Dietikon
Zuerst verliert sie ihren Sohn, dann wird sie vergewaltigt: Der Richter tut sich schwer mit diesem Urteil

Vor dem Bezirksgericht Dietikon musste sich ein 36-Jähriger wegen Vergewaltigung, sexueller Nötigung und Schändung verantworten.

Martin Rupf
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Der Richter sagte: «Wir haben es hier mit einem ganz üblen Fall zu tun.»

Der Richter sagte: «Wir haben es hier mit einem ganz üblen Fall zu tun.»

Severin Bigler
(Dietikon, 13. Dezember 2021)

Wie grausam kann das Leben sein und was kann ein Mensch alles aushalten? Diese Fragen drängen sich im Fall von Ingrid (Namen geändert) unweigerlich auf. Nachdem die heute 44-Jährige vor ein paar Jahren ihren Sohn bei einem Unfall verloren hatte, schlug das Schicksal vor knapp einem Jahr nochmals unerbittlich zu. Die junge Frau wurde von einem damals 35-Jährigen zuerst geschändet und nur wenige Wochen später auch noch vergewaltigt.

In Handschellen wurde Tariq am Donnerstagmorgen von zwei Polizisten in den Saal des Bezirksgerichts Dietikon geführt. Der sportlich gekleidete Mann nahm vor Richter Benedikt Hoffmann Platz. Weil der gebürtige Marokkaner mit italienischem Pass geständig und die Privatklägerin mit dem Urteilsvorschlag einverstanden war, konnte der Fall im abgekürzten Verfahren abgehandelt werden.

Laut Anklageschrift kam es Mitte Dezember 2021 zum ersten Übergriff. Ingrid habe sich wegen einer Covid-Erkrankung schon in einem sehr schlechten und schwachen körperlichen Zustand befunden. «Zudem litt sie aufgrund des Todes ihres Sohnes unter Depressionen und befand sich auch in einem sehr schlechten psychischen Zustand», heisst es weiter.

An besagtem Nachmittag habe sie in ihrer Wohnung nebst Antidepressiva und Pretuval ab 16 Uhr mehrere Teegetränke mit Wodka zu sich genommen. Stark angetrunken und müde, legte sie sich nach dem gemeinsamen Abendessen mit ihrem zweiten Sohn – damals 13 – und Tariq kurz nach 18 Uhr alleine ins Bett, wo sie immer wieder eingeschlafen sei. Wenig später setzte sich Tariq auf das Bett, wobei sich Ingrids Sohn ebenfalls im Schlafzimmer befand und schlief.

In der Folge habe sich Tariq hinter das Opfer gelegt und begonnen, sie am ganzen Körper zu berühren.

«Die Geschädigte war aufgrund ihrer schlechten physischen und psychischen Verfassung völlig zum Widerstand unfähig»,

heisst es in der Anklage weiter. Trotzdem sei Tariq ohne Kondom vaginal und anal in sein Opfer eingedrungen. Dabei habe er ganz genau gewusst, dass Ingrid nie in sexuelle Handlungen mit ihm eingewilligt hätte, zumal das Opfer einen Lebenspartner hatte. Durch das Ausnutzen ihrer Widerstandsunfähigkeit habe sich Tariq der Schändung strafbar gemacht.

Weshalb reagierte die ­Kantonspolizei nicht?

Obwohl Ingrid in den kommenden Tagen Tariq mehrmals zu verstehen gab, dass sie keinen Kontakt mehr zu ihm wollte, habe dieser immer wieder Kontakt zu ihr aufgenommen. An einem Abend, Anfang Januar 2022, wählte sie schliesslich zweimal den Notruf der Kantonspolizei Zürich, um mitzuteilen, dass sie Angst habe vor dem Beschuldigten, der bereits wieder an ihre Wohnungstüre geklopft habe. Ob sie der Polizei vom ersten Vorfall im Dezember erzählt hatte und weshalb die Polizei auf ihre zwei Anrufe nicht reagiert hatte, konnte von Ingrid nicht in Erfahrung gebracht werden, da sie der Verhandlung fernblieb.

Tatsächlich klopfte Tariq nur wenige Stunden nach den besagten Anrufen wieder an ihre Tür, woraufhin Ingrid diese öffnete, um ihm zu sagen, er solle sie und ihren Sohn in Ruhe lassen. Doch sie fand kein Gehör. Tariq drängte Ingrid in die Wohnung und bedrängte die unter Alkoholeinfluss stehende Geschädigte, indem er ihr immer näher kam.

Obwohl Ingrid mehrmals sagte, dass sie nicht wolle, dass er ihr näher komme, ignorierte Tariq dies und küsste das Opfer auf den Mund. Schliesslich stiess er Ingrid mit Gewalt auf das Bett und vergewaltigte sie, indem er sie zu Geschlechtsverkehr zwang – auch dieses Mal ohne Kondom. Wegen seiner gewaltsamen Handlungen und der Vergewaltigung habe habe die Geschädigte unter anderem einen schmerzhaften Bluterguss über dem rechten Rippenbogen und Schmerzen im Genitalbereich erlitten.

Richter: «Was sie getan haben, ist ganz, ganz übel»

Ob Tariq zu den Vorwürfen noch etwas zu sagen habe, wollte Richter Benedikt Hoffmann wissen. Der Angeklagte verneinte. Und so sprach das Gericht nach kurzer Beratung das Urteil: Wegen Vergewaltigung, sexueller Nötigung und Schändung setzte es für Tariq eine Freiheitsstrafe von 36 Monaten ab, wobei er nur deren 12 absitzen muss, die restlichen zwei Jahre sind auf Bewährung. Einen Grossteil dieser 12 Monate hat Tariq bereits in U-Haft und vorzeitigem Strafvollzug abgesessen. In rund zwei Monaten kommt er aus dem Gefängnis, wird aber für sieben Jahre des Landes verwiesen.

«Normalerweise gibt es bei abgekürzten Verfahren nicht viele Worte zu verlieren», sagte der Richter. Doch hier würden sich schon zwei, drei Worte aufdrängen. «Wir haben es hier mit einem ganz üblen Fall zu tun. Was sie getan haben, ist ganz, ganz übel», sagte Hoffmann mit scharfen Worten.

«Ohne abgekürztes Verfahren wäre der Schuldspruch viel härter ausgefallen – dann wäre auch ein teilbedingter Vollzug nicht möglich gewesen.»

Aber das sei halt der Preis eines abgekürzten Verfahrens, bei dem der An­geklagte geständig ist und sich mit der Anklageschrift und dem Urteilsvorschlag der Staatsanwaltschaft einverstanden erklärt. «Bald können sie das Gefängnis verlassen, müssen dann aber das Land verlassen. Und das ist auch richtig so», schloss der Richter die Ver­handlung.