Dietikon
Zusammen ins Beet: Auf dem Fondlihof darf sich jeder und jede die Hände schmutzig machen

Die Hofkooperative Ortoloco bietet ihren über 600 Mitgliedern eine Alternative zum Heimgärtnern. Vom Ernten übers Jäten bis zum Ausliefern der Waren ist der ganze Hof komplett selbstorganisiert. Für die Beteiligten ist die Arbeit ein Ausgleich zum Alltag im Büro.

Sven Hoti
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Tänzerin und Kindergärtnerin Linda Trolese und Agrarökonomin Marie-Luise Matthys bei der Arbeit auf dem Dietiker Fondlihof.

Tänzerin und Kindergärtnerin Linda Trolese und Agrarökonomin
Marie-Luise Matthys bei der Arbeit auf dem Dietiker Fondlihof.

Chris Iseli

Lukas kniet vor dem Mangoldbeet und begutachtet, welche Exemplare schon reif genug sind, um geerntet zu werden. Diese reisst er dann heraus und legt sie in einen Gemüsekasten. So bewegt er sich achtsam von Reihe zu Reihe, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht. Doch Lukas ist kein gelernter Landwirt, sondern Fotograf. Und der Mangold wächst nicht in seinem eigenen Garten, sondern auf dem Dietiker Fondlihof.

Der Zürcher gehört zu inzwischen über 600 Mitgliedern der Hofkooperative Ortoloco. Die Genossenschaft funktioniert nach dem Prinzip der solidarischen Landwirtschaft. Das heisst, Konsumenten sowie Landwirtinnen arbeiten zusammen. Die Konsumenten sind somit gleichzeitig Produzenten. Damit werden die Kosten, die Ernte sowie auch das Risiko für den Betrieb auf mehrere Schultern verteilt.

Kennt den Betrieb gut: Genossenschafterin und Vorstandsmitglied Anita Weiss arbeitet seit gut zehn Jahren für Ortocolo.

Kennt den Betrieb gut: Genossenschafterin und Vorstandsmitglied Anita Weiss arbeitet seit gut zehn Jahren für Ortocolo.

Chris Iseli

Mit der Mitgliedschaft bei Ortoloco verpflichten sich die Genossenschafter, je nach Abo mindestens vier- bis 14-mal pro Jahr jeweils einen Halbtag auf dem Hof zu arbeiten. Die einzelnen Aufgaben wie Ernten, Jäten oder Gemüse abpacken können auf einer eigens dafür eingerichteten Website gebucht werden. In Gruppen verrichtet die Genossenschaft dann die jeweiligen Arbeiten und liefert die Produkte an insgesamt 17 Depots in der Stadt Zürich und in Dietikon. Jedes Mitglied hat ein bestimmtes Kontingent an Waren, die es dann in einem der Depots beziehen kann.

Fünf hofeigene Fachkräfte unterstützen die Genossenschaft beim Bestellen der Felder. Ansonsten ist Ortoloco komplett selbstorganisiert. Neben den landwirtschaftlichen Aufgaben engagieren sich die Mitglieder auch im Vorstand der Genossenschaft. Manche sind Teil eines extra ins Leben gerufenen IT-Teams, welches sich um die technischen Angelegenheiten kümmert. Die Zusammenarbeit unter den Hunderten Genossenschaftern erstaunt Anita Weiss immer wieder aufs Neue. Sie sagt:

«Dass es so gut funktioniert, all das kollektiv zu organisieren, ist schon eine Erfolgsgeschichte.»

Die 38-Jährige ist seit 2011 und damit fast seit den Anfängen bei Ortoloco dabei. Seit 2014 sitzt die ausgebildete Sozialpädagogin und zweifache Mutter zusätzlich im Vorstand und kümmert sich um die Abonnemente. Mit der Entwicklung der Mitgliederzahlen sei sie grundsätzlich zufrieden, sagt Weiss. Beim Gemüseabo sei jedoch langsam das Maximum erreicht. «Wir haben nicht unbegrenzt viele Plätze. Wir nehmen nur so viele Mitglieder, wie es auch Sinn macht.»

Während der Coronazeit habe sie einen Anstieg bei den Abo-Anfragen festgestellt, sagt Weiss. Sie habe die Leute dann jeweils auf eine Warteliste setzen oder an andere Kooperativen in der Region verweisen müssen.

Ernten, Jäten, Gemüse abpacken: Über 600 Genossenschafter arbeiten mit Ortoloco auf dem Dietiker Fondlihof.

Ernten, Jäten, Gemüse abpacken: Über 600 Genossenschafter arbeiten mit Ortoloco auf dem Dietiker Fondlihof.

Chris Iseli

Die Genossenschaft bewirtschaftet schon seit über zehn Jahren einen Teil des Fondlihofs. Zürcher Studierende haben das Projekt 2009 mit der Absicht lanciert, «eine Alternative zum Wahnsinn der Konkurrenz-Wirtschaft» zu schaffen, wie es auf einem Schild beim Hof heisst. Jüngst ist die Anbaufläche stark gewachsen. Seit diesem Jahr ist der ganze Hof in den Händen der Genossenschafter.

Damit wurde auch das Angebot breiter. Zum Gemüseabo sind zwei weitere verschieden teure Abos mit unterschiedlicher Produktpalette hinzu gekommen. Pro Abo bezahlen die Mitglieder zwischen 1620 und 2890 Franken pro Jahr. Mit dem Beitrag werden die laufenden Betriebskosten gedeckt. Zusätzlich investiert jeder Genossenschafter mit dem Kauf von mindestens vier Anteilscheinen zu je 250 Franken (insgesamt also 1000 Franken) in die Infrastruktur des Hofs. Für Haushalte mit kleinerem Budget gibt es zudem den sogenannten Solifonds, der es ihnen ermöglicht, zu einem reduzierten Beitrag bei Ortoloco mitzumachen.

Ein Ausgleich zum Büroalltag

Die Leute seien aus den unterschiedlichsten Motivationen dabei, erklärt Vorstandsmitglied Weiss. Etwa, weil sie gerne Leute treffen würden, marktkritisch eingestellt seien oder es einfach lässig fänden, regionale Produkte zu beziehen. «Für viele Mitglieder ist diese körperliche Arbeit ein Ausgleich zum Bürojob», so Weiss. Aber auch Pensionierte seien unter den Mitgliedern.

Interessierte können sich auf der Website von Ortoloco für eines der drei verfügbaren Abos anmelden. Erfahrung brauche es dafür keine, sagt Weiss. Wichtig zu beachten sei allerdings, dass bei jedem Wetter gearbeitet und auch Wert auf Effizienz gelegt werde. Weiss: «Man muss bereit sein, dreckige Hände zu bekommen, und Lust haben, Leute zu treffen.»