Dietikon
Alt-Ständerätin Monika Weber: «Die Männer betrachteten uns wie eine andere Gattung Mensch»

In einem Vortrag des Seniorenrats Dietikon sprach die ehemalige Zürcher Stände-, Kantons-, National- und Stadträtin Monika Weber über das Frauenstimmrecht und ihre Zeit als Politikerin.

Virginia Kamm
Drucken
Teilen
«Wichtig ist, dass unser Wille, für mehr Gerechtigkeit zu kämpfen, nicht verschwindet», sagte Monika Weber am Mittwoch im Stadthaus.

«Wichtig ist, dass unser Wille, für mehr Gerechtigkeit zu kämpfen, nicht verschwindet», sagte Monika Weber am Mittwoch im Stadthaus.

Severin Bigler

Als ehemalige Stände-, Kantons-, National- und Stadträtin kennt Monika Weber die hiesige Politiklandschaft bestens. Am Mittwochnachmittag sprach sie im Dietiker Stadthaus über das Frauenstimmrecht in der Schweiz, das sich 2021 zum 50. Mal jährte. Zwar fanden nur eine gute Handvoll Zuhörer den Weg in den Gemeinderatssaal, aber so konnte im Anschluss an den Vortrag eine interessante Diskussionsrunde entstehen. Weber sei politisch eine Frau der ersten Stunde, wie Organisator Peter Heinzer vom Seniorenrat sagte. Sie war nämlich unter den ersten sechs Frauen, die gleich 1971 in den Kantonsrat gewählt wurden. Von da an sass sie zwölf Jahre lang im Kantons-, fünf im National-, zwölf im Stände- und acht im Zürcher Stadtrat. Bis 1999 politisierte sie als Teil des Landesrings der Unabhängigen (LdU), später war sie parteilos. 2006 trat sie nicht mehr für die Wahlen an.

«Ich weiss noch, wie meine Eltern, meine Schwester, mein Grossvater und ich am 7. Februar 1971 gebannt um den Radio sassen und wissen wollten, ob das Frauenstimmrecht angenommen wurde oder nicht», erzählte Weber. 1959 sei das Frauenstimmrecht noch mit 66 Prozent abgelehnt worden. «Damals waren auch die Frauen in dieser Frage geteilt und viele Frauenorganisationen waren dagegen», erinnerte sie sich. Dass zwölf Jahre später über 65 Prozent der Männer Ja zum Frauenstimmrecht sagten, führt Weber auf verschiedene Faktoren zurück:

«In dieser Zeit kamen die Beatles, die Pille, die 68er-Bewegung und der Vietnamkrieg als Zeichen einer sich verändernden Welt.»

Wenn sie an ihre ersten Sitzungen als 27-Jährige im Kantonsrat denke, sehe sie sich von Zigarrenqualm umhüllt zwischen männlichen Ratskollegen sitzen, sagte Weber. «Wir Frauen wurden im Kantonsrat zwar geschätzt, aber die Männer betrachteten uns schon ein bisschen wie eine andere Gattung Mensch.» Sie hätte sich allerdings immer ernstgenommen gefühlt und die Männer seien am Empfinden der Frauen interessiert gewesen. Von da an seien viele Fortschritte hin zur Gleichstellung der Frau schnell gekommen, so zum Beispiel die Anpassung des Zivilgesetzbuchs, des Erb- oder des Scheidungsrechts.

Sie bewundere junge Eltern, die beide berufstätig seien und auch noch drei Kinder und den Haushalt unter einen Hut brächten, sagte Weber. Heute sei die Rollenteilung von Mann und Frau im Vergleich zu früher stark gelockert. Trotzdem findet Weber, dass wir noch lange nicht am Ziel der Gleichberechtigung sind: «Das ist ja auch das Interessante am Leben: Wir werden nie eine perfekte Welt haben», sagte sie.

«Wichtig ist, dass unser Wille, für mehr Gerechtigkeit zu kämpfen, nicht verschwindet.»

Eine stabile Innenpolitik ermögliche eine sinnvolle Aussenpolitik

Dass die Stimmbeteiligung heute oft nur bei 40 bis 45 Prozent liege, tue ihr weh, sagte Weber. «Ich will Menschen dazu ermuntern, sich für die Gesellschaft und die Politik zu interessieren.» Für die Zukunft wünscht sich Weber vor allem eins für die Schweiz: Stabilität. «Wir haben globale Aufgaben vor uns, die kein Land alleine meistern kann: den Klimawandel, die Migration, ungünstige Machtverhältnisse, Fake News und die Pandemie», sagte sie. Eine stabile Innenpolitik sei für eine sinnvolle Aussenpolitik notwendig. «Das erreichen wir durch eine Lösung der Probleme mit AHV und BVG, durch bezahlbare Mieten, eine gute Wirtschaft und genug Arbeitsplätze, Rechtsstaatlichkeit und eine gute Aus- und Weiterbildung», ist sie überzeugt.

Im Anschluss an den Vortrag teilten die Anwesenden eigene Erfahrungen mit Ungleichbehandlungen und Monika Weber erzählte von ihrer Zeit als aktive Politikerin.

Aktuelle Nachrichten