Dietikon
Wenn die letzte finanzielle Stütze wegbricht: Temporäre Arbeitsstellen haben drastisch abgenommen

Arbeiten im und ums Haus werden in Homeoffice-Zeiten oft selbst erledigt. Darunter leiden Temporärangestellte, die auf einen Zustupf angewiesen sind. Zwei Dietiker Auftragsvermittler erzählen.

Lydia Lippuner
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Im temporären Arbeitsmarkt stehen die Segel auf halbmast: Arbeitswillige gäbe es genug, doch den Arbeitsvermittlungsbüros fehlen die temporären Arbeitsstellen.

Im temporären Arbeitsmarkt stehen die Segel auf halbmast: Arbeitswillige gäbe es genug, doch den Arbeitsvermittlungsbüros fehlen die temporären Arbeitsstellen.

Oberhaeuser / imago stock&people

Ein Zustupf, der dabei hilft, besser über die Runden zu kommen: Das suchen die meisten temporär Angestellten in ihren Arbeitsstellen. Die Coronapandemie hat aber dazu geführt, dass diese finanzielle Stütze aus ihrem Leben wegbricht. «Aktuell spüren wir die grössere Notlage der Bewerbenden, die oft noch nicht beim Sozialamt gemeldet sind», sagt Marco Abrecht. Er leitet die sozialen Auftragsvermittlungen von Etcetera, die auch in Dietikon einen Standort haben. Das Angebot der Zürcher Sektion des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks (SAH) vergibt Haus-, Putz und Gartenarbeiten an Menschen, die vorübergehend erwerbslos sind oder keine feste Arbeitsstelle haben. Momentan seien zwar viele arbeitswillige Hände da, doch es fehle an der Arbeit. Albrecht sagt:

«Die Arbeitsangebote im temporären Arbeitsbereich nahmen in den letzten Monaten stark ab.»

Besonders die Aufträge im und ums Haus seien weggefallen, sagt er. «Aufgrund der Coronapandemie sind die Arbeitgeber zurückhaltender. Viele warten im Moment noch ab, bevor sie eine neue Person in ihrem Haushalt haben möchten.»

Mit der Homeoffice-Pflicht kümmern sich zudem viele Leute neben ihrer Arbeit gleich selbst ums Entsorgen, Waschen oder Putzen. Zuvor seien solche Tätigkeiten eher an eine externe Person vergeben worden. «Diese Arbeiten können gut von Personen ohne Berufsausbildung oder mit schwachen Deutschkenntnissen erledigt werden», sagt Abrecht. Nun fehlen diese Aufträge auf dem sowieso schon dünn besäten Arbeitsmarkt.

Besonders Frauen sind auf die Stellen angewiesen

«Etwa 70 Prozent unserer Temporärarbeitenden sind Frauen, die in einer aussergewöhnlichen Lage sind», sagt Abrecht. Damit meint er beispielsweise Alleinerziehende oder ausgesteuerte Personen ohne regelmässiges Einkommen. Sie setzen für einen Zusatzverdienst auf temporäre Anstellungen. «Bei einigen Frauen hat der Ehemann die Stelle verloren oder befindet sich in Kurzarbeit. Nun versuchen die Frauen Geld zu verdienen, während der Ehemann zu den Kindern schaut», so Abrecht. Doch weil die Frauen oft nicht gut Deutsch sprechen und es ihnen an der Arbeitserfahrung fehlt, sei die Stellensuche besonders schwer für sie.

Frauen wie Rosilene Hagnauer arbeiten bei der Sozialen Auftragsvermittlung Etcetera.

Frauen wie Rosilene Hagnauer arbeiten bei der Sozialen Auftragsvermittlung Etcetera.

Archivbild: Severin Bigler / LTA

Zurzeit gehen auf dem Dietiker Büro rund zehn Anfragen pro Monat für Temporärstellen ein. «Wir merken einen Anstieg der Anfragen», sagt Abrecht. Er hoffe, dass sich mit dem anbahnenden Frühlingswetter neue Arbeitsmöglichkeiten im Garten ergeben und die Frauen und Männer so wieder einen Zusatzverdienst erhalten. Das sei jedoch auch noch unsicher, denn im Lockdown im Frühjahr 2020 erledigten viele Menschen ihre Gartenarbeit selbst. «Ich hoffe, dass sich dies mittlerweile ein wenig verändert hat», sagt er. So gäbe es einige Gelegenheitsjobs mehr, die den Arbeitssuchenden statt Armut ein Stück Sicherheit bieten könnten.

Von 50 nur noch rund 20 Angestellte vermittelt

Auch andere Temporärbüros wie das Opus Personalvermittlungsbüro in Dietikon spüren, dass es weniger Temporärstellen auf dem Markt gibt. «Wir merkten bereits vor der Pandemie einen Rückgang. Dieser verstärkte sich in den letzten Monaten zunehmend», sagt Opus-Inhaber Marc Portmann.

Wie sich der Markt der Temporärstellen in den nächsten Monaten entwickelt, sei schwierig vorauszusehen. «Ich denke aber nicht, dass es besser kommt. Die wirtschaftlichen Folgen für die Unternehmer und die psychischen Folgen für die Arbeitnehmer werden sich erst noch zeigen», sagt er. Für den Vermittler von Temporärstellen ist das Geschäft in den letzten Monaten immer heikler geworden. Denn er muss den temporären Angestellten den Lohn jeweils im Voraus bezahlen. Entwickelt sich ein Unternehmen, bei dem die vermittelten Personen arbeiten, schlecht, kann das heissen, dass er dabei sein Geld in den Sand setzt. «Wir haben unsere Erfahrungen gemacht und wollen das Risiko nun möglichst gering halten», sagt Portmann. Er habe das Geschäft in den letzten Monaten heruntergefahren und vermittle aktuell nur noch rund 20 statt wie in guten Zeiten 50 Personen. Zurzeit investiere er dafür stärker in sein neues Coaching-Unternehmen, das vorwiegend junge Menschen beim Start ins Berufsleben begleitet.

Der Branchenverband schlägt Alarm

Das Temporärgeschäft ist im letzten Jahr infolge der Coronakrise schweizweit um rund 14 Prozent zurückgegangen. Der grosse Einbruch von rund 23 Prozent während des ersten Lockdown erholte sich über das Jahr wieder langsam und lag im vierten Quartal noch bei rund zehn Prozent. Dies teilte der Dachverband der Temporärangestellten Swiss Staffing Ende Januar mit.

Die leicht positive Entwicklung über den Jahresverlauf sei einerseits auf Auftragsspitzen in der Logistik zurückzuführen und andererseits auf die hohe Unsicherheit der Unternehmen, die nun teilweise auf flexible Arbeitskräfte statt auf Festanstellungen setzen. Insgesamt falle die Zahl der von den Temporärarbeitenden geleisteten Einsatzstunden dennoch auf den tiefsten Wert seit dem Messbeginn im Jahr 2012.