bühnenliteratur eine Nische; Menschen, die auf die Bühne stehen und einen selbst verfassten Text, sei es ironisch oder satirisch, zum Besten geben, fand man selten auf Kleinkunstbühnen. Stattdessen trafen sich die sogenannten Slam-Poeten zu Poetry-Slams, was nichts anderes als Dichterwettbewerbe bedeutet. Dort konnten sie sich in wenigen Minuten beweisen.

Es war die Zeit, als Roth mit der Spoken-Word-Szene in Kontakt kam. «Mein damaliger Lebensgefährte ist ein Wortkünstler, also besuchte ich mit ihm alle möglichen Veranstaltungen.» Diese Kunstform faszinierte sie, und Roth begann, sich als Fotografin für solche Wettbewerbe zu empfehlen. «Damals gab es nur wenige Fotos von Poetry-Slams, also sprang ich in die Bresche.» So entstand auch nach und nach ihr Wunsch, eine Agentur zu gründen, die Slam-Poetinnen und -poeten vertritt. «Ich wusste, dieses Potenzial sollte man nutzen und mit Professionalität unterstützen», so Roth.

Die erste Agentur für Slam-Poeten

Zunächst war die Agentur bei ihrer Gründung eine Edition der Firma Wirkpunkt in St. Gallen. «Ich war einfach gespannt, was sich daraus entwickelt», sagt Roth. «dreh & angel. GmbH» war landesweit die erste Agentur ihrer Art und startete mit drei Künstlern, die heute zu den ganz Grossen der Szene gehören: Lara Stoll, Gabriel Vetter und Renato Kaiser.

Letzterer sagt über diese Zeit: «Wir alle waren grün hinter den Ohren, aber das gemeinsam. Wir waren nicht voreingenommen, haben zusammen viel gelernt und sind über die Zeit nicht nur Geschäftspartner, sondern auch Freunde geworden.»

Schon zwei Jahre nach der Gründung gewann Roth gemeinsam mit Richi Küttel, dem Geschäftsführer von Wirkpunkt, den Förderpreis der internationalen Bodenseekonferenz für die Vermittlungstätigkeit im Bereich Literatur. «Ab dann ging es richtig los», sagt Roth. Zum einen zahlte es sich aus, dass sie in der Szene vernetzt war, zum anderen gewannen Poetry-Slam-Poeten immer mehr an Boden, fanden raus aus der Nische und hinauf auf die Kleinkunstbühnen.

Gabriel Vetter konnte von diesem Schwung profitieren. «Die Szene hat sich professionalisiert und die Strukturen sind stabiler», sagt er. Dass Verlage und Personen wie Roth die Wichtigkeit der Spoken-Word-Szene frühzeitig erkannt und gefördert haben, habe viel zum heutigen Erfolg des Slam-Poetry beigetragen, erklärt Vetter, der sich mittlerweile als «passives Mitglied» der Slamszene bezeichnet. Er arbeitet heute mehrheitlich als Autor und Journalist und ist in der Late-Night-Show «Deville» in unterschiedlichen Rollen zu erleben.

Auch Kaiser hat dem professionellen Management von Roth viel zu verdanken. «Es wäre grundsätzlich ohne eine Agentur für mich nicht möglich gewesen, die administrative Arbeit selbst zu bewältigen.» Darüber hinaus habe ihn die Agentur in seinem kreativen Schaffen stets tatkräftig unterstützt. «Dies auch mit inhaltlichen Inputs und nötiger Kritik», sagt Kaiser. Mit diesem Support im Rücken hat er den Sprung ins Radio und Fernsehen vollbracht. «Die Erfahrung hat gezeigt, dass wir Spoken-Word-Künstlerinnen und -Künstler nicht nur viel Freude an Radio und Fernsehen haben, sondern auch, dass wir uns gut dafür eignen.»

2017 wurde die Agentur zu einer eigenständigen GmbH und hatte mit Kilian Ziegler, Bänz Friedli, Etrit Hasler und dem Trampeltier of Love weitere Künstler an Bord. Und Roth arbeitet heute mit drei weiteren Kolleginnen in einem Team, das die Künstler betreut. Und weitere Namen könnten dazukommen. «Um eine Künstlerin oder einen Künstler zu vertreten, muss ich herausfinden, ob sie oder er das Potenzial hat, um einen ganzen Abend zu bestreiten und ob der Funke überspringt.»

Es sei eine Tatsache, dass die Spoken-Word-Szene noch von Männern dominiert wird, sagt die Agentur-Inhaberin. «Es wäre wünschenswert, wenn sich mehr Frauen in dieser Szene beweisen würden, aber das lässt sich nicht erzwingen.» Sollte sie auf eine solche treffen, gelten aber die gleichen Bedingungen wie bei Männern, um sie zu vertreten. «Am Ende des Tages ist es das Talent, das zählt, und nicht das Geschlecht.»

Trotz Erfolgen: Es bleibt eine spezielle Kunst

Eine Frau, die Roth begeistern kann, ist Lara Stoll. Auch sie ist seit der Gründung mit dabei. Obwohl sie an keinen Wettbewerben mehr teilnimmt und sich zunehmend auf Film- und Musikprojekte konzentriert, ist sie der Szene sehr verbunden. «Poetry-Slams sind ein tolles Sprungbrett und meiner Meinung nach eine der besten Schulen, um unterhaltendes Schreiben zu erlernen.» Sie fühle sich aber noch immer sehr wohl, wenn sie im Rahmen von etwa fünf Minuten kurze Geschichten und Anekdoten vorlesen kann. «Das habe ich für meine Bühnenprogramme so beibehalten.

Von einer Mainstream-Kunst könne man aber trotz des Erfolges vieler Slam-Poetinnen und -Poeten nicht sprechen. «Slam-Poetry zieht noch nicht die grossen Massen ins Theater, aber das ist vielleicht auch ganz gut so», sagt Roth.

Der Jubiläumsanlass im Gleis 21 ist aber längst ausverkauft und der Höhepunkt der Feierlichkeiten für die Agentur. «Wir haben bereits eine interne Feier mit unseren Poeten und weiteren Involvierten abgehalten», so Roth. Ein weiterer Anlass mit einem Bingo-Sonntag folgte und nun ist es die «Crème de la Slam» in Dietikon, bei der fast alle Schützlinge der Agentur auftreten. Wie, das weiss Roth nicht, denn der Abend ist eine Überraschung für die Gründerin. «Ich bin gespannt, was sie vorhaben», sagt Roth.

Von einem Geschenk weiss sie allerdings schon – jenem von Kaiser. Dieser sagt: «Ich schenke der Agentur mich und ich schenke mir die Agentur. Man sagt ja immer, etwas Selbstgemachtes ist immer das schönste Geschenk. Und wir haben schliesslich das, was wir erreicht haben, zusammen selbst gemacht.»

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