Dietikon
Regierungsrat Martin Neukom und Experte Daniel Fischer stellen ihren neuen Massnahmenplan für Neophyten an der «(G)Artenvielfalt» vor

Der Kanton erklärte in der Ausstellung (G)Artenvielfalt neben der Dietiker Stadthalle, wie invasive Exoten am besten zu bekämpfen sind. Eingeflossen in den neuen Bericht sind Erkenntnisse aus einem Pilotprojekt im Reppischtal.

Lukas Elser
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Regierungsrat Martin Neukom und Daniel Fischer, Leiter Sektion Biosicherheit des Awel in der Dietiker Ausstellung «(G)Artenvielfalt».

Regierungsrat Martin Neukom und Daniel Fischer, Leiter Sektion Biosicherheit des Awel in der Dietiker Ausstellung «(G)Artenvielfalt».

Valentin Hehli

Daniel Fischer schiebt seine Hand durch die Gitterstäbe, die den Neophyten symbolisch am Ausbruch hindern sollen. Er zieht ein Blättchen des Sommerflieders hervor und streckt es den versammelten Medienleuten entgegen:

«Sehen Sie? Es ist steril. Normalerweise müsste das Blatt überall Fressspuren aufweisen.»

Ist doch toll, könnte der Hobbygärtner jetzt meinen. Endlich eine Pflanze, die mit ihren violetten Blüten nicht nur schön aussieht, sondern auch nicht gefressen wird.

Für Fischer aber stellt der Strauch ein Problem dar. Den Schmetterlingen bringe er nämlich nichts. Raupen – und das seien Schmetterlinge während 90 Prozent ihrer Lebenszeit – würden die Blätter nämlich nicht als Nahrung dienen. Und weil die eingeschleppte Pflanze sich besonders stark ausbreite, nehme sie den einheimischen, die für die Tiere nahrhaft wären, den Platz weg.

Das paradoxe Ergebnis: Den Schmetterlingen – die sie ironischerweise anzieht – bringt die Pflanze in letzter Konsequenz den Tod.

Neophyt hinter Gittern.

Neophyt hinter Gittern.

Valentin Hehli

Es geht auch ohne aufdringliche Eindringlinge

Fischer ist Leiter Sektion Biosicherheit des Amts für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awelt). Er ist zusammen mit dem Regierungsrat Martin Neukom (Grüne) nach Dietikon gekommen, um in der Ausstellung «(G)Artenvielfalt» erstmals den neuen «Massnahmenplan Neobiota 2022 bis 2025» des Kantons vorzustellen. Er soll Kanton, Gemeinden und Privaten als Grundlage für den Umgang mit Neophyten dienen.

Die «(G)Artenvielfalt» ist ein Projekt, das der Gärtnermeisterverband des Kantons Zürich vor zwei Jahren mit mehreren Unternehmen und in Zusammenarbeit mit dem Kanton und der Stadt Dietikon auf einer Fläche neben der Stadthalle initiiert hat. Es soll zeigen, dass schöne Gärten auch ohne Exoten möglich sind.

Die Ausstellung «(G)Artenvielfalt» zeigt, dass es auch ohne Exoten geht.

Die Ausstellung «(G)Artenvielfalt» zeigt, dass es auch ohne Exoten geht.

Valentin Hehli

Und darum ging es Neukom und Fischer auch bei der Medienkonferenz am Montagmorgen: die Öffentlichkeit auf die Problematik der Neophyten zu sensibilisieren. Im Prinzip ist es simpel: Pflanzen, die hier nicht heimisch sind, können heimischen Arten den Platz stehlen.

Während Fischer durch den Garten führt, betont er allerdings:

«Das Problem sind nicht die fremden Pflanzen an sich. Problematisch sind sie nur dann, wenn sie auch invasiv sind.»

Fischers Schätzungen zufolge sind in die Schweiz bereits 20'000 fremde Arten eingeführt worden. Von diesen seien 2000 hierzulande überlebensfähig. Von 200 Arten wiederum wisse man, dass sie Probleme machen könnten und bei 20 seien die Probleme so gross, dass der Kanton Zürich aktiv etwas gegen sie unternehme.

Wenn man nämlich nichts gegen problematische Neophyten unternehme, werde man rasch von der Entwicklung eingeholt, lautete die Botschaft der beiden Herren. Es sei ähnlich wie bei Corona: Anfangs sieht es nach ein paar vernachlässigbaren Einzelfällen aus - doch weil die Ausbreitung exponentiell verläuft, hat man es in kurzer Zeit mit einem Vielfachen der ursprünglichen Fälle zu tun.

Das gilt selbstverständlich nicht nur für Pflanzen, sondern auch für Tiere, wie Baudirektor Neukom erklärt:

«Es genügt auch nur eine Quaggamuschel im See und schon haben wir praktisch keine Chancen mehr.»

Die Muschel kommt ursprünglich aus Südostasien und gelangte als blinder Passagier über Frachtschiffe nach Europa.

Der Klimawandel macht die Sache nicht leichter

Der Klimawandel habe das Problem zusätzlich verschärft, sagt Neukom weiter. Dies, weil bestimmte Arten, die sonst den Winter gar nicht überlebt hätten, unter den höheren Temperaturen besser gedeihen könnten. Im Kanton Zürich rechnet Awel-Experte Fischer derzeit mit zwölf Arten, die sich wegen des Klimawandels stärker ausbreiten könnten. Tendenz steigend.

Im Garten weisen Tafeln auf die Problematik von Neophyten hin.

Im Garten weisen Tafeln auf die Problematik von Neophyten hin.

Valentin Hehli

Ein prominenter Invasor, den Zürich zum Teil dem Klimawandel zu verdanken hat, ist die chinesische Hanfpalme. Das Gewächs, das ursprünglich aus dem Fernen Osten stammt, irgendwann ins Tessin geschleppt wurde und sich dort so ausgebreitet hat, dass man es mittlerweile auch schon als «Tessinerpalme» bezeichnet, wächst bereits auf dem Üetliberg.

Nur nicht zuwarten

Um das Neophytenproblem doch noch irgendwie in den Griff zu kriegen, hat der Kanton jetzt seine Strategie angepasst: Der Kampf gegen die Neophyten soll nicht mehr dort geführt werden, wo man sowieso keine Chancen mehr hat.

Im Kampf gegen die Götterbäume auf der Lägern, die sich teilweise über Hektaren ausgebreitet haben, müsse man sich wohl geschlagen geben. Dafür solle man die Kräfte auf Orte konzentrieren, wo es von einem Neophyt erst wenige Exemplare gibt - und ihm konsequent den Garaus machen, sodass er gar nicht erst zu wuchern beginnt.

Die neuen Erkenntnisse sind zum Teil auch das Ergebnis der beiden Pilotprojekte beim Pfäffikersee und im Reppischtal. Während vier Jahren hat der Kanton dort praktikable Massnahmen gegen Neophyten ausprobiert. Beide Versuche sind inzwischen abgeschlossen.

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