Dietikon
Ein düsteres Kapitel: Vor 222 Jahren kam der Krieg ins Limmattal

1799 wurde das Limmattal zum Kriegsschauplatz. In der Zweiten Schlacht bei Zürich bekämpften sich Franzosen und Russen auf Unterengstringer Boden. Eine neue Ausstellung im Ortsmuseum Dietikon erinnert an jene Ereignisse. Am Freitag wurde sie eröffnet.

Sandro Zimmerli
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Das Gemälde «2e Bataille de Zurich gangnée par le Général Masséna le 25 septembre 1799 » ist das Herzstück der Ausstellung. Die Familie von alt Stadtschreiber Eduard Gibel hat es dem Ortsmuseum Dietikon vermacht.

Das Gemälde «2e Bataille de Zurich gangnée par le Général Masséna le 25 septembre 1799 » ist das Herzstück der Ausstellung. Die Familie von alt Stadtschreiber Eduard Gibel hat es dem Ortsmuseum Dietikon vermacht.

Severin Bigler / © CH Media

Am Abend des 24. September 1799 haben französische Truppen unter der Führung von General André Masséna ihren Limmatübergang bei Dietikon vorbereitet. Tags darauf ging es im Morgengrauen los. Mit Booten überquerten sie den Fluss und überraschten die am anderen Ufer bei Unterengstringen stationierten russischen Einheiten. Die Zweite Schlacht bei Zürich hatte begonnen.

Am Freitag, exakt 222 Jahre nach den französischen Kampfvorbereitungen, versammelten sich rund 50 Gäste im Ortsmuseum Dietikon. Dort wurde die Ausstellung «Dietikon zwischen Revolution und Krieg 1799» eröffnet. Sie erinnert an jene für das Limmattal prägende und harte Zeit. Auch das Dietiker Herbstfest von heute Samstag steht im Zeichen der Franzosen. Das hat der Stadt die ein oder andere Kritik eingebracht. Dies, weil die Besatzung durch die französischen Truppen eine der dunkelsten Stunden Dietikons gewesen sei und man das nicht feiern sollte.

Viel Lob für die Ausstellungsmacher

Stadtpräsident Roger Bachmann lobte die Ausstellungsmacher.

Stadtpräsident Roger Bachmann lobte die Ausstellungsmacher.

Severin Bigler / © CH Media

«Man muss sich an historische Ereignisse erinnern, auch wenn sie schrecklich waren. Nicht zuletzt, um daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen», sagte Stadtpräsident Roger Bachmann an der Vernissage vom Freitag und lobte die Freiwilligen, die diese und weitere Ausstellungen im Ortsmuseum möglich machen.

Historiker Sven Wahrenberger orientierte über den Kontext der Schlacht.

Historiker Sven Wahrenberger orientierte über den Kontext der Schlacht.

Severin Bigler / © CH Media

Diese Freiwilligen, das sind die Mitglieder der Kommission für Heimatkunde. Sie haben eine interessante und reichhaltige Ausstellung über jene Ereignisse im Jahr 1799 gestaltet. Auch der Kontext, in dem diese kriegerische Auseinandersetzung auf Unterengstringer Boden stattfand, wird gezeigt. «Und es wird auch der schwierigen Situation für die einheimische Bevölkerung während der drei Monate langen Präsenz der fremden Truppen gedacht», sagte der Historiker Sven Wahrenberger, der ebenfalls im Ortsmuseum mitarbeitet. Es gebe also viel zu sehen und zu lesen, meinte Museumsleiterin Regula Stauber.

Museumsleiterin Regula Stauber führte durch die Vernissage.

Museumsleiterin Regula Stauber führte durch die Vernissage.

Severin Bigler / © CH Media

Prunkstück der Ausstellung ist ein Ölgemälde, das General Masséna in der Zweiten Schlacht bei Zürich zeigt. Das Bild gehörte dem 2011 verstorbenen alt Stadtschreiber von Dietikon, Eduard Gibel. 2019 haben seine Erben das Gemälde zusammen mit vielen anderen interessanten Objekten dem Ortsmuseum vermacht. «Die Vorlage des Masséna-Bildes befindet sich in der Schlachtengalerie von Versailles», erklärte Arthur Huber vom Ortsmuseum.

Arthur Huber vom Ortsmuseum erzählte von der Geschichte des Masséna-Gemäldes.

Arthur Huber vom Ortsmuseum erzählte von der Geschichte des Masséna-Gemäldes.

Severin Bigler / © CH Media

Nicht in Versailles, sondern an der Limmat in Dietikon erinnert der Masséna-Stein an die Ereignisse von damals. Und auch in Unterengstringen gibt es seit 2004 eine Gedenkstätte. Beim Gedenkstein in der Rüti oberhalb des Klosters Fahr wird seither jedes Jahr am 25. September im Beisein einer russischen Delegation mit einer Kranzniederlegung der gefallenen Kosaken gedacht.

Wie es zu dieser besonderen Beziehung zwischen Russland und Unterengstringen gekommen ist, erklärte Unterengstringens alt Gemeindepräsident Willy Haderer den Vernissagegästen. So hätte sich die Kosakenvereinigung 2001 zuerst an die Stadt Dietikon gewandt, dort aber zu hören bekommen, dass Unterengstringen der richtige Ansprechpartner sei. «Wir haben dann sofort kontakt aufgenommen», erzählte Haderer, der im Mai 2004 mit einer Delegation des Gemeinderates nach Moskau reiste, ehe die Gedenkstätte im darauffolgenden September mit einem grossen Fest eingeweiht werden konnte.

Unterengstringens alt Gemeindepräsident Willy Haderer erklärte den Anwesenden, wie die besondere Beziehung zu Russland zustande gekommen ist.

Unterengstringens alt Gemeindepräsident Willy Haderer erklärte den Anwesenden, wie die besondere Beziehung zu Russland zustande gekommen ist.

Severin Bigler / © CH Media

Weitere Schätze von Eduard Gibel werden gezeigt

Doch nicht nur die Franzosenzeit in Dietikon wird im Ortsmuseum erlebbar, sondern auch jene der frühen Eidgenossenschaft. Denn im zweiten Stock des Museums werden im Rahmen einer weiteren Ausstellung die in Leder gebundenen Schweizer Bilderchroniken aus dem 15. und 16. Jahrhundert von Benedikt Tschachtlan, Diebold Schilling und Werner Schodoler gezeigt. Es handelt sich um Faksimiles, also exakte Kopien der mittelalterlichen Originale. Sie gewähren einen Einblick in die Geschichte der Entstehung und Entwicklung der frühen Eidgenossenschaft. Wie das Masséna-Gemälde stammen auch sie aus dem Besitz von Eduard Gibel.

Auch die Faksimile-Bilderchroniken, die im Ortsmuseum gezeigt werden, gehörten alt Stadtschreiber Eduard Gibel.

Auch die Faksimile-Bilderchroniken, die im Ortsmuseum gezeigt werden, gehörten alt Stadtschreiber Eduard Gibel.

Severin Bigler / © CH Media

Musikalisch umrahmt wurde die Vernissage von den Tambouren der Stadtjugendmusik Dietikon. Für das leibliche Wohl sorgten unter anderem zwei Bierkreationen von Hansheiri Bachofen vom Ortsmuseum. Eine zweite Vernissage findet heute Samstag statt.

Franzosenpräsenz im Limmattal: So litt die Bevölkerung

Obschon die Ereignisse vom 25. September 1799 als Zweite Schlacht bei Zürich in die Geschichtsbücher eingingen, fand der Waffengang zwischen Franzosen und Russen auf Unterengstringer Boden westlich des Klosters Fahr statt. Die kriegerischen Auseinandersetzungen in jenem Jahr waren Teil des Zweiten Koalitionskrieges zwischen dem republikanischen, von Napoleon angeführten Frankreich und einer Koalition aus europäischen Monarchien, die versuchte, die französischen Expansionspläne zu zerschlagen und die alte Ordnung in Europa wiederherzustellen. Im Ersten Koalitionskrieg scheiterte dieses Unterfangen. Seinen Ursprung hatte der Konflikt unter den europäischen Grossmächten in der Französischen Revolution von 1789, die zu einer neuen Machtverteilung in Europa geführt hatte.

Mit der Besetzung der Alten Eidgenossenschaft durch französische Truppen im März 1798 wurde auch die Schweiz zum Kriegsschauplatz. In der Ersten Schlacht bei Zürich, die vom
2. bis 5. Juni 1799 tobte, gelang es österreichischen Truppen, die
in Zürich stationierten Franzosen hinter die Limmat zurückzudrängen, wo sie sich am Üetliberg und im Raum Altstetten verschanzten. Rund drei Monate lang standen sich die beiden Heere nun westlich von Zürich gegenüber.

Im Sommer wurden die österreichischen von russischen Truppen abgelöst. Ende August 1799 bezogen sie die Limmat­stellung. Am 25. September überraschte schliesslich der französische General André Masséna die Russen mit einem Angriff. So täuschte er mit einem Artilleriebeschuss des Klosters Fahr einen Übergang über die Limmat in der Nähe des Klosters vor. Zudem hatte er an der Limmat bei Brugg ebenfalls Vorbereitungen für einen Flussübergang vorgetäuscht. Der Übergang der Franzosen über die Limmat erfolgte jedoch bei Dietikon im Gebiet des heutigen Golfplatzes.

Im Morgengrauen setzten sie ihren Plan in die Tat um. Gegen 4.30 Uhr begann ihr Angriff. Mit Booten setzten die Franzosen über die Limmat und zwangen die russischen Truppen nach einem heftigen und blutigen Gefecht oberhalb des Klosters Fahr zum Rückzug. Die Zweite Schlacht bei Zürich war entschieden.

Vorräte geplündert, Äcker verwüstet, Wälder zerstört

Die Folgen der Präsenz der Franzosen im Limmattal waren für die einheimische Bevölkerung hingegen noch lange zu spüren. Denn die Besatzungszeit war ein düsteres Kapitel in der Geschichte der Region. Immer wieder wurden die Menschen zu Fronarbeiten für die fremden Truppen gezwungen. In und um Zürich mussten überdies Soldaten einquartiert und ernährt werden. So wurde etwa das damals 734 Einwohner zählende Urdorf von 1798 bis Ende 1799 mit 42100 Einquartierungstagen belastet. Einige Soldaten sollen es dabei sehr wild getrieben haben und ihren Gastgebern den Wein weggesoffen und die Vorratskammern geleert haben.

Mit solchen Kanonenkugeln wurde unter anderem das Kloster Fahr beschossen.

Mit solchen Kanonenkugeln wurde unter anderem das Kloster Fahr beschossen.

Severin Bigler / © CH Media

Auch in der Landschaft hinterliessen die Franzosen ihre Spuren. In Albisrieden etwa klagte man darüber, dass die Soldaten für ihre Mannschaftsbaracken Tannenrinden verwendeten, was zum Absterben der Bäume führte. Auch aus Uitikon und Ringlikon wurden ruinierte Tannenwälder gemeldet. Zudem waren die Äcker dort so verwüstet, dass an eine Getreideernte nicht zu denken war. Aus Spreitenbach wurden ebenfalls Verwüstungen gemeldet. Dort nahmen sich die Soldaten, was sie brauchten, etwa Werkzeuge oder Kartoffeln, die sie aus dem Boden ausgruben. Sie plünderten die Vorratskammern der Bauern und bemächtigten sich ihrer Tiere. (zim)

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